Wie ein Werkstück in der Gussform: Erich Koch, Grandseigneur der Münchner Bildhauer, geehrt für sein Lebenswerk

von Michael Grill

Erich Koch in seinem Atelier in Schwabing. Foto: Michael Grill

Man muss ihn erstmal finden, denn es drängt ihn nicht an die Öffentlichkeit. Erich Koch ist heute 87 Jahre alt, er lebt und arbeitet in Schwabing. Er hat die hellsten und wachsten Augen, die man sich überhaupt vorstellen kann, er ist groß und schlank und munter, lediglich ein künstliches Kniegelenk bremst ihn. Erich Koch ist Bildhauer, und zwar nicht irgendeiner, sondern sozusagen der Vater und Großvater ganzer Bildhauer-Generationen aus München. Am Wochenende bekam er im Auktionshaus Neumeister an der Barer Straße den Kunstpreis 2011 der Ike und Berthold Roland-Stiftung „für sein beispielhaftes Lebenswerk“.

 

Immer noch geht er jeden Tag ins Atelier, denn „Ich tauge doch sonst für nichts. Was soll ich sonst zuhause?“ Seine Frau hat zu ihm oft gesagt, er gehe ja auch gar nicht arbeiten, er gehe spielen.

„Ist doch schön, wenn man spielend durchs Leben kommen kann.“

„War es so?“

„Es war auch ganz anders. Aber über bestimmte Dinge soll man nicht reden.“

 

"Der Frühling" von Erich Koch von 1988/89, aktuell zu sehen bei Neumeister. Foto: gr.

Es fällt nicht leicht, Erich Koch einzuordnen, als Künstler und als Mensch. Eine herzliche Freundlichkeit prägt die Begegnungen mit ihm: Wenn er mit einem strahlenden Lächeln, das böse Knie ignorierend, ans Eisentor kommt, um den Weg zu seinem Atelier zu öffnen. Wenn ihm schon im Vorfeld der Preisverleihung gehuldigt wird und er es geduldig und bescheiden über sich ergehen lässt. Wenn er sich zwischen seinen Skulpturen erholt und dem Gast eine Flasche mit einem besonders guten Tropfen auf dem Tisch stellt: Man ist willkommen.

 

Und doch sitzt er in einer unsichtbaren Schutzhülle wie ein Werkstück in der Gussform, das man nicht herausholen darf. Nur mit Mühe lässt er sich davon überzeugen, dass auf einem Erich-Koch-Porträtfoto auch Erich Koch zu sehen sein muss. Auf alle Fragen, die man ihm stellt, gibt er eine Antwort, doch am Ende heißt es oft: „Da schreiben Sie jetzt aber bitte nichts.“ Er gehört zu einer Generation, die dem großen Wort misstraut, die die lautsprecherische Ansage meidet und deshalb auf das Ungesagte setzt. Spüren soll man, und zwar vor allem mit dem Herzen.

 

So ist auch seine Kunst: Man glaubt zu schnell, sie zu durchschauen, das Auge heftet sie übereilt als freundlich und gefällig ab. Bei seinen Figuren, Torsi und kleine Gruppen, Tierdarstellungen, schwingt etwas Abgründiges, Dunkles mit, eine Traurigkeit vielleicht auch. Fast meint man, seine Werke tarnen sich mit dem figürlichem Putz, um sich nur dem zu zeigen, der sich ihnen völlig öffnet. Die Laudatio, die Preisstifter Berthold Roland auf ihn hielt, trug den Titel „Erich Koch – Die verborgene Modernität eines Traditionellen“. Da gibt es viel zu entdecken. Roland verwies außerdem auf die „glänzende Tradition der Pfälzer Künstler in München“, zu der auch Koch gezählt werden muss; das Hugo-Siegmeth-Duo übersetzte seine künstlerische Position in Paul Desmonds Jazz-Klassiker „Take Five“.

 

Doch woher kommt nun seine besondere Rolle als Münchner Grandseigneur des Bronzegusses?

 

Ehrung im Auktionshaus (von rechts): Preisträger Erich Koch und seine Frau Paulette, Berthold Roland. Foto: Andreas Heddergott

Erich Koch wird 1924 in Roßbach-Wolfstein geboren, wovon noch heute sein weich klingender Rest eines Westpfälzer Dialektes kündet. „Ich wuchs quasi auf der Werkbank meines Vaters auf.“ Der war einst „mit der Klarinette unterm Arm durch Amerika gezogen“ und hatte sich dann in der alten Heimat eine Schnitzerwerkstatt aufgebaut. Koch junior besucht die Meisterschule für Handwerker in Kaiserslautern, muss aber mit 18 in den Krieg ziehen. Erst nach neun Jahren in russischer Gefangenschaft kehrt er zurück. Heute erzählt er davon eine lustige, letztlich aber todtraurige Geschichte, in der es um Aufrichtigkeit und Vertrauen beim täglichen Kampf ums Überleben im Lager in Sibirien geht. „Aber davon schreiben Sie bitte nichts.“ 1954 zieht er nach München und wird Schüler bei dem berühmten Bildhauer Josef Henselmann. Zehn Jahre leitet er die Guss-Werkstatt an der Kunstakademie, bevor er 1975 auf den Lehrstuhl für Bildhauerei berufen wird. Erst 1990 löst ihn Olaf Metzel ab. Außerdem ist Koch mehrere Jahre Präsident der am Haus der Kunst angesiedelten Künstlervereinigung „Neue Gruppe“.

 

So gibt es über einen Zeitraum von 30 Jahren kaum einen Studenten plastischer Kunst, der nicht in irgendeiner Weise von Koch beeinflusst oder geprägt wird. Er selbst weist aber sogar dies von sich: „Ich möchte nicht, dass mich jemand nachahmt. Jeder soll seine eigene Auffassung von Kunst haben und sich mit dieser entwickeln.“ Kochs Werk ist geprägt von Figuren, die zwar nicht abstrakt sind, sich aber aus geometrischen Bruchstücken, kleinen Schalenelementen zusammensetzen: Zerbrechliche, melancholische Wesen, umgeben von Schutzhüllen. Sein wohl bekanntestes Münchner Werk, die große Verdi-Büste im Nationaltheater von 1967, zeigt einen entschlossenen Charakterkopf, den Bart und Haare umschließen wie einen Helm. Man kann es auch so sagen: Als Mensch und Künstler steht Erich Koch für eine skeptische Generation, die von den Verwerfungen des letzten Jahrhunderts geprägt wurde und in gewisser Weise zeitlebens um Befreiung rang.

 

Und warum gehen Sie immer noch ins Atelier, Professor Koch?

 

„Die Uhr tickt. Ich bin 87, da kann man nicht mehr alles tun was man will, sondern nur das, was man noch kann. Aber das soll man dann auch machen.“

 

Er führt den Besucher zurück zum Eisentor und sagt zum Abschied: „Aber schreiben Sie bloß nicht zu viel Weihrauch rein in ihren Text.“ Ein „beispielhaftes Lebenswerk“ zu haben – das reicht ihm allemal.

 

Dieser Text erschien in einer ersten Fassung am 27. Mai 2011 in der Süddeutschen Zeitung und wurde anschließend für den Kulturvollzug ergänzt und aktualisiert.

 

Veröffentlicht am: 30.05.2011

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