Hinter allem Ernst viel Heiteres - Mozarts Mitridate im Prinzregententheater

von kulturvollzug

Gefeiert für ihre „Mitridate“-Produktion: Dirigent Ivor Bolton, Regisseur David Bösch und die Sopranistin Patricia Petibon als Aspasia. Foto: Hans Gärtner

Jubel für die zweite Opernfestspielpremiere 2011: Heftiger Applaus für Orchester, Sänger und David Böschs Regie bei Mozarts „Mitridate“ im Prinzregententheater.

So jung, so spitzbübisch, so pubertär sind sie ja nun nicht mehr, die beiden rivalisierenden Prinzen Sifare und Farnace in der Opera Seria „Mitridate, Rè in Ponto“, die Ivor Bolton (Dirigent) und David Bösch (Regisseur) als zweite Festspielpremiere auf die „Prinze“-Bühne stellten. Oder orientierten sich Bösch und seine Ausstatter Patrick Bannwart und Falko Herold am gerade mal 14-jährigen Wolferl Amadé Mozart, bei dem die Stadt Mailand 1770 das Libretto von Vittorio Amadeo Cigna-Santi nach Racines Tragödie zur Vertonung in Auftrag gegeben hatte? Die im Vorspiel gezeigten hellen Strich-Projektionen auf schwarzer Rück-Leinwand ähnelten jedenfalls mehr Kinderkritzeleien: Sie geben den ungezügelten Phantasiereichtum des beim Tondichten schwitzenden Knaben Wolfgang preis. Und sie waren wohl kleine Fluchten vor der Strenge des Vaters Leopold.

Um verzwickte Vater-Sohn-Konflikte geht es in der samt zwei Pausen dreieinhalb Stunden dauernden Oper – so die Sichtweise des ideenstarken Regie-Teams, das es vermied, ins Politische abzudriften. Das Drama dreht sich um die Familienzwistigkeiten im Hause des pontischen Königs Mitridate, der gegen Rom Krieg führt, das aber wiederum mit seinem aufständischen Spross Fernace verbündet ist. Zankapfel ist auch noch die fahlfeurige Aspasia: mit dem um einiges reiferen König verlobt, aber unsterblich in dessen anderen Sohn Sifare verliebt, der schon deshalb mit dem Herrn Papa nicht klar kommt.

Es gab sehr viel, zu viel zu lesen in den rasch wechselnden Übertiteln. Jede Arie wird ja einmal wiederholt, was jedoch - stets anders in Szene gesetzt - dem Publikum nie langweilig wurde. Und das trotz eines Dauer-Dunkels, das Bösch sich schon in der fürs Nationaltheater sehr erfolgreich aufbereiteten Donizetti-Komödie „L` Elisir d` amore“ geleistet hatte.

Flattermöwen, gebrochene Herzen, finstere Grabkreuze und ein allgegenwärtiger Tod, oft in der Fratze des Scheusals Mitridate, bespielten listig die Leinwand, von der alles andere als Ruhe ausging. Doch gerade diese übertriebene Lust am Verwandeln, eine von Boltons Tempo- und Härte-Manier mit verantwortete Dynamik und Fahrigkeit, vor allem aber die Heiterkeit der Regie - bei allem Ernst des Stoffs - gefiel. Das Publikum applaudierte anhaltend, nicht nur am Schluss, sondern – oft ungewöhnlich lange und heftig – auch nach einzelnen Arien und Duetten. Zu Recht wegen des von Beginn an höchst präzisen Orchesters, aber auch wegen des exzellenten Sänger-Ensembles. Ein derart exklusives und gut harmonierendes Darstellerteam gab es in Münchens jüngster Operngeschichte nur selten zu erleben.

Unschlagbar an Brillanz und Präsenz, stimmlicher Verve und schauspielerischer Kraft: Patricia Petibon als Aspasia. Mitridate war Barry Banks – ein Tenor der Sonderklasse, der Schärfe mit gezügelter Wut und Rachsucht so ausstattete wie es wohl keinem Fachkollegen von der Hand geht. Lawrence Zazzo besitzt neben einer unbändigen Coolness, gepaart mit Sexappeal und ironischer Brechung, einen der weltbesten Conter-Stimmen, mit der er den Farnace einprägsam zeichnete. Dagegen anzusingen, hatten es Anna Bonitatibus (unvergesslich, rühmlich: ihr Duett mit dem im Orchester für seinen Part extra aufgestandenen Hornisten) als Sifare, Eri Nakamura als (weiblicher) Arbate und Alexey Kudrya als Marzio schwer, obwohl ohne sie das Top-Niveau der Aufführung nicht zu erreichen gewesen wäre.

Hans Gärtner

Für die seit gefühlt undenklichen Zeiten ausnahmslos hochlöbliche Neuproduktion – hoffentlich verschwindet sie nicht im Depot – gibt es noch wenige Restkarten für die Aufführungen am 24., 26. und 29. Juli.

Veröffentlicht am: 24.07.2011

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