Das Debüt der Spielzeit schlechthin: Anja Harteros als Marschallin in der Bayerischen Staatsoper

von kulturvollzug

Das Ensemble. Foto: Wilfried Hösl

„Der Weihnachtsmann ist da!“, so ein Zuruf aus dem Parkett zum Auftritt des Dirigenten. Und tatsächlich: Zu Leif Segerstams Rauschebart und roten Nase fehlt nur noch der Schlitten mit den Rentieren. Da bekommen die Schellen im ersten Akt des Rosenkavaliers eine ganz neue Bedeutung. Doch Spaß beiseite. Der Finne leistet am Pult ordentliche Arbeit. Schließlich ist es nicht leicht, ein solches Strauss-Orchester zusammenzuhalten und mit den Sängern abzustimmen. Stellenweise hört man, zumindest in Reihe 13, die Sänger kaum noch, nimmt man beispielsweise den Radau-Auftritt der Lerchenauer Burschen im zweiten Akt.

Das Publikum ist aber wegen Anja Harteros als Marschallin in der guten alten Otto-Schenk-Inszenierung ins Staatstheater geströmt. Die Sopranistin kann die Bayerische Staatsoper getrost „ihr Haus“ nennen, wenn sie zu ihren hiesigen Debüts der Violetta, Alcina und Elsa nun noch die Marschallin hinzufügt. Letztere hat sie zwar schon in Wiesbaden ausprobiert, München ist aber die erste wirklich große Bühne.

Anja Harteros stellt sich damit in die Reihe großer Marschallin-Interpretinnen. Die Sänger-Historie ist ebenso lang, wie sie verschiedene Geschmacksrichtungen dokumentiert. Die zuckerwattige Stimme einer Elisabeth Schwarzkopf ist nun wirklich nicht mit der von Wagner-Star Nina Stemme vergleichbar.

Feldmarschallin Anja Harteros. Foto: Wilfried Hösl

Diese Namen machen klar: Charakterdarstellung ist gefragt. Anja Harteros' Marschallin ist keine alte Schachtel, sondern eine Mittdreißigerin, die in der vollen Blüte ihres Lebens steht, ihr Altern aber schon nahen sieht. Sie ist sich für keinen Scherz zu schade und lässt bei Männern nichts anbrennen. So gibt Anja Harteros ihrer Marschallin eine Leichtigkeit, die endlich mal wieder an die Gattungsbezeichnung „Komödie“ erinnert. Kurz bevor der Vorhang Ende des ersten Aktes fällt, sitzt sie minutenlang einfach nur da und hält das Publikum in Atem, ohne auch nur einen Ton zu singen. So die Spannung zu halten – das können nur ganz wenige. Überraschend ist nur, dass sich ihre Marschallin kühl gegenüber Sophie verhält und auch in ihrem großen Monolog etwas Seele vermissen lässt. Dieser Marschallin scheint Menschlichkeit abhanden gekommen zu sein. Und außerdem: Die Halbgriechin sieht einfach gut aus. Mit schwarzer Haarpracht gesegnet und einen halben Kopf größer als die anderen Darstellerinnen verströmt sie eine natürliche Souveränität. Setzt sie zum weltberühmten Terzett Ende des dritten Aktes an, kommt in den langen Melodiebögen auch die Schönheit ihrer Stimme voll zur Geltung.

Damit zu konkurrieren, ist für die weiteren Darsteller natürlich nicht leicht, aber auch sie leisten gute Arbeit. Ruxandra Donose bewältigt die Riesenpartie des Oktavian mit Eleganz und Lucy Crowe gibt eine etwas zu hysterische aber schön gesungene Sophie. Publikumsbonus bekommt traditionellerweise der Baron von Ochs, hier gesungen von Peter Rose, der mit sonorer Stimme und detailreichem Spiel wunderbar das Landei gibt.

Sarah Hilgendorff

 

Veröffentlicht am: 06.06.2011

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