Barfuß in der Oper

von kulturvollzug

Foto: Michalea Jacjkl/ art effect.

Opera Incognita spielt wieder in München. Im Müllerschen Volksbad lässt das Ensemble Mozarts Münchner Oper  "Idomeneo, Re di Creta" vom Stapel.

Damit holt Opera Incognita das 1781 im Residenztheater uraufgeführte Werk Wolfgang Amadeus Mozarts nach Hause, in seine Geburtsstadt, und doch an einen ungewöhnlichen neuen Ort. Das ist ja auch die Spezialität von Oper Incognita: eher unbekannte Opern an „interessanten Orten“ aufzuführen. So gab es bereits „Armide“ von C. W. Gluck, „Die Perser“ von Aischylos und ein Romantikprojekt nach Schuhmann und Schubert. Und nun eben „Idomeneo“ im Volksbad.

Der Jugendstilbau von 1901 bietet eine faszinierende Kulisse für die Oper, die teils auf dem Wasser, teils mit den Wassergöttern spielt. Stellt sich natürlich die Frage, was Oper mit Alltagsräumen zu tun hat. Nicht umsonst sind Opernhäuser hochdifferenzierte Gebäude. Im Volksbad sind die Sänger dagegen mit Publikum von drei Seiten konfrontiert, eine Situation der sich Sänger im Allgemeinen nicht aussetzen müssen. Man ist daher ein wenig skeptisch.

Foto: Michalea Jacjkl/ art effect

Auf dem Wasser der Damenschwimmhalle schwimmen Kanister und bilden, zu einer T-förmigen Brücke vertäut, das begehbare Bühnenfundament für Wasserscheue. Die erste Skepsis verfliegt beim ersten Auftritt von Silvia Spinnato, die an diesem Abend die Ilia gibt. Großartig singt sie vom Verlust ihrer Landsleute und ihrer Familie, sauber und alle Höhen auskostend. Mozart bedient sich stofflich aus der griechischen Mythologie. Der von einem Unwetter bedrängte Idomeneo, König der Kreter, verspricht Meergott Poseidon, den ersten Menschen, den er an Land zu Gesicht bekommt, zu opfern. Unglücklicherweise ist es sein eigener Sohn, Idamante...

Andreas Wiedermann liegt nicht so viel an der Aktualisierung als an der Absolutisierung der Oper. Schöne Regieeinfälle treffen da auf eine starke konzeptionelle Idee. Als Idomeneo (überzeugend: Markus Ahme) den Strand erreicht, marschiert der Chor am Rande des Beckens auf und deutet damit an, dass es jeder hätte sein können, der den Schwur der Gottheit gegenüber einzulösen habe. Dann wieder lässt Wiedermann den Vater den Sohn so ambivalent umarmen, dass man nicht weiß ob er schon würgt oder noch umfasst. Die zweideutige Haltung erkennt man in der großen Opferungsszene wieder.

Foto: Michalea Jacjkl/ art effect

Vom eben wiedergewonnenen, vormals totgeglaubten Vater gleich wieder verstoßen, setzt Idamante sich einen Schuss. Ein jämmerliches Bild gibt er da ab, Idomeneo hingegen ist bereits wieder ganz Staatsmann. In dieser Szene vor allem offenbart sich, dass das Orchester unter der Leitung von Ernst Bartmann die zarten, lieblichen Töne genauso wie das brachiale Auftrumpfen beherrscht. Idomeneo ist gerne und ausgiebig König, scheucht Gefangene herum, inspiziert Akten und gibt sich als Souverän. Ihm liegt sichtlich am Herrschen. Und da ist es, wo Mozart und Wiedermann zusammenfinden. „Mehr kann man nicht ertragen. Schlimmer als der Tod ist so grosser Schmerz. Ein grausameres Schicksal, eine schwerere Qual hat niemand erlitten!“

Mozart sinnt in seiner großen Oper über das Maß an Leid, das ein Einzelner zu tragen vermag. Und Wiedermann findet eine Antwort auf diese Frage. Er dringt vor zum Kern, zur Frage, ob Idomeneo tatsächlich bereit, ist seinen Sohn zu opfern. Bei Opera Incognita übrigens opfert er den Filius tatsächlich – oder glaubt es zumindest: Drei Schüsse fallen, und Idamantes treibt regungslos im Wasser. Natürlich kommt Idamantes trotzdem mit dem Leben davon; er soll neuer König Kretas sein, aber er schert sich einen Dreck um die Krone. Jeder der Anwesenden darf sie einmal anprobieren. Doch niemandem scheint sie zu passen, und so landet sie schließlich im Wasser. Nicht das Herrschen zählt von nun ab, sondern die Liebe. Und dort wo es keine Herrscher gibt, braucht es auch keine Unterdrückten. Schließlich stürzt der Chor, wie zuvor schon Idamante, ins Wasser und treibt in Toter-Mann-Manier herum.

Die Schwächen seien nicht verschwiegen. Idomeneo ist schlicht ein wenig verwässert. Je weiter entfernt vom Wasser sich die Akteure bewegen, desto besser gelingen die Szenen. Dann haben sie jene Unaufgeregtheit, die ansonsten vor lauter Plätschern und Plantschen oft verschwimmt. Problematisch ist, dass man einen anderen als den tatsächlich bespielten Raum behauptet. Vor allem, was Peter Younes’ Dramaturgie des Lichts betrifft: Das Kunstlicht, schlecht gesetzt, farbig hässlich, blendend. fleckig und ausschließlich flächig, negiert das Schwimmbad. Die Spannung, die sich aus der Differenz von Stoff und Ort ergeben könnte, lässt es erst gar nicht aufkommen.

So bleibt ein Abend mit überraschenden Sängern von durchaus hoher gesanglicher Qualität. Gut gefiel der starke Zugriff auf den Stoff. Leider aber war’s auch ein Abend mit unentschiedener Ästhetik. Über allem aber bannte den Gast im Volksbad die zauberhafte Musik von Mozarts Münchner Oper.

Jona Goldschmidt

(Der Autor ist freier Mitarbeiter des Kulturvollzug)

Veröffentlicht am: 30.08.2010

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Mark
06.09.2010 17:06 Uhr

Ich muss jetzt mal eine Lanze für Herrn Younes brechen. Durch einen Trauerfall in seiner Famlilie musste er am Montag vor der Premiere aus dem Projekt aussteigen. Zu diesen Zeitpunkt konnten wir noch keine Stimmung speichern. Der neue Lichtdesigner und ich (Lichtprogrammierer) hatten von Dienstag bis Donnerstag von 18.00 bis kurz nach Mitternacht Zeit die Kuh vom Eis zu holen. Wir wissen um die Blendung konnten es aber aufgrund der Auflagen die das Bad uns gemacht (Auf und Abbau, Keine Traversen, geringer Strom der zuverfügnung steht. etc.) hat nichts dagegen tun. Es ging technisch nicht anders. Und die Zuschauer werden vor Beginn in Kentniss gesetzt, das wenn Sie sich unten hinsetzen geblendet werden können. Und fleckig und ausschließlich flächig schliessen sich gegenseitig aus ....

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