Spielzeitpause im Volkstheater- Interview mit dem Chefdramaturgen Kilian Engels

von Florian Haamann

Verschlossene Theatertüren, zugezogene Vorhänge, leere Sitzreihen. Der Sommer ist wahrlich keine schöne Zeit für Theaterfans. Damit der Frust nicht allzu groß wird, haben wir uns mit Kilian Engels, dem Chefdramaturgen des Münchner Volkstheaters unterhalten - über die vergangende Spielzeit, "radikal jung" und natürlich über die Zeit nach der Pause.

Kulturvollzug: Die Spielzeit 2009/2010 am Volkstheater ist zu Ende. Leider oder zum Glück?

Kilian Engels: Es war ein langes Jahr. Gegen Ende der Spielzeit freut man sich auf den Sommer. Ansonsten ist alles gut gelaufen, es war eine hervorragende Spielzeit.

Die Arbeit hat Spaß gemacht, aber nach einem intensiven Jahr braucht man dann auch mal ein paar Tage, an denen man nicht ins Theater geht und nichts mit Theater zu tun hat. Wenn es in der nächsten Spielzeit so weiter geht, dann ist alles in Ordnung, aber erstmal brauche ich Urlaub.

Kulturvollzug: Wenn Sie auf das vergangene Jahr zurück blicken, wie fällt Ihr Fazit aus?

Kilian Engels: Die Spielzeit ist sehr gut gelaufen, wir sind über die 100.000 Zuschauer raus gekommen. Genaue Zahlen kann ich allerdings noch nicht nennen.

Die Auslastung liegt irgendwo um die 80%, was eine tolle Sache ist - und das trotz eines Einbruchs während der WM. Wir hatten im Haus glücklicherweise ein internes Tippspiel, und der Herr, der praktisch alle Begegnungen richtig getippt hat, hat auch den Spielplan disponiert. Man kann aber auch nicht ganz zumachen in so einer Zeit, weil es eben auch Leute gibt, die sich überhaupt nicht für Fußball interessieren und die ein Recht haben, sich irgendwie anders zu unterhalten - unter anderem indem sie ins Theater gehen. Ansonsten hatten wir sieben Premieren, eine weniger als angekündigt, die haben wir auf die Eröffnung der Spielzeit verschoben.

Dabei waren auch wieder zwei Uraufführungen, was für uns sehr wichtig ist. Wir haben ja nicht nur den großen Saal mit 600 Plätzen, in dem wir die großen Klassiker machen, sondern eben auch die kleine Bühne, die sehr erfolgreich läuft und auf der wir jetzt seit einigen Jahren regelmäßig Uraufführungen machen, damit das Programm schön gemischt ist. Ansonsten sind alle Produktionen gut aufgenommen worden, ich kann mich also wirklich nicht beklagen.

Kulturvollzug: Welche der sieben Premieren war denn Ihre Lieblingsinszenierung?

Kilian Engels: Das ist immer so schwer zu sagen, weil man ja nicht unbefangen wie ein Zuschauer auf die Arbeiten blickt. Ich mochte sehr gerne die Johanna von Orleans von Simon Solberg.

Der hat sich diesen Schillertext genommen und versucht, die Geschichte der Globalisierung und des Imperialismus zu erzählen. Die Franzosen werden bei ihm zu allen indigenen Völkern die es gibt, und die Engländer letztendlich zu allen Kolonialherrschern quer durch die Zeiten und Nationen.

Ich finde es einen unglaublich starken Zugriff auf dieses Stück, es vom Territorialkonflikt Frankreich gegen England wegzunehmen. Solberg geht dann wirklich durch die Zeiten, er fängt bei der Entdeckung Amerikas an und landet dann in unserer heutigen Zeit und geht vielleicht auch schon in eine nahe Zukunft. Es gibt viel wiederzuerkennen für alle zeitgeschichtlich und politisch Interessierten.

Das ist auf jeden Fall eine tolle, sehenswerte Arbeit; aber alle anderen sind es natürlich auch.

Kulturvollzug: Einer der Höhepunkte in jedem Jahr am Volkstheater ist das „radikal jung“ Festival, was ist da aus diesem Jahr bei Ihnen hängen geblieben?

Kilian Engels: Also hängen geblieben ist erstmal: wir waren diesmal wirklich restlos ausverkauft; wir waren ja vorher immer schon ausverkauft, aber dieses Jahr waren wir total ausverkauft.

Es war eine schöne Woche, leider war das Wetter nicht so gut wie man es sich gewünscht hätte.

Das Festival war im April, vorher war es zwei Wochen schon richtig schön und dann fing pünktlich zur Eröffnung der Regen an.

Was auch hängen geblieben ist: es waren alles tolle Arbeiten und zwei der Regisseure werden in der nächsten Spielzeit bei uns am Haus inszenieren.

Kultuvollzug: Man munkelt, einer der Regisseure soll Bastian Kraft sein, der mit seiner Amerika-Inszenierung den Publikumspreis 2010 gewonnen hat...

Kilian Engels: Ich dementiere das zumindest nicht.

Kultuvollzug: Schauen wir auf das „radikal jung“ Festival im nächsten Jahr. Wie weit sind die Vorbereitungen?

Kilian Engels: Es gab schon das Nachgespräch mit den Sponsoren von Eon und die Finanzierung steht.

Wir verabreden uns immer von Jahr zu Jahr, ob das Festival nochmal von Eon unterstützt wird und ob es wieder stattfinden kann. Also ganz wichtig: Es wird wieder kommen nächsten Spielzeit.

Wir überlegen gerade auch, ob wir es ein bisschen öffnen, vielleicht mit einem Beitrag, der nicht im deutschen Sprachraum entstanden ist. Ich habe auch schon die ersten Inszenierungen angeschaut, aber die richtige Arbeit geht dann erst im September los, wenn alle wieder spielen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es, was „radikal jung“ angeht, im Herbst immer besser funktioniert als im Frühjahr vor der Spielzeitpause. Das kann auch an meinem Druck liegen, dann Sachen finden zu müssen.

Wir müssen sehen, dass wir eine gute Mischung kriegen aus Leuten, die wir nochmal da haben wollen, um zu schauen wie sie sich entwickelt haben und aus vielen neuen Regisseuren. Nicht, dass wir jedes Jahr das Gleiche zeigen. Da hätte kein Mensch etwas von, denn es geht ja vor allem um neue Leute und deren Förderung.

Kulturvollzug: Eine Spielzeitpause ist ja auch immer die Chance etwas zu verändern, gibt es da schon Ansätze für das nächste Jahr?

Kilian Engels: Es gibt eine Menge Ideen, über die wir nachdenken. Carsten Golbeck beispielsweise hat uns zum Ende der Spielzeit verlassen. Er hat sich, seit Christian Stückl Intendant ist, um die ganzen Gastspiele gekümmert - also um alles was bei uns stattgefunden hat und nicht Theater war.

Da müssen wir jetzt sehen, ob wir das neu ausrichten wollen im Herbst und was da Neues kommt. Die Gastspiele sind eine unglaublich wichtige Sache für uns, weil wir auch wollen, dass Leute zu uns kommen, die vielleicht nicht unbedingt von sich aus ins Schauspiel gehen würden. Da werden wir uns nächste Spielzeit neu aufstellen müssen.

Kulturvollzug: Die Spielzeitpause geht bis Ende September, dann kommt die verschobene Premiere von Anna Karenina. Erzählen Sie uns doch zum Abschluss noch etwas zu dieser Inszenierung.

Kilian Engels: Anna Karenina ist ja eigentlich ein gut 1400 Seiten langer Roman - eines der sehr, sehr großen Werke der Weltliteratur. Wir haben das große Glück, dass wir nicht selbst diesen Roman bearbeiten mussten, sondern wir spielen eine Stückfassung von Armin Petras. Ich bin ein großer Liebhaber dieses Romans, und wir arbeiten mit einem wunderbaren Text, in dem alles Wesentliche drin ist und dem man auch noch anmerkt, wie aktuell dieser Stoff ist und wie zeitgemäß, obwohl er auf konsumierbare Stücklänge konzentriert ist. Inszeniert wird das Stück von Frank Abt und es ist nach „Wohnen unter Glas“ und „Der Besuch der alten Dame“ seine dritte Arbeit hier am Haus.

Veröffentlicht am: 12.08.2010

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