Kunst im Wohnzimmer? - Nika Radić in der Galerie Traversée

von kulturvollzug

Foto: Galerie Traverseé

Überall in Europa hat Nika Radić schon gearbeitet, von Zagreb über Marseille bis nach Reykjavik. Vielleicht beschäftigt sie sich in ihren Arbeiten deshalb immer wieder mit dem Thema Kommunikation. In ihrer Ausstellung „Out of Place“ porträtiert sie unbekannte Menschen hinter den Fenstern ihrer Wohnungen.

Im Dunkel der Nacht laden voyeuristischen Einblicke den Betrachter dazu ein, den fotografierten Menschen hinter den Fenstern eine neue Geschichte zu geben. „Wir projizieren immer unsere eigenen Erfahrungen in solche Aufnahmen hinein. Man sieht so wenig. Mit wem spricht der eine, warum sitzt ein anderer jeden Abend vor dem Computer? Ich sehe das allgemein als Parabel auf unsere Kommunikation, zum Beispiel, wenn wir jemanden neu kennenlernen.“ So beschreibt es Radić.

Die Idee, Fotos von seinen Nachbarn zu machen, ist manchem Großstadtbewohner bestimmt schon einmal in den Sinn gekommen. Aber die Angst den eigenen Voyeurismus auszuleben hält einen meist davon ab. Diese Angst kennt Radić nicht; auch nicht davor, als Stalkerin Probleme zu bekommen – davor zumindest hatte ihr Freund Angst. Entwarnung kam von einer Richtern. Die sagte zu Radić, es wäre schon in Ordnung, solange sie nicht immer wieder die selben Personen fotografiere.

Foto: Galerie Traverseé

Wie eine kleine Entschuldigung wirken da die Videoinstallationen, die den Ausstellungsraum mit Leben füllen und ihm eine illusorische Tiefe geben: Umrahmt von geöffneten Altbauflügeltüren, hinter denen die Künstlerin tatsächlich in Wien und Berlin lebte, sieht man sie in Endlosschleife morgens aufstehen und arbeiten. Ein Spiel mit der barocken „trompe-l’œil“-Malerei, die das Auge des Betrachters täuschen soll.

Ein Bett und ein Schreibtisch, an dem scheinbar noch vor fünf Minuten jemand arbeitete, sollen dem Raum das Flair einer Privatwohnung geben. Das ist Nika Radic wichtig, denn sie will die gängige Konzeption des Ausstellungsraumes als neutralem „WhiteCube“ hinter sich lassen. „Für mich macht die Trennung von Kunst und Alltäglichem keinen Sinn, in neueren Galerien gibt es schon öfter Ausblicke, die diese Verbindung herzustellen versuchen.“ So ganz geht dieser Anspruch nicht auf, zu nah bleiben die Räume an der üblich sterilen Leere einer Galerie. Wenn es wirklich eine Wohnung wäre, dann keine, in der man selbst gerne wohnen würde.

Im Keller der Galerie wird die Perspektive des Betrachters dann umgekehrt. Dort wird man selbst zum Zentrum der Blicke von vorübergehenden Passanten. Die Kamera blickt aus einem Fenster in die kleine Gasse einer kroatischen Altstadt, Touristen vermischen sich mit Einheimischen, gefährlich kurze Shorts und besockte Männerfüße in Sandalen lassen Erinnerungen an den eigenen Familienurlaub wach werden. Die Installation spielt aber für Nika Radić auch mit einer Beschäftigung, der man in südlichen Gefilden gerne nachgeht: „Ich bin Kroatin und im Süden aufgewachsen. Dieses in der Hitze Herumsitzen und einfach nur die Menschen zu beobachten ist etwas, was ich sehr gerne mag.“

Die Ausstellung „Out of Place“ von Nika Radić ist noch bis zum 30. Oktober in der Galerie Traversée in der Theresienstraße 56b zu sehen. Ein kleiner, gefälliger Zwischenstopp für einen Herbstspaziergang durch die Maxvorstadt.

Simon Emmerlich

Hier geht's zur Homepage von Nika Radić: http://www.nikaradic.com/

Und hier zur Seite der Galerie Traversée: http://www.traversee.com/

Veröffentlicht am: 29.09.2010

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