So viele richtige Töne - der Tollwood-Abschluss mit der SZ-Band Deadline im Andechserzelt

von Michael Grill

Was wohl ein SZ-Kritiker dazu sagen würde? Das sollte hier niemand so genau wissen wollen. Foto: Michael Grill

Der Süddeutschen Zeitung sagt man ja nach, dass ihr Sound, wenn sie denn klingen würde und nicht stumm im Briefkasten läge, der Blues wäre. Warum das so ist? Das hat wohl etwas mit kritischer-wehmütiger Grundhaltung auf der einen und Verlagskonstruktionen auf der anderen Seite zu tun, würde hier aber zu weit führen. Zum Abschluss des Tollwood-Festivals im Olympiapark spielte die SZ-Band Deadline im Andechserzelt zwar keinen richtigen Blues. Sondern sie coverte Pop, Soul und Rock'n'Roll, ließ damit aber dennoch in die Seele der Redaktion blicken.

Deadline besteht aus einem guten Dutzend Schreibern mit musikalischen Neigungen und entstand vor knapp zwei Jahren zur Feier des Auszugs der Redaktion aus dem SZ-Stammgebäude an der Sendlinger Straße, was in Wahrheit eine Trauerfeier war. Damit hätte man es gut sein lassen können, doch nach guter alter SZ-Tradition wird eine gute Geschichte so lange wiederholt, bis alle Gegner erschlaffen oder aufgeben. Im Falle von Deadline ist das auch ausschließlich positiv zu sehen, denn die tapfere Amateur-Band ist spaßig-solider Mainstream und hat mittlerweile ein treues Stammpublikum. (Dafür würde sie zwar von jedem SZ-Musikkritiker verrissen werden, aber das sagt mehr über SZ-Musikkritiker aus als über Deadline.)

Die Bühne war zu Beginn fast dichter mit Musikern gefüllt als das Zelt mit Zuhörern, doch das änderte sich noch im Laufe des gut zweistündigen Auftritts. Rund ein halbes Dutzend Notenständer auf der Bühne zeugten von der erklärten Absicht der Band, die zu spielenden Töne synchron und in der richtigen Reihenfolge ablaufen zu lassen. Schon bei Janis Joplins „Me And Bobby McGee“, das ja eigentlich ein wunderschönes Lied ist, zeigte das Publikum seinen entschlossenen Willen zur Begeisterung. Die Sängerinnen waren frisuren- und klamottentechnisch mit dem 60er-Jahre-Song auf einer Zeitschiene, nur Evelyn Vogel hatte den Mut zu dezenteren dunklen Tönen.

Von leichten Unsicherheiten hier und da wollen wir nicht reden, sondern vielmehr auf die handwerklich herausragende Solidität der Sologitarre von Gerhard Summer verweisen. Traumhaft sicher war auch Bandleader Karl Forster in seiner kleinen Piano-Burg, auch wenn er die oberste seiner Tastaturen so spielte wie ein neugieriger Bub Herdplatten anfasst. Hochinteressant auch das meist im Hintergrund liegende kulturelle Spannungsfeld. Thomas Steinfeld am Bass zupfte sein mächtiges Instrument so, wie meistens auch die Literaturseite der SZ erscheint: Absolut verlässlich - und unabhängig von allem, was drumherum passiert. Nur bei „Brown Sugar“ rutschte er mal einen Halbton daneben, doch was ist das schon angesichts so vieler richtig getroffener Töne. Phänotypisch nähert er sich immer weiter Dieter Dorn an, was ja in etwa der halbe Weg zu Mick Jagger ist. Andrian Kreye drehte manchmal am Saxophon richtig auf, und dann verdrehte Steinfeld die Augen, was sicherlich als Ausdruck tiefer Bewunderung unter Feuilletonisten zu werten ist.

Neben der Kultur war auch das Lokale eine Augenweide, denn Robert Stocker hatte ein enganliegendes Sporttrikot gewählt, um die Pausen bis zu seinem nächsten Refrain-Einsatz mit der Darstellung seines ansehnlichen Oberkörpers zu überbrücken. Und wenn der Rocker vom Dachauer Moos das ganze Lied zu singen hatte, wie etwa bei „Brown Sugar“, erkannte er meist schon kurz nach dem Intro, dass nach dem Intro die Strophe hätte beginnen sollen. Ein Quell der Freude war das Spiel auf sechs Saiten von Wolfgang Görl, auch wenn er sich (bis auf einmal bei der Zugabe) jeglicher Soli enthielt, was sein musikalisches Schaffen von seinem schreiberischen unterscheidet. Görl neigt allerdings zur übertriebenen Pose sobald er ein Exemplar seiner kleinen Fender-Sammlung über der Schulter hängen hat. Er sollte sich in Sachen Coolness von Steinfeld beraten lassen.

Man spielte unter anderem Joe Cocker, Sunny & Cher, Green Day, Santana und den „Time Warp“ aus der Rocky Horror Picture Show. Kreye konnte zum Glück von seinen Kollegen daran gehindert werden, mehr als einen Witz über Ressortleiter zu erzählen – und auch sonst waren alle bester Laune. Bei „Heroes“ von David Bowie wurde es allerdings plötzlich sehr ernst, denn der sonst mit der Tuba beschäftigte Rudi Neumaier widmete als Sänger den Song einer Freundin, die kurz vor dem Auftritt im Alter von 35 Jahren gestorben war. Da überholte das Leben für einen kurzen Moment den Freizeit-Spaß.

Um 21.57 Uhr gab Forster das Signal zum Aufhören, denn um zehn ist auf Tollwood Schluss mit lärmig. Da bleibt nur eine Frage für alle, die jemals der Produktion einer SZ beiwohnten: Seit wann wird diese Zeitung überzeitig fertig?

Veröffentlicht am: 27.07.2010

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