Giesinger Geldschein Gschichtn

von Florian Haamann

Eigentlich ist ein Geldschein nichts, dem wir in unserem Alltag nähere Aufmerksamkeit schenken.

Wieso auch? Seine Funktion ist es, Tauschmittel zum erfüllen unserer täglichen Konsumbedürfnisse zu sein. Kaum haben wir ihn an der Kasse aus der Hand gegeben und unsere Ware erhalten, verschwindet er aus unseren Gedanken. Gut, manchmal hält er sich noch eine Weile. Wenn es sich um einen wertvollen Schein handelt oder wir von unserer Kaufentscheidung nicht restlos überzeugt sind.

Foto: Florian Haamann

Nur: Was passiert, wenn wir diesen Prozess einmal umkehren, wenn wir einen Geldschein nur deshalb ausgeben, um ihn zu verfolgen und seine Geschichte zu erfahren?

Dieser Frage gehen Philine Velhagen und Barbara te Kock nach – in ihrem Theaterprojekt „Der Weg des Geldes“. Das Publikum wird dafür allerdings nicht ins Theater eingeladen, sondern auf einen Rundgang durch die Straßen Giesings.

Was sie dem Publikum auf ihrem „theatralen Livespaziergang“ präsentieren, ist das Ergebnis einer mehrwöchigen Schein-Verfolgung. Seit dem 24. August haben die beiden Schauspieler Mirco Monshausen und Susanne Schroeder jeweils einen markierten Zehn-Euro-Scheindurch Giesing begleitet.

Das Prinzip ist einfach: Man gehe in einen Laden, bezahle mit seinem Schein und warte, bis ihn ein Kunde als Wechselgeld erhält. „Ich verfolge diesen Schein und werde Sie solange begleiten, bis Sie ihn wieder ausgeben. Es geht auf garkeinen Fall, dass ich nicht mitkomme.“ Unerschütterlich bleiben die beiden bei ihren Scheinen und werden dabei zu Weggefährten der Besitzer. Was sie erleben, teilen Monshausen und Schroeder der Außenwelt von Anfang an über ein Blog mit. Der Spaziergang ist sozusagen das Kondensat. Der Blog aber eröffnet dem Leser vor allem die Gedanken, die den beiden bei ihren Begegnungen durch den kopf schießen. Schon für sich alleine ist es ein interessantes Dokument.

Mirco Monshausen nimmt den Platz des Obdachlosen Roman ein. Foto: Florian Haamann

„Wie scheisse einsam (sorry) muss dieser mann sein. Kennt niemand, hat kein geld, nicht mal nen bett, oder nen schrank. und ich stehe hier kritzelnd neben ihm, schauspieler, auf abenteuertour, mal nen kaffee , mal nen brötchen zwischendurch.“ Hier begleitet Monshausen den Obdachlosen Roman. Er ist aus der Slowakei gekommen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben hier in Deutschland. Seine Geschichte ist eine der acht Stationen auf unserem Spaziergang. Aber sie lässt sich nicht beenden. Immer wieder unterbricht Monshausen den Rundgang, um mehr über seine Begegnung mit Roman zu erzählen. Immer wieder bricht er dabei aus seiner Rolle als Schauspieler heraus. Von Mensch zu Mensch berichtet er uns dann; sein ehrliches Mitgefühl berührt.

Gertie im Hinterhof des ehemaligen Hertie Foto: Florian Haamann

Auch aus dem Raster der Gegenwart bricht unser „Weg des Geldes“ aus. Der markierte Schein kommt zu Gertie. Sie wohnt direkt gegenüber dem ehemaligen Hertiekaufhaus und führt uns auf eine Reise in die Vergangenheit. Mit leuchtenden Augen steht sie dann im Hinterhof des heutigen Puerto Giesing und nimmt uns von dort mit auf einen Rundgang durch ihren alten Hertie, ihren „sozialen Marktplatz“; durch die langen Gänge, vorbei an den Schmuckauslagen, dem Meer aus Kleiderständern und den wohligen Gerüchen der Süßwaren.

Quasi durch den Hinterausgang führt sie uns noch weiter in die Vergangenheit, in eine kleine Giesinger Gasse des 19. Jahrhunderts.

Und so gibt es eine Wundertüte voller Geschichten an jeder Station. Es kommt einem vor, als würden Velhagen und te Kock jeweils eine Tür aufstoßen. Die Spaziergänger werden für kurze Zeit zu Bewohnern einer kleinen Welt, bevor es weitergeht – zur nächsten Tür. Hinter der kann dann auch schon mal eine mehrfache olympische Goldmedaillengewinnerin warten.

Mit „Der Weg des Geldes“ entfremden Velhagen und te Kock das Zahlungsmittel Geld, um dafür Unbezahlbares zu bekommen und weiterzugeben. Ein absolut empfehlenswerter Abend für alle, denen eine Seite der Medaille zu langweilig ist.

Weitere Termine: 13. / 14. / 15. / 16. September, jeweils 19:00 Uhr

Treffpunkt: Schnäppchen Markt, Tegernseer Landstr. 40, München-Giesing

Tickets: 12.- / ermäßigt 8.-

Reservierung: 0170/70 56 53+ hallo@velhagen-tekock.de

Die Teilnehmerzahl pro Abend ist auf 40 Personen begrenzt.

Infos auch auf: http://dieunergruendlichenwegedesgeldes.wordpress.com/about/

Veröffentlicht am: 13.09.2010

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