Salonlöwen an Nischentischen: Zum Salon "m'unique" im Café Luitpold

von kulturvollzug

Enjoy and survive!

Jahrzehntelang war das Münchner Entertainmentsbuffet zwischen Pappbecherbier und Aperol Sprizz, mit Kabarettbühnen und Hallenkultur und `Location divers´ bestens angerichtet. Gleichzeitig funktionierte die Fluktuation zwischen diesen Welten: Spaß- und Spießbürger, Hard Rock-Kutte, Flaneur und Emo-Kid begegneten sich bei Comedians, Indie-Rock und bayrischem Kabarett. Der „Flow“ stimmte. Die Stadtväter lächelten milde.

Dieser „Flow“ der 80er und 90er Jahre hat irgendwie Seitenwind bekommen. Neue Ladentypen, neue Treffs entstanden und entstehen, es blüht allseits eine Fantasie anderer Urbanität. Man sitzt an neuen Nischentischen in Ladencafés mit Latte Macchiato zwischen Kurzwaren und Wolle, in Vereinsheimen mit Polka und Poetry und genießt den Import Export von Kulturen.

Schwer im Schwange scheint der Salon als solcher zu sein. Schon letztes Jahr im September meldete ein Wiedergänger dieses urbanen Lifestyles seine Existenz an. Im traditionsreichen Café Luitpold, gegründet 1888 und bis weit in die 20erJahre Topadresse für Bohemiens, Dichter, Putschisten und Salonmusiker, findet nunmehr regelmäßig der Salon“ m´unique“ statt: Podium, Plattform „offener Formate“ (www.cafe-luitpold.de) unter Leitung von Nan Mellinger. Am 3. Oktober letzten Jahres war in Kooperation mit dem legendären Münchner Musikverlag „Trikont“ bereits ein Auftakt der musikalischen Einheit begangen worden.

Protest in München. Foto: Elisabetta Mola

Um Einheit und Frieden unter den neuen Salonlöwen ging es allerdings beim jüngsten Vertreter des offenen Formats „m´unique“ unter dem Motto „Protest and Survive“ weniger. Die Löwen auf dem Podium des bayrischen Cafés waren der bildende Künstler Olaf Nicolai und der Filmkurator Florian Wüst.

Ist was neu an den Protesten und wenn warum, oder sind sie überhaupt alt? So könnte man vielleicht etwas platt zusammenfassen. Und wie soll das auch gehen? Passt denn da irgendetwas zusammen? Wutbürger im Ländle, Revolten im Maghreb, wie sieht´s aus mit dem kommenden Aufstand im Banlieue, Japan bitte melden?

Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten in der Protestbiografie fand man die Selbstverbrennung. Das kam trocken bis zynisch. Beliebig wirkte es schon in seiner Anekdotenhaftigkeit: beide erinnerten Selbstverbrannte. Florian Wüst hatte darüber seriös historisch gearbeitet: die Figur des Anti-Atom-Aktivisten Hartmut Gründler, der während des Parteitages 1977 den Feuertod wählte. Olaf Nicolai ging darauf folgendermaßen ein: „ In der DDR gab es in den 70er Jahren eine Selbstverbrennung von einem protestantischen Pfarrer, Oskar Brüsewitz, aber das hat mich gar nicht interessiert.“ Schwer vorzustellen, wie man von dort zu Fragen des politischen Widerstands kommen wollte: Salonlöwen halt.

Siegfried Kultinger

 

Veröffentlicht am: 01.06.2011

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