Unaussprechlicher Verlust - Genter Gastspiel in den Kammerspielen

von Michael Weiser

Brüchige Beziehung: Elsie de Brauw und Steven van Watermeulen Foto: Phile Deprez

Starkes Gastspiel vom eigenen Intendanten: Mit „Gift“ von Lok Vekemans in der Regie von Johan Simons gastiert das NT Gent in den Kammerspielen.

Die Dichter der Romantik besangen die blaue Blume, welche die Welt wieder heil machen könnte. Eine ähnliche Vorstellung hegen wir vielleicht alle. Auch die beiden Menschen, die einander in „Gift“, dem Gastspiel des NT Gent in den Kammerspielen, am Grab ihres einzigen Sohnes wiedersehen, fast zehn Jahre nach ihrem Auseinandergehen, suchen nach etwas: Nach etwas, das ihr Leben kitten kann. Das richtige Wort, die richtige Strategie, das richtige Lied. Wortreich, in immer neuen Anläufen, kreisen sie um das eine, was sein müsste und nicht mehr ist: ihr Kind. Der Verlust, der unsägliche, unaussprechbare, ist das Gift, das ihrer beider  Leben verseucht hat. Immer wieder versuchen die beiden, über ihre Trauer zu reden, immer wieder hat es den Anschein, die beiden könnten einander wieder annähern. Sie ist nach dem Tod des Kindes im gemeinsamen Haus geblieben, er hat sie kurz nach dem Unfall verlassen. Und sich in Frankreich ein neues Leben aufgebaut, mit einer neuen Frau, die nunmehr ein Kind erwartet.

Ein Brief ist der Anlass ihres Wiedersehens; in ihm wird die Umbettung ihres Kindes angekündigt, da der Boden kontaminiert sei. Nicht einmal mehr die Toten können ihre Ruhe haben, denkt man sich kurz, bevor man stutzt: Was für ein seltsamer Grund, Vergiftung des Bodens...

Das Thema des wortreichen Kreiselns um eine unsagbare Angelegenheit ist nicht neu. In „Gift“ von Lot Vekemans überzeugt die Intensität des Spiels. Geradezu monumental stellt Vekemans die Tatsache eines überwältigenden Schmerzes auf die Bühne, ohne Wenn und Aber. Mittendrin ertönt engelsgleicher Gesang: Countertenor Steven Dugardin singt ein Lied von Bernstein: „It must be so“. Momente des Hoffens: Ist dieser Song das magische Mittel? Man sieht bald: Auch diese schöne Einlage wird eben nicht der „Lobgesang eines Genesenen an die Gottheit“.

Es gibt Augenblicke des Lachens an diesem Abend. Aber nicht, weil da irgendetwas ironisch gebrochen ist: Wir sehen zwei Menschen in ihrer Unzulänglichkeit und wortreich verbrämten Sprachlosigkeit zu. Da erkennen wir uns wieder, dank der nuancenreichen, ruhigen, unglaublich intensiven Spielkunst von Elsie de Brauw und Steven van Watermeulen. Regisseur Johan Simons, Gatte von Elsie de Brauw und seit mehreren Monaten Intendant der Kammerspiele, spielt in all seinen Produktionen Text, Handlung und Gedankenebene gerne aus, in aller Ruhe. Nicht immer gelangt ein Stück damit in einen Fluss, mitunter droht die Gefahr der Sprödheit.

Nicht hier. Manchmal rücken die beiden ganz nah zusammen. Und dann sind wir ganz nah bei ihnen: Selten erlebt das Publikum in einem Theater so ruhig. So konzentriert.

Noch am heutigen Mittwoch in den Kammerspielen (20 Uhr) . Telefonische Bestellung: 089 / 233 966 00, per Fax: 089 / 233 966 05

Veröffentlicht am: 08.06.2011

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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