Drive der Generationen: Doldingers Jubiläumskonzert mit Passport auf dem Tollwood

von kulturvollzug

Der Boss, angetrieben auch von den Kollegen. Foto: Ssirus W. Pakzad

Die Zeitreise begann schon vor dem ersten Ton. Ganz allein kam der Saxofonist, Bandleader, Film- und Fernsehkomponist Klaus Doldinger auf die Bühne der gut gefüllten Gehrlicher Musik-Arena, legte seine beiden Hörner erst mal auf die Seite und redete sich warm: der erstaunlich frisch gebliebene 75-Jährige parlierte über seine Beziehung zu München, machte an wichtigen Orten seiner Karriere kurz Station, erinnerte an Weggefährten und Ereignisse, gab Anekdoten preis. Und, dafür gebührt ihm Dank, er forderte das Publikum indirekt auf, auch mal die beiden Clubs in München zu besuchen, in denen der Jazz unablässig tobt: die Unterfahrt und den Nightclub im Bayerischen Hof.

Nach gut zehn Minuten der musikfreien Einleitung kam es dann zu einer Wiedervereinigung. Und es war eigentlich, als seien Doldinger, der Tastenmann Kristian Schultze, der Bassist Wolfgang Schmid und der Schlagzeuger Curt Cress nie auseinander gewesen. Diese vier standen nicht für die erste, vor vierzig Jahren gegründete, wohl aber für die erfolgreichste Passport-Besetzung, weshalb sie heute auch „Classic Passport“ genannt wird. Erste Proben anlässlich des Jubiläums-Programms liefen schon wie geschmiert – und das Konzert flutschte nur so. Trotz der Fröstel-Temperaturen im unangenehm zugigen Zelt wurde dem Publikum schnell warm – denn die Band spielte mit vorbildlicher Dynamik aus dem Repertoire von einst. Klaus Doldinger selbst hielt sich fast ein wenig zurück und ließ die Anderen glänzen. Sie dankten ihm den Freiraum mit inspirierten Einlagen.

Nach der Pause trat dann die aktuelle Septett-Besetzung von Passport an, die vor allem im perkussiven Bereich bestens ausgestattet ist. Der direkte Vergleich zum Quartett der mittleren 70er Jahre: über solch ausgeprägte Persönlichkeiten wie das erst abgelaufene und jetzt temporär wieder ausgestellte Vorgänger-Modell verfügt Passport 2011 vielleicht nicht. Die Konstante aber bleibt Klaus Doldingers Musik, der die Zeit selbst in aktuellen Aufnahmen wie dem Album „Inner Blue“ nichts anhaben kann. Sie lebt nach wie vor von griffigen Themen, die Doldinger mit durchdringendem Sopransax oder markig-rauem Tenor intoniert, von musikalischen Mitbringseln aus aller Welt (Brasilien, Marokko) und sie vermittelt energiegeladen zwischen Jazz und Rock. Dabei entwickelt sie auf der Bühne einen Drive, der selbst jene mitreißen dürfte, die solche Klänge eigentlich für etwas anachronistisch halten. Drei Trommelkünstler verdichteten den Verlauf eines jeden Stücks und trieben damit ihre Kollegen, nicht zuletzt auch den Boss, an. Einmal gab es dann doch eine Referenz an die Gegenwart: eine schön laute Rave-Sequenz.

Die meisten Jazz-Konzerte beginnen erst am fortgeschrittenen Abend. Dieses aber musste aufgrund der Lärmschutzbedingungen auf Tollwood bereits um 22 Uhr enden. Kurz vor ultimo holte der sichtlich vom Jubel des Publikums berührte Klaus Doldinger die alten Recken von einst mit auf die Bühne und vereinte zwei Generationen von Passport, die dann zu einem launigen Jam ausholten. Ovationen.

Ssirus W. Pakzad

Veröffentlicht am: 05.07.2011

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