Flanieren im Kultur-Parcours

von Michael Weiser

München genießt Weltruf als Museumsstadt. Dass man sich an der Isar aber auch der Gegenwartskunst geöffnet hat, dem, was gerade geschieht, was demnächst vergessen oder irgendwann in den Kanon der Kunstgeschichte aufgenommen wird, zeigt bis 12. September  die Open Art, eine Initiative von über 60 Münchner Galerien. Von klassischer Moderne bis zur Avantgarde der Gegenwart, vom hoch Gehandelten bis zum Aufsteiger reicht das Spektrum.

 „U – wie?“ Arne Quinze hält den Stift schon in der Hand, hat aber den Namen des Münchner Oberbürgermeister nicht ganz verstanden. Der hält dem Künstler unverdrossen den Ausstellungskatalog hin und buchstabiert für eine persönlich gehaltene Widmung Quinzes: „U – d – e“. Prominenz ist relativ, und die Welt der Kunst ist eben noch viel größer als sogar München. Da ist der Name des "Bürgerkönigs" halt auch nur Schall und Rauch.

Aber die große Kunstwelt ist in München gern zu Gast, ja, sie ist schon richtig heimisch dort, wie sich beim Galerien-Wochenende „Open Art“ feststellen lässt. Abstraktes, Konkretes, moderne Klassiker, Malerei, Skulptur, Installation, Provokation – alles mögliche lässt sich beim Rundgang durch über 60 Münchner Galerien entdecken.

Und für kurze Zeit sogar außerhalb: Arne Quinze stellt nicht nur in der Galerie Thomas an der Türkenstraße aus, er markierte mit Skulpturen für einige Stunden auch ein Revier. Rund ums Münchner Museumsviertel mit den Glyptotheken gruppiert, sollten diese Plastiken, die irgendwie an Baustelle erinnern, das noch zu definierende Münchner Kunstquartier abgrenzen. Wohl auch im Sinne des Münchner OB, der in seiner Eröffnungsansprache zur Open Art in der Galerie Thomas jenes Projekt ansprach. Zu einer Münchner Marke müsse dieses Areal werden, nicht „ausfransen“ dürfe es. Es sei kein Schaden, wenn Museen und andere Institutionen etwa an Prinzregentenstraße, Domagkstraße oder Rotkreuzplatz nicht in diesem Areal unterkämen; sie müssten „eigenes Profil“ entwickeln.

 Ein deutliches Zeichen immerhin dafür, dass die Stadt München endlich das Problem mit dem Areal erkannt hat: Das Kunstangebot im Geviert rund um die Pinakotheken ist Weltklasse, doch nicht entfernt so gut und  griffig etabliert wie die Berliner Marke „Museumsinsel“. Deutliche Hinweise schon am Flughafen, einheitliches Auftreten und dergleichen mehr vermisst man seit langem. Vielleicht gibt es ja bald mehr an Hinweisen als Quinzes Werke.

Ach, die "Kunstsstadt München“. Wenn man die Kolonnen der Menschen mit Katalogen und Preislisten in der Hand ansieht, die gerade durch die Münchner Innenstadt ziehen, gewinnt man den Eindruck, dass sich endlich auch mal  außerhalb der Museen etwas rührt.  „Protect Your Walls heißt das werbewirksame Motto heuer, eine augenzwinkernde Aufforderung, seine vier Wände mit Kunstgegenständen diskussionswürdiger Klasse zu versehen. Das Motto scheint zu ziehen. Tausende folgten der Open Art schon im vergangenen Jahr, heuer werden es keinesfalls weniger Besucher werden. Vielleicht sind es ja ohnehin nur Politik und Medien, die so streng aufs Museale fixiert sind, auf den Kanon und das längst Etablierte.

Auch einige der Verkaufsausstellungen in der Münchner Innenstadt sind vollkommenen unumstrittenen Künstlern gewidmet, wie etwa die Expressionisten bei Thomas an der Maximiliansstraße. Aber es überwiegt das Zeitgenössische, das noch zu Entdeckende. Auf seiner Entdeckungsreise kann man sich sogar führen lassen. Man kann mit den Galeristen sprechen und oft genug sogar mit  den Künstlern. Werbung trifft hier Kultur, die Kunst den Kommerz, ohne dass es wehtut. Man kann ja weitergehen, zur nächsten Galerie, wenn man sich gestört fühlt. Und sich beim Flanieren erinnert fühlen an die große Zeit Münchens vor den Nazis, als einige später Große der Kunstgeschichte hier das erste Mal zumindest dem deutschen Publikum vorgestellt wurden.

Es verschwimmen die Grenzen, zwischen Genres und Stiles, zwischen Ausstellern ug Ausstellungsbesuchern. Und zumindest einmal sogar kurz zwischen den beiden Gegenpolen Sport und Kultur: Oliver Bierhoff, Manager der Fußballnationalmannschaft, wurde in den Galerien von Renate Bender und Florian Trampler gesichtet, nicht weit weg von der Maxstraße, wo man Shoppen und Schauen eben schon immer gut verbinden konnte.       

Die Galerien der Initiative Open Art haben am heutigen Samstag, 11. September, bis 18 Uhr geöffnet und am morgigen Sonntag, 12. September, ab 10 Uhr ebenfalls bis 18 Uhr. Infos über Programm, Führung und teilnehmende Galerien gibt es unter www.openart.biz

Veröffentlicht am: 11.09.2010

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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