Die Angst, zum Gurkensalat zu werden: Theaterpreis für die Hobmeier

von Michael Weiser

Glanzrolle: Brigitte Hobmeier als "Susn". Foto: Arno Declair

Madonna und Vamp, Knallcharge und Charakterdarstellerin, die Derbe, die Filigrane: Was hat man der Schauspielerin Brigitte Hobmeier nicht schon für Attribute angehängt. Und das Überraschende daran ist, dass sie alle stimmen. Die 35-Jährige gehört zu den einprägsamsten und vielseitigsten Schauspielerinnen. Jetzt gab es für die Hobmeier den Theaterpreis der Stadt München - im Anschluss an ihre Glanzvorstellung beim "Hotel Savoy".

Ein "Theatervieh" nennt sie anerkennend Volkstheater-Intendant Christian Stückl, seinerseits ein allgemein anerkanntes Exemplar jener seltenen Spezies. Stückl muss es wissen, denn an seinem Haus begann der bemerkenswerte Aufstieg der Brigitte Hobmeier: Als "Geierwally" feierte sie ihren Durchbruch, hilfreich nicht nur für ihre eigene Karriere, sondern auch für den Bestand des Volkstheaters, das unter Christian Stückl endlich aus seinem Siechtum erwachte. Die schlanke Rothaarige mit dem Madonnengesicht stand jedenfalls bald für das charakterstarke, neue Theater, das an der Briennerstraße zunehmende Besuchermengen anzog.

Die nächste Station waren die Kammerspiele, "kilometerweise gar nicht weit weg, aber doch eine andere Welt als das Volkstheater". Eine große Bühne eben, in ganz Deutschland wahrgenommen als eine der stärksten und experimentierfreudigsten Sprechbühnen, "mit einem Traumensemble" wie sie bei ihrer Dankesrede schwärmte. Immer wieder fand sie Feuerköpfe und Theatermacher, mit denen sie auf einer gemeinsamen Frequenz funken konnte. Stückl war so einer, auch Frank Baumbauer, Intendant der Kammerspiele. "Damit Sie's wisse, ich bin fei schwanger", sagte sie ihm bei den Vertragsverhandlungen. Und Baumbauer entgegnete ungerührt: "Gut, und wann können Sie anfangen?"

Sie fing an als "Anja" in Tschechows "Kirschgarten", eine Rolle so nebensächlich, dass es Tschechow (wie er selbst in einem Brief schrieb) vollkommen egal war, wer sie spielte. Sie musste durchs Reich von Jon Fosses "Schatten" wandeln. Doch dann der große Auftritt, als Elisabeth in Stephan Kimmigs Inszenierung von Horvaths "Glaube Liebe Hoffnung." Sie war zunächst skeptisch, wie sie sich erinnerte: "Entweder, du kommst da als Gurkensalat raus, oder du fängst an zu arbeiten." Die Arbeit hatte Erfolg, am 19. Dezember 2006 ging ein neuer Stern am Münchner Theaterhimmel auf. Die Schlussszene, in der sie versucht, sich in einer Pfütze zu ertränken, blieb als eindrucksvolles Bild aus einem Münchner Theaterjahrzehnt im Gedächtnis haften.

Man hat den Eindruck, dass vor allem zu Thomas Ostermeier der Funke springt. Sie, die Ismaningerin, hat niederbayerische Wurzeln, er der Schaubühnen-Macher in Berlin, kommt direkt aus Niederbayern. Deswegen haben die beiden auch diese Vorstellung von Bayern nicht als geographischer Bezeichnung, "sondern als Zustand", wie Laudatorin Christine Dössel bei der Preisverleihung in der Spielhalle sagte. "Susn" von Achternbusch, ihr Parforceritte durch vier Lebensalter einer Frau, war so ein Höhepunkt der Arbeit mit Ostermeier, erst recht die "Ehe der Maria Braun": Mehr Schygulla hatte man seit der Fassbinder-Verfilmung nicht gesehen. Ostermeier holte sie auch mal nach Berlin, aber sie zog es immer zurück nach München: Sie ist, bei aller Vielseitigkeit, bei aller Lust zu Ausflügen, bodenständig.

Mit ihrer starken Basis im Theater, ihrer Sprech- und Charakterrollenausbildung, ist sie auch für Film und Fernsehen eine höchst interessante Akteurin. Sie wirkte in der Adaption von Judith Hermanns "Nichts als Gespenster", in späteren Filmen kehrte sie zurück nach Bayern. Sie spielte an der Seite von Maximilian Brückner in Marcus H. Rosenmüllers "Räuber Kneißl" und "Perlmutterfarbe" und in der Verfilmung von Andrea Maria Schenkels Bestseller "Tannöd". Im ZDF-Historiendrama "Die Hebamme – Auf Leben und Tod" spielte sie die Titelrolle. In den vom Bayerischen Rundfunk produzierten Folgen des ARD-Radio-Tatorts spricht sie die Polizeiobermeisterin Senta Pollinger.

Entspannt und bodenständig: Brigitte Hobmeier nach der Preisverleihung in der Spielhalle. Foto: Andrea Huber

Sie ist eine Gstandene, eine Etablierte, Arrivierte, wenn auch - genaugenommen - noch kein Fall für den Theaterpreis der Stadt München, der schon so etwas wie eine Auszeichnung für ein Lebenswerk darstellt. Sie ist aber immer noch eine der zarten, sensiblen Darstellerinnen. Eine, die durchaus nervös werden, die vor einem Theaterabend ein "schlechtes Gefühl" haben kann. Ihr kleiner Sohn packt ihr dann "ein mordsmäßig gefährliches Ritterschwert in die Tasche", erzählte sie in der Spielhalle. "Und dann sagt er: ,Jetzt hab ich dich ausgerüstet, treffen musst du selber."'

Veröffentlicht am: 07.07.2011

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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