Schönbergs schwerer Stand: Wer hat Angst vor Arnold I.?

von kulturvollzug

Das Pfingstsymposion 2011 öffnete Ohren auf einem Gebiet, das private Klassikkonzertveranstalter großräumig umgehen. Mit sozusagen eineinhalb Stücken Arnold Schönbergs ging das Symposion zu Ende: das Coriolis-Trio spielte erstklassig sein Streichtrio und führte zum ersten Mal in München ein durchaus beeindruckendes, etwas zu langes Trio von Wolfgang von Schweintz auf, das auf Material Schönbergs beruht.

Arnold II. Schwarzenegger von Kalifornien ist ein Entertainment-Star, dem jeder Eventmacher die Hand schütteln würde. Arnold I. von Kalifornien, alias Arnold Schoenberg, verweigert die Münchner Klassik-Konzertveranstalterszene 60 Jahre nach seinem Tod immer noch den Respekt. Man spickt ein klassisch-romantisches Gastspiel gern mit Musik von Ligeti, Kurtag, Widmann und Killmayer, Papa Schönberg jedoch bleibt der Kassenkiller. Sind die Umstände beider Arnolds Kalifornien-Aufenthalte schuld? Der Steirer Schwarzenegger legte in den USA eine Karriere wie sein Vorgänger Ronald Reagan hin und war zuvor Liebling der Münchener Schickeria gewesen.

Arnold Schönberg, Umstürzler der alten Tonalität und Erfinder der Zwölftonmusik, Wiener Jude, schillernder Lehrer, Autor und Komponist in Berlin vor 1933, war unfreiwillig Exilant in Los Angeles. Dort war er wenigstens als Badminton-Partner Gershwins geachtet, Mentor vieler amerikanischer Komponisten wie John Cage. Hierzulande erreichte er seinen Status nie wieder. Mit seinen nicht-tonalen Werken gilt er den privaten Konzertveranstaltern immer noch als „unverkäuflich, nicht-marktkompatibel“.

Warum dies hingenommen wird, konnte auch das Pfingstsymposion mit seinem Motto „Geheimnis“ nicht beantworten. Dort jedenfalls machte Schönberg „bella figura“. Zum Abschluss des Symposions im staatlichen Carl-Orff-Zentrum lud man sich hierfür das Münchner Coriolis Trio ein: der BR-Sinfonieorchester-Bratscher Klaus-Peter Werani, der Cellist Hanno Simons und Tobias Steymans an der Geige, der für die Michaela Buchholz einsprang.

Sie eröffneten voller Verve mit Schönbergs Streichtrio op. 45 (1946), geschrieben nach einem Herzinfarkt, der in Schönberg ein größeres Gefühl des Ausgeliefertseins erweckte als ein Augenblick seiner Fluchtjahre. So steckte er sein ganzes Schaffen in dieses einsätzige Synthese aus Sonaten- und Liedform mit Anklängen an Wiener Jugendstil, die Moderne der Zwanziger Jahre, voll wagnerisch-deutscher Sehnsucht nach der alten Heimat. Als im ruhigen Saal bei offenen Fenstern das Mittagsläuten herüberklang, glaubte man München mit Schönberg versöhnt. Und man hätte sich das Stück sofort wiederholt gewünscht.

Doch ging es unversöhnlich mit Wolfgang von Schweinitz weiter. Er war 1990 auf der zweiten Biennale mit seiner Oper Patmos in der Inszenierung von Ruth Berghaus präsent gewesen. Kurz danach wandte er sich neuen Tonalitäten aufgrund von reinen Stimmungen zu. Diese Abwendung verzieh ihm die deutsche Neue-Musik-Avantgarde nicht: es wurde still um ihn. Seine nicht traditionell-tonale, doch neu-harmonische „Plainsound-Sinfonie“ stieß 2005 gleichermassen auf breite Ablehnung wie glühende Zustimmung eines kleinen Kreises. Kein Wunder also, dass es ihn genauso in die USA verschlug wie die beiden Arnolds. Und so hat Deutschland erneut einen wirklich neutönenden Professor an das California Institute of the Arts verloren.

Dabei verspricht der Titel seines Trios sogar Pop-Musik: „Klang auf Schön Berg La Monte Young Stimmübung im Lobgesang für Streichtrio mit live-elektronischer Ringmodulation ad libitum, op. 39“. Zugleich stellt er hermetisches Komponieren auf den Kopf. Denn das Material liefert ihm eine komplexe Tonsatzetüde Schönbergs – keiner schrieb im 20. Jahrhundert so profund über Harmonik wie der „Atonale“.

Schweinitz lässt diese Etüde einmal rückwärts, dann vorwärts spielen, von dreissig Sekunden auf vierzig Minuten gedehnt. Die Übergänge zwischen den einzelnen Akkorden malt er behutsam mit Figurationen aus diesem Material aus, zeigt in seiner reinen Stimmung die vielfach verschiedenen, nun wahrlich „atonalen“ Intonationen zum Beispiel eines C in dieser Etüde und stösst in eine globalere Harmonik als die alte Dur-Moll-Technik vor.

Das ad-libitum der Ringmodulation füllte der Münchener Komponist und Klangkünstler Mathis Nitschke aus, durch seine Musik zu Houllebecqs Romaneigenverfilmung „Lanzarote“ international bekannt geworden. Die reine Stimmung der Streicher wurde so klar, dass immer die am Instrument und im Zuhörerohr mitklingenden, aber nicht gespielten Obertöne spürbar waren. Ein wenig lang kam einem das schon vor. Immerhin meinte man im Anschluss an das Konzert im Garten des Orff-Zentrums sogar die Obertöne der Rosenblätter zu hören.

Es blieb jedoch die Skepsis angesichts der anhaltenden Blindheit zweier saturierter Szenen: Die Münchner Konzertveranstalter bleiben blind gegenüber Schönberg, die deutsche Neue-Musik-Szene gegenüber frischen harmonischen Ansätzen.

Alexander Strauch

Veröffentlicht am: 24.06.2011

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