Tanzen oder nicht tanzen, das ist hier die Frage - über das Schulprojekt des Bayerischen Staatsballetts

von kulturvollzug

Probenfoto "Anna tanzt" (c) Wilfried Hösl

Das Schulprojekt "Anna tanzt" des Bayerischen Staatsballetts zwingt zum sechsten Mal liebevoll Teenager in den Probensaal. Das Ergebnis, "Anna tanzt VI-Anna liebt...", kann sich sehen lassen. Es ist die letzte Zusammenarbeit mit dem St. Anna-Gymnasium in München. Der Kulturvollzug war bei den Proben dabei.

"Also, Romeo und Julia, die haben sich verliebt. Gleich nach der Heirat ham se auch 'ne Nacht miteinander gehabt. Auf Paris hatte Julia kein' Bock. Und Romeo musste dann später in so'm Verbannungsteil leben." Wenn 13- und 14-jährige Teenager über Liebe tanzen, müssen große Vorbilder her. Wenn also am 27. Juli 2011 in der Muffathalle zur Premiere von "Anna tanzt" die Bühnenlichter angehen, zeigt die achte Jahrgangsstufe des St. Anna-Gymnasiums folgerichtig ihre ureigene Fassung von Shakespeares "Romeo und Julia". Die Schülervorstellung sollte man aber nicht mit einer der vielen modernisierten Versionen der Tragödie verwechseln. Gezeigt wird vielmehr eine herbe Bowle, zusammengemixt aus den wichtigsten Elementen menschlichen Dramas, das wir Liebe nennen.

Probenfoto "Anna tanzt" (c) Wilfried Hösl

Es ist das sechste "Anna tanzt"-Projekt, das das Bayerische Staatsballett schon stemmt. Das Rezept: Total unsichere, lustlose und gehemmte Jugendliche werden in den letzten vier Wochen des Schuljahres in die Räume des Staatsballetts gebeten, um mit Profi-Tänzern und Choreografen ein Bühnenstück einzustudieren. Parallel dazu lädt Bettina Wagner-Bergelt, stellvertretende Ballettdirektorin, bewusst auch immer Schüler eines Nicht-Gymnasiums ein. In diesem Jahr ist die Wahl auf eine Hand voll 16- bis 18-jähriger Jungen aus der Berufsschule für den Einzelhandel gefallen. "Gerade mit 13, 14 sind Kinder ja sehr konventionell und ängstlich, ordnen alles schnell in Kategorien ein", sagt Wagner-Bergelt. "Wir wollen, dass sie sich hier etwas trauen, was Neues machen, mehr wahrnehmen. Und eben auch Leute aus anderen Kontexten kennen lernen, sei es aus der Parallelklasse oder von einer ganz anderen Schule."

Um die Liebes-Ideen der jungen Leute in Bühnenform zu bringen, sind unter anderem die Choreografin Lenka Flory von Déjà Donné und die Performerin Ruth Geiersberger engagiert. Dazu einige Tänzer des Staatsballetts, die pädagogisches Potential in sich wittern, sowie eine Band. Alles ist vorhanden - um einem Heer von Zaudernden Beine zu machen.

"Ich tanze nicht gerne", sagt gleich am ersten Tag der 16-jährige Seif. Der zukünftige Supermarkthändler mit irakischen Wurzeln und Türsteherstatur weigert sich, sich auf den Boden zu werfen, so wie es die Übung erfordert. "Naja, ich hab's mir schlimmer vorgestellt", gibt er in der Pause zu. "Aber verbiegen tu ich mich hier garantiert nicht." Die 14-jährige Gloria vom St. Anna-Gymnasium ist sogar ein besonderer Härtefall. Wer sie sieht, erwartet angesichts ihrer natürlichen Leichtigkeit und ihrer biegsamen Glieder eigentlich eine Favoritin für die erste Reihe. Aber sie will nicht. "Es macht nicht so richtig Spaß", haucht sie angeödet in den Block der Reporterin vom Kulturvollzug. "Ich hab' noch nie getanzt, mache auch keinen Sport. Jetzt plötzlich ein Training von drei Stunden am Tag, das finde ich echt anstrengend." Sie macht jede Übung nur halb.

Probenfoto Anna tanzt (c) Wilfried Hösl

Aber es geht ja um Liebe. Und deshalb aktivieren die Pädagogen alle nervlichen Reserven: Stefan Dreher gibt eine Yoga-Stunde, der keiner entkommt, und Peter Jolesch, sonst als großer Brahmane oder auch als Prinzipal in Kyliáns "Zugvögel" auf der Bühne des Nationaltheaters zu sehen, legt sein ganzes Himmeldonnerwetter in die Stimme, um die über 100 Teenies in Paaren gegenläufig vor- und zurücklaufen zu lassen. "Für uns Tänzer ist an diesem Projekt wichtig, dass wir dabei einmal die Vorstellung ablegen müssen, Bewegung sei selbstverständlich", sagt er. "Zudem bin ich überzeugt, dass es wirklich jedem was bringt. Auch die, die nicht so aktiv dabei sind, haben nach Jahren eine positive Erinnerung." Auf die Frage, wie er die Teens denn wenigstens lockerer kriegt, grinst er. "Am Anfang stellen wir immer die Aufgabe: Tritt vor die Mannschaft und flipp aus. Freak out completely!" 13-jährige lieben das. Aber man werde lachen, so Jolesch, zur Generalprobe hätten die meisten kein Problem mehr damit. "Davon abgesehen bringt 'Anna tanzt' körperlich ja immer etwas. Da geht es ganz einfach auch um Disziplin. Man muss sich halt auch mal bewegen, wenn einem nicht danach ist."

Vier Wochen später, beim zweiten Besuch der Reporterin, sitzt immer noch ein St.-Anna-Lehrer vor dem Probensaal im Nationaltheater. Er passt auf, dass niemand von den Nullbockis abhaut. Denn "Anna tanzt" ist immerhin offizieller Schulunterricht, Anwesenheit ist Pflicht! Öffnet sich dann jedoch die Tür auf das, was die jungen Leute inzwischen einstudiert haben, stellt sich sachtes Staunen ein. Aus den Ideen der Schüler ist doch tatsächlich eine Sache mit Hand und Fuß entstanden, scheint es. "Liebe ist unterschiedlich", haucht Gloria gerade in ein Mikrofon, "manchmal schön, manchmal dumm. Manchmal merkwürdig." Eher schüchtern als angeödet klingt sie. Andere erzählen, singen, trommeln, improvisieren. Und tanzen natürlich, wenn auch auf eine höchst skurrile Art: Die Jungen gehen aus Angst vor Hüftschwüngen in Kampfszenen auf, die Mädchen bringen strahlend ihr Jazzdance-Können an. Es bilden sich Paare, die man am ersten Tag nicht im Traum zusammen gesehen hätte. Seif ist kein Travolta geworden. Aber er hat plötzlich einen neuen besten Buddy, seinen Mitschüler Benni. Allein deshalb macht er aufmerksam mit, steht im Einklang mit dem Projekt - das in diesem Jahr zum letzten Mal mit den Anna-Schülern stattfindet, da die Schulleitung wechselt. Im kommenden Jahr wandert der Stab an das Heinrich-Heine-Gymnasium und aus "Anna tanzt" wird "Heinrich tanzt".

Und dann geschieht es doch noch: Zum berühmten Hoftanz ergreift die Musik Besitz von den Teenager-Körpern. Egal ob dick oder dünn, ob Tierärztin oder Supermarkt-Chef, man springt, dreht, durchquert den Raum. Prokofiews Jahrhundert-Partitut hat mal wieder gewonnen. "Anna liebt" ist kein Kunstwerk im klassischen Sinne, sondern ein faszinierender Blick in Teenagerseelen. Wer meckert, dass er verliebte Jugendliche nicht versteht, hat jetzt eine einmalige Gelegenheit, zu sehen, worüber diese Aliens nie reden.

Isabel Winklbauer

Zu sehen am Mittwoch, den 27. Juli 2011 um 11 und 19 Uhr, am Donnerstag den 28. Juli 2011 um 11, 15 und 19 Uhr jeweils in der Muffathalle. Karten über das Boxoffice der Staatsoper unter www.staatstheater-tickets.bayern.de oder an der Abendkasse.

 

Veröffentlicht am: 26.07.2011

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