Berlin verstehen: Der neue Katalog zum Werk des Malers Rainer Fetting

von Michael Grill

Rainer Fetting. Foto: Elena Podlubnaja / Privatarchiv Rainer Fetting

Es ist nun einige Monate her, dass der Maler und ewige „junge Wilde“ Rainer Fetting im Interview mit dem Kulturvollzug folgenden Satz zur aktuellen kreativen Kompetenz der Hauptstadt gesagt hat: „Wenn ich das mal mit München oder Köln vergleiche – also da möcht' ich wirklich nicht freiwillig weg aus Berlin. Vor allem für Künstler und kreative Leute ist Berlin, damals wie heute, die wichtigste Stadt in Deutschland. In dieser Hinsicht hat die Stadt eine ähnliche Tradition in Deutschland wie New York für die USA.“ Fetting stellte damals in der Münchner Galerie Karl Pfefferle aus – inzwischen (und noch bis Mitte September) dreht sich die Berlinische Galerie um ihn, die große Schau trägt den selbsterklärenden Titel „Berlin“. Was also Rainer Fetting im Interview genau gemeint hat, lässt sich derzeit am besten in der Hauptstadt überprüfen - oder eben mit dem zur Ausstellung im Hirmer-Verlag erschienenen Katalog.

„Rainer Fetting – Berlin“ zeigt den Künstler mit einem seiner zentralen Lebensthemen: Die Stadt, in die er 1972 zog, um sich aus der Enge der Provinz zu befreien, die er Mitte der 80er verließ, weil es ja auch noch New York gab, und in die er Mitte der 90er zurückkehrte, weil Berlin wieder neu entstanden war.

Überraschend und erhellend sind vor allem Fettings Fotografien, entstanden 1977 bis 1983 sowie 1992 bis 1998: nüchtern und romantisch zugleich, politisch im Unpolitischen, immer auch ein bisschen eitel. Zentral bleiben trotzdem Fettings gemalte Berlin-Bilder aus den 70er und 80ern: die gerade in ihrer Verletztheit so faszinierende Stadt mit einer giftgelb leuchtender Mauer.

An späteren Stellen in seinem Werk ist es umso interessanter zu sehen, wie sich das rebellische Wesen einfindet im neuen Berlin, in dem die eine Mauer verschwunden ist und ganz viele neue hochgezogen werden: Faszination Baustelle, mit der steten Überhöhung von Umbruch und Dynamik, dabei mindestens in Kauf nehmend, dass sich hier nicht mehr die Kreativität von unten verwirklicht, sondern der Kapitalismus von oben. Zwar ist Fettings Berlin auch in den 90ern noch wüst, wild (ja: „wild“) und oft von einem unheilschwangeren Himmel überwölbt, doch es ist viel Zeit vergangen und Leben passiert seit den wilden Nächten am Moritzplatz; vor der SPD-Zentrale steht Fettings Willy-Brandt-Statue.

Der kompakte Katalog ordnet und sortiert dieses Künstlerleben. Es schildert einen bemerkenswerten Werdegang, bei dem man aber das Gefühl nicht los wird, dass da irgend etwas Neues noch kommen muss.

Bei Fettings Musikerbildern ist vor allem erstaunlich, wie einer die schrundige Clubszene der 70er und 80er so zurechtarrangieren konnte, als wär's ein Picknick von Degas, und sie so expressiv mit Farben überziehen konnte, als wär's eine Wiese vom Blauen Reiter.

Die Musikerbilder glänzen vor allem dadurch, dass Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit das zentrale Werk „Drummer und Gitarrist“ aus dem Jahr 1979 von seinem Amtzimmer in die Ausstellung verlegen ließ. Im Vorwort sagt Wowereit: Man solle „die Energie spüren, die heute noch von Rainer Fettings Bildern ausgeht und die weltweit zu einem Markenzeichen Berlins geworden ist“. Der Satz ist bedauerlich. Denn er steht genau für das, was den neuzeitlichen Berlin-Chic manchmal so schwer erträglich macht: Das ständige Geraune von urbanen, undergroundigen Energien, die so unfassbar ganz anders seien als im Rest der Welt. Eine These, die vor allem von jenen vertreten wird, die den Rest der Welt absichtsvoll ignorieren, um sich möglichst ungestört in dieser neudeutschen Variante von Großstadt-Provinzialität suhlen zu können. So versenkt die Stadt den letzten Rest ihrer Glaubwürdigkeit in der Spree.

Dass Berliner Stadtoberen seit Jahren nichts anderes einfällt, als das Kreativitätsgehuber auch noch auf die Marketingschiene zu heben: das ist arm, aber nicht sexy.

Manchmal wirkt es, als hätte der berühmt-berüchtigte (und fast schon bayerisch-barock anmutende) Dauergrant des Künstlers Fetting über das von ihm ja auch selbst mitverschuldete Label „Junge Wilde“ hier seine tiefere Ursache.

Der Katalog.

Rainer Fetting: „Berlin“ (136 Seiten, erschienen im Hirmer-Verlag, ISBN 978-3-7774-4021-7, 29,90 Euro). Informationen des Verlages finden sich hier.

Bis 12. September 2011 in der Berlinischen Galerie (Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Alte Jakobstraße 124-128, 10969 Berlin)

Veröffentlicht am: 24.06.2011

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