Theater forscht - das Spielart Festival fragt: "Wie wollen wir leben?"

von kulturvollzug

Sprachlosigkeit schon vor der Katastrophe: Daisuke Miuras „Castle of Dreams“. Foto: Bruno De Tollenaere 

Zwei Jahre Warten sind fast rum: Ende November startet das 9. Spielart-Festival. Chef-Kurator Tilmann Broszat präsentierte schon mal das neue Programm für 17 Tage zeitgenössisches Theater aus aller Welt.

Duschen, frühstücken, arbeiten, Mittagessen, weiter arbeiten, Kaffeepause, weiter arbeiten, Feierabend, Freizeit, Abendessen (oder andersrum) und ab ins Bett. Fünf Mal hintereinander, dann ist Wochenende, anschließend geht es wieder von vorne los. Alltag macht das Leben kaputt. Einerseits. Andererseits ist der Alltag nun mal unser Leben.

„Wie wollen wir leben?“ fragt das Spielart Festival dieses Jahr recht grundsätzlich, packt unser Leben am Kragen und auf die Bühne und macht genau diesen Widerspruch zum übergreifenden Thema der internationalen Theaterschau: Vom 18. November bis zum 4. Dezember wird München „ Kristallisationspunkt für zeitgenössisches Theater“. So sagt der Münchner Kulturreferent Hans-Georg Küppers und lobt Spielart als „ein Zukunftslabor, einen Denk- und Vorstellungsraum für Mögliches und Unmögliches“.

Alle zwei Jahre und mittlerweile zum neunten Mal stellt sich das Festival unter der Leitung von Tilmann Broszat der schönen und schwierigen Aufgabe, die aktuellen Entwicklungen der internationalen Theaterszene widerzuspiegeln: 24 Inszenierungen, mit über 200 Künstlern aus Frankreich, Großbritannien, Dänemark, Norwegen, Schweden, Italien, Spanien, Finnland, Polen, Russland, Kolumbien und USA, dazu Diskussionsrunden, Konzerte, Workshops – das macht insgesamt über 70 Veranstaltungen in 17 Tagen. Ein bisschen Kondition sollte man also mitbringen, wenn man wissen will, was sich auf den Bühnen so tut.

Länderschwerpunkt dieses Jahr ist Japan, vertreten durch Toshiki Okada und Daisuke Miura. „Die Entscheidung fiel vor dem Erdbeben“ erzählt Broszat, „und wir sind alle froh, dass die Kooperation trotzdem zustande gekommen ist“. Beide Regisseure beschäftigen sich auf sehr unterschiedliche Weise mit der Frage: Was machen wir mit unserem Alltag, beziehungsweise, was macht der Alltag mit uns? „The Sonic Life of a Giant Tortoise“ zeigt ein junges, erfolgreiches Paar, das alles hat, und dennoch kein Glück empfindet: War’s das jetzt, oder wollen wir doch noch was? Okadas Stück wurde im Februar in Japan uraufgeführt, „aber durch das Erbeben und seine Folgen“, so der Regisseur, „hat sich unser Alltag und damit auch die Lesart des Stücks radikal verändert“. Daisuke Miuras Inszenierung „Castle of Dreams“ wurde bereits 2006 uraufgeführt, im gleichen Jahr bekam er als bisher jüngster Regisseur die wichtigste Theaterauszeichnung Japans verliehen, den Kunio-Kishida-Preis. Er zeichnet ein radikal düsteres Sittengemälde einer zu Tode gelangweilten wohlstandsverwahrlosten Generation: Essen, Schlafen, Sex, Playstation und fertig. Das reicht, mehr will man gar nicht. Es herrscht konsequente Sprachlosigkeit.

„Spielart ist keine Namedropping-Veranstaltung“ macht Co-Kurator Gottfried Hattinger klar, aber ein bisschen stolz ist man dann doch, wenn man berichten kann, dass man den belgischen Choreografen Alain Platel oder den Volksbühnen-Regisseur René Pollesch als Mentoren für das Künstlerförderungsprojekt „connect connect“ gewinnen konnte. Das Konzept ist einfach und wirkungsvoll: Jeder Mentor wählt zwei Künstler aus unterschiedlichen Bereichen, die dann gemeinsam eine Performance oder eine Inszenierung entwickeln – kreative Nachwuchsförderung mit Empfehlung quasi. Pollesch hat sich nicht lumpen lassen und die für ihr Romandebüt „Axolotl Roadkill“ gleichermaßen gelobte wie gescholtene Jungautorin Helene Hegemann mit Kathrin Krottenthaler, einer Christoph-Schlingensief-erprobten Kamerafrau, zusammengesteckt. Der Arbeitstitel „Die Perversität des Spin-offs“ hat auf jeden Fall schon mal ausreichend postmodernes Flair. Könnte spannend werden. Auf jeden Fall besser als Alltag.

Barbara Teichelmann

Alle Inszenierungen des Spielart-Festivals unter: http://www.spielart.org. Der Kulturvollzug begleitet Spielart als Medienpartner.

Veröffentlicht am: 15.07.2011

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