Der allerletzte Gruß: Michaela Melián und Thomas Meinecke verbeugen sich vor ihrem toten Freund Christoph Schlingensief

von Michael Grill

Heiter ist die Kunst, selbst in memoriam: Thomas Meinecke und Michaela Melián lesen (und singen) Christoph Schlingensief.

Die Idee entstand auf der Trauerfeier in Oberhausen: Chris Dercon, Noch-Direktor im Haus der Kunst, erinnerte daran, dass der am 21. August verstorbene Regisseur und Kunst-Berserker Christoph Schlingensief in den frühen 80er Jahren vom Münchner Westend aus seine ersten Schritte als Aktionskünstler machte. Gemeinsam mit dem Münchner Künstler-Paar Michaela Melián und Thomas Meinecke sowie deren Band FSK schrieb Schlingensief in der legendären Kunst- und Punk-Postille „Mode & Verzweiflung“. Wo denn diese Texte geblieben seien?

Melián und Meinecke wühlten in der Vergangenheit und stellten fest: Es waren zwar nur drei Texte, die ihr Freund Christoph für das Heft geschrieben hatte, aber da ja gerade eine - noch zu seinen Lebzeiten eröffnete – Ausstellung mit einigen seiner Filmfragmente aus Afrika und Fotos der ihn begleitenden US-Rock-Ikone Patti Smith in München gezeigt wird, bot sich ein allerletzter Gruß an. Schließlich hatte Schlingensief selbst bei seinem Auftritt in den Kammerspielen im letzten Oktober ausführlich an seine Münchner Vergangenheit erinnert (und dabei auch einen der Texte aus „Mode & Verzweiflung“ gelesen).

Schlingensief war 1980 nach München gekommen und wohnte im selben Haus wie Melián und Meinecke in der Bergmannstraße 48. Etwa bis 1985 blieb er in der Stadt, dazwischen versuchte er vergeblich an die Filmhochschule zu kommen und schrieb sich an der LMU ein. „Er war unser Dauersupport bei FSK, spielte auf einer kleinen Heimorgel“, sagte Meinecke, „das war im Grunde eine Art Helge-Schneider-Kunst“.

In der gut gefüllten Hinterhofgalerie lasen Melián und Meinecke dann die wild-assozierenden und meist mehrere Ironieebenen übereinander schichtenden Schlingensief-Texte mit Titeln wie „Rekord in Oberhausen“ und „Morgen ist auch noch ein Tag“. Höhepunkt war die heitere Aufführung des einzigen je veröffentlichten Songs von Schlingensiefs Band „Vier Kaiserlein“ in einer Mischung aus Spoken-Word und A-Cappella. So hatte man plötzlich in einem Raum den ganz frühen Dada- und NDW-Schlingensief mit dem späten Afrika-Schlingensief vereint. Es war ein bisschen rührend und gar nicht traurig, denn irgendwie wirkte alles noch sehr lebendig.

Die Ausstellung in der Galerie Sonja Junkers (Amalienstraße 45) ist noch bis 18. September zu sehen (Mi–Fr 12–18 und Sa 12–16 Uhr).

Hier das Video von der einmaligen Aufführung des Schlingensief-Songs "Einsam":

Veröffentlicht am: 13.09.2010

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5_4 … christof schlingensief ist tot « [ 2_4_1 ]
27.09.2010 22:41 Uhr

[...] kulturvollzug - mit [...]

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