Sich nah sein im Absurden - Konstantin Wecker und Hannes Wader zelebrieren übergroße Gefühle auf dem Tollwood

von Michael Grill

[caption id="attachment_449" align="alignright" width="225" caption="Haben sich viel zu sagen: Das ungleiche Pärchen Konstantin Wecker (links) und Hannes Wader. Foto: Thomas Karsten"]Haben sich viel zu sagen: Das ungleiche Pärchen Konstantin Wecker (links) und Hannes Wader. Foto: Thomas Karsten[/caption]Konstantin Wecker und Hannes Wader – was für ein Gegensatzpaar: Hier der Münchner Kraftmensch am Klavier mit Tremolo in der Stimme und zwei offenen Hemdknöpfen zuviel, dort das spröde Nordlicht mit zusammengekniffenen Knien an der Gitarre und einem offenen Knopf zuwenig. Auf dem Tollwood waren sie zusammen mit Band auf der Bühne im ausverkauften, komplett bestuhlten Musikzelt, fingen eine Stunde früher an als üblich und hielten die Pause so knapp wie möglich - „weil wir sonst mit dem Programm nicht durchkommen“, erklärte Wecker.

Man hatte sich viel zu sagen an diesem Abend, denn wem das Herz zu voll ist, dem läuft ja bekanntlich der Mund über. Über dieses Duo kann man nicht reden, ohne sein Verhältnis zum Kitsch zu klären. Weckers schwülstiges Pathos und Waders kantiges Sentiment ergaben zusammen eine anrührende Mischung - oder eine Überdosis Betroffenheit, je nach Perspektive. Das Publikum beklatschte sogar den Donner des anrückenden Gewitters und hatte auch sonst Freude an jeder übergroßen Geste. Ob Wecker a capella ein Trompetensolo mimte oder Wader seine alten Arbeiterlieder sang – war es nun bewegend oder einfach nur komisch?

Wader kann jedenfalls richtig gut Blues-Picking-Gitarre spielen, doch dann kam wieder Esoterik-Gesäusel und ein absurd museales „Bella Ciao“. Da wollte man glatt mal im Kalender nachschauen, welches Jahrtausend wir eigentlich gerade haben. Ab besten waren Wecker und Wader, die sich in dieser Absurdität plötzlich so nahe waren, wenn sie ihre Gegensätzlichkeit zelebrierten. Dann sang Wader („unter Androhung von Gewalt“) knödelnd das Fiaker-Lied und Wecker antwortete mit einem Bayerischen Blues und übersetzte singend Plattdeutsches. Die Hommage an Mercedes Sosa ging ans Herz, sofern da noch ein Platz geblieben war an diesem Abend der übergroßen Gefühle: „Ich singe, weil ich ein Lied hab'.“ Interessanterweise kam „Sage nein“ mit besonders großer Heftigkeit.

Insgesamt war es trotzdem ein kitschiger Abend, an dem viele Lieder fassadenhaft und hohl wirkten. Sehr großer Jubel, denn das hat keinen gestört.

Veröffentlicht am: 23.07.2010

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