Was die Staatsoper nicht alles könnte: Mehr Mut zu Experimenten, bitte!

von kulturvollzug

Zeige deine Wunden: "Make no noise" vertont eindrucksvoll das Leiden traumatisierter Menschen. Foto: Wilfried Hösl

Alles neu macht der Mai? Von wegen: Heuer war es der Juni, der mit zwei Opern-Uraufführungen protzte. Das Adevantgarde-Festival endete mit der Uraufführung der kollektiv komponierten Märchenoper „Versprochen, Froschkönig, versprochen!“ Und die Münchener Opernfestspiele gönnten sich „Make no noise“ des tschechischen Newcomers Miroslav Srnka. Gleichzeitig stellte sich die Frage, warum die Staatsoper mit ihrem Riesen-Apparat nicht öfter Experimente wagt.

Gemeinsam war beiden Uraufführungen die Exotik des Spielorts: Das Adevantgarde-Festival,  bescheidenen ausgestattet, stemmte sein Finale in Kooperation mit der Regieklasse der Musikhochschule in der

Reaktorhalle, die Staatsoper ließ ihr Küken im "Pavillon 21Mini Opera Space" am Marstallplatz, ihrem Hinterhof, schlüpfen.

Zudem stützten sich die Texte beider Opern auf bestehende Vorlagen. Birgit Müller-Wieland machte aus dem Grimmschen „Froschkönig“ ein hinreissendes, zeitgemäß reimendes deutschsprachiges Libretto, Tom Holloway destillierte aus dem Film „The secret life of words” von Isabel Coixet einen unaufgeregten, präzisen Text in Englisch. Und in beiden Stücken spielt Pasta eine Rolle.

Das Risiko der Vertonung teilte das Adevantgarde-Festival durch drei. Den ersten Teil komponierte solide, kindgerecht der Frankfurter Professor Gerhard-Müller Hornbach. Ergiebiger und theatraler war der

Beitrag der jungen Tirolerin Manuela Kerer. In absurd überzeichneter Klang- und Stimmführung japste und juchzte singendes Küchengeschirr, tanzte Hip-Hop die Pasta, bevor sie ins Nudelwasser sprang.

In menschlichen Dialogen gerät Kerer allerdings schnell an ihre Grenzen. Dies gelang im Schlussteil dem Münchener Johannes Schachtner. In einem Intermezzo zwischen Hornbach und Kerer liess er bereits Heinrich, den treuen Diener des Prinzen, in Variationen über das Lied „In einem kühlen Grunde“ romantisch seufzen. Im Finale unterbrach Schachtner den Tonfluss mit überraschenden Pausen, als horchten die Erlösten ungläubig ihrem neuen Glück nach.

Insel der Traumatisierten

"Make no noise" überspitzt die Filmvorlage ("The secret life of words") , was dieser Oper um beschädigte Seelen gut steht. Im Mittelpunkt steht die stotternde und gehörlose Hanna (Laura Tatulescu), die in einem Krieg von Soldaten vergewaltigt wurde und nun auf einer Bohrinsel als Krankenschwester dient. Dort trifft sie auf Josef (Holger Frank), der mit Verbrennungen auf der Station liegt und ebenfalls unter schweren Traumata leidet.

Miroslav Srnka setzte in der Vertonung alles auf eine Karte: die Genese reinen Gesangs. Zuvor startete es mit Härten. Der Lärm, den Hanna in ihrem inneren Gehör vernimmt, unterbricht als elektronische Zuspielung immer wieder die Handlung,. Dabei verschwindet das formidabel musizierende, an den Seiten in Containern sitzende Frankfurter "Ensemble Modern" schlagartig hinter Jalousien, um danach genauso fix wieder aufgetaucht weiterzuspielen.

Während das traumatisierte Paar anfangs, von Wutausbrüchen abgesehen, nur abgehackte Silben singt, braust die Musik in tonalen Dreitondrehungen in einem irren Klangplasma hinauf und hinab. Nach dem Anfangscrash ermüdeten die Klangwellen, wurde die textlich klug reduzierte Handlung zur Sitzfleischprüfung. Sorgte auch der Zahlen singende Wellenzähler (großartig Tareq Nazmi!) für Erheiterung, so sinnierte man selbst über die Ähnlichkeit, welche die weissen Binden und der rote Schorf der Brandwunden Josephs mit dem Parmesan und Tomatensossen des stimmakrobatisch agierenden Koch- Tenors (Kevin Conners) aufwiesen. Erst gegen Ende, als das nervige Auf und Ab abebbte und schließlich gänzlich verstummte, ging das Konzept Srnkas auf. Hanna und Joseph sangen endlich in einfachen, an Sciarrino erinnernden Koloraturen, die sich in kinderliedartige Intervalle auflösten.

Mehr als nur ein i-Tüppfelchen?

Eine lebensechte Geschichte endet im Märchen! Die Staatsoper zeigte mit ihrem kleinen Finger, was ihr Riesenapparat grandios könnte: mehr solche neuen Kammeropern! Das würde ganz ohne  Festival-Tamtam- und Stararchitektenzelt gehen, reaktiviert Bachlers Haus doch mit Kusejs Residenztheater den Marstall wieder als Experimentalbühne. Ein wahres Märchen würde auch Wirklichkeit werden, wenn zukünftig das Adevantgarde-Festival mehr als nur Kinderopern zustande brächte, sogar zusammen mit der Staatsoper. Dies funktionierte 2009 immerhin in der Ferne mit dem Stadttheater Osnabrück. Da sollte dies in München doch ein Kinderspiel sein!

Alexander Strauch

"Make no noise" steht noch am Samstag, 2. Juli, auf dem Spielplan.

 

Veröffentlicht am: 02.07.2011

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