Kusej macht Appetit aufs Staatsschauspiel: Ein "weites Land" und ein Programm-Marathon

von Michael Weiser

Martin Kusej. Foto: Thomas Dahuber

Eine seltsame Situation. Einerseits soll das Publikum ja ins Residenztheaters strömen. Andererseits aber muss es erst einmal Distanz halten von einer der wichtigsten Spielstätten des Staatstheaters. Denn der Marstall ist mittlerweile so marode, dass Besucher auf Sicherheitsabstand von der Außenmauer gehalten werden. Man fürchtet, es könnten sich Teile vom Dach lösen und Passanten treffen. „Der Zustand des Gebäudes ist so desolat, dass wir es an der Grenze zur Illegalität nutzen“, sagte der künftige Intendant Martin Kusej bei der Pressekonferenz zur Spielplanvorstellung, zu der er wohl nicht ohne Absicht ins Foyer des Marstalls gebeten hatte.

Eine Großbaustelle: Dieser Eindruck drängte sich auch bei Martin Kusejs Bericht auf. 27 Produktionen, darunter acht Uraufführungen und vier deutschsprachige Erstaufführungen, will der 50-jährige Kärntner in seiner ersten Saison als Intendant am Bayerischen Staatsschauspiel stemmen. Im Ensemble vollzieht sich in diesen Wochen ein Riesen-Umbau. Gerade mal eine Handvoll Schauspieler bleiben über die laufende Saison hinaus am Max-Josephs-Platz. Dafür bringt Kusej eine Reihe von Stars mit. Ulrich Matthes kehrt für einige Stücke zurück nach München, es kommen österreichische Stars wie Jedermann-Buhlschaft Birgit Minichmayr, Nicholas Ofczarek, Tobias Moretti oder August Zirner. Wie in den vergangenen Tagen zu hören war, soll sich darob das Verhältnis zum Burgtheater eingetrübt haben, was aber Kusej knapp dementierte. Mit seinem Wiener Kollegen Matthias Hartmann verbinde ihn ein „korrektes Verhältnis“.

Gastauftritte wird Kusej wohl stark einschränken. Er betonte, dass sich für ihn die Identität eines Theaters im Ensemble manifestiere. Es sei das „Herzstück, der Motor“ seines Hauses, das noch stärker als in den vergangenen Jahren als Botschafter Münchens nach Deutschland und Europa ausstrahlen soll.

Aus der Ära Dorn bleibt nicht ein einziges Stück auf dem Spielplan. Mit Arthur Schnitzlers „Das weite Land“ eröffnet Kusej am 6. Oktober seine Spielzeit der Superlative. Doch verlagert sich trotz der bildungsbürgerlich gestimmten Auftaktpremiere der Fokus auf die zeitgenössische Dramatik. Den Anfang macht am 7. Oktober die Uraufführung von Albert Ostermaiers „Halali“, das ausgerechnet im Cuvilliés-Theater über die Bühne geht. Rokoko und Moderne – eine spannungsreiche Kombination, und das durchaus mit Absicht, wie Chefdramaturg Sebastian Huber zuvor schon mal berichtet hatte. Wie groß das neue Ensemble ist, wird Helmut Kraussers „Eyjafjallajökull-Tam-Tam“ zeigen. In Persona oder in einer Videoaufzeichnung werden im Marstall sämtliche Schauspieler des Resi auftreten. Quasi-Hausautor Franz Xaver Kroetz liefert „Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind.“

Gleich zweimal hat das Münchner Publikum das Vergnügen mit dem katalanischen Regisseur Calixto Bieito: In einem Gastspiel aus Kopenhagen mit der Produktion „Voices“ und höchstselbst als Regisseur in München in Tschechows „Kirchgarten“. Und noch eine Überraschung: erstmals inszeniert Frank Castorf den Murnauer Meister des bayerischen Volksstücks, Ödön von Horvath. Am 30. Oktober feiert „Kasimir und Karoline“ Premiere, etwas zu spät für die Wiesn, immer noch rechtzeitig für ein hungriges Münchner Publikum. Gespannt sein darf man, was Kusej selbst mit dem provokanten Stück „Das Interview“ des von einem muslimischen Fanatiker ermordeten Theo van Gogh in München bewegt.

Ich freue mich, wenn der Sommer vorüber ist“, sagte Kusej, „irgendwie passt es grad gar nicht, dass noch ein Sommerurlaub dazwischenkommt.“ Fast ein halbes Tausend Menschen arbeiten auf der Bühne und hinter den Kulissen am neuen „Resi“, und schon hat Kusej die nächsten Baustellen angepeilt. Ins Staatsschauspiel soll ein Restaurant, ein Café oder Club einziehen, als „Einladung an die Öffentlichkeit auch jenseits des Theaterinteresses“.

Überhaupt, die Öffnung für Neues: „Offenheit“ war eine der meistverwendeten Vokabeln an diesem Vormittag. Offenheit gegenüber den anderen Münchner Häusern, Offenheit gegenüber den Regiesprachen des nichtdeutsprachigen Auslands, Offenheit aber auch gegenüber dem Schrägen, Unkonventionellen. Dem soll auch der „Marstall-Plan“ dienen, der im Sommer 2012 frischen Wind ins alte Reitschulgebäude blasen soll. Vorausgesetzt, der Marstall ist dann nicht schon wegen Baufälligkeit gesperrt.

Veröffentlicht am: 21.06.2011

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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