Obsessiv und elektronisch

von kulturvollzug

[caption id="attachment_419" align="alignright" width="225" caption="Console, Ammer und 'Die Vögel'"][/caption]Alfred Hitchcock hatte eine Obsession: Blondinen. Darunter litt vor allem die Schauspielerin Tippi Hedren, die für Hitchcock in „Die Vögel“ vor der Kamera stand. Hörspielveteran Andreas Ammer hat zusammen mit der Band Console ein Hörspiel über Hitchcock, Hedren, „Die Vögel“, über Obsessionen und Oskar Sala, den Urvater der elektronischen Musik, realisiert.

Oskar Sala ist 20 Jahre alt, als er am 20.Juni 1930 in Berlin auf dem Trautonium, einem Vorläufer des Synthesizers, das erste elektronische Konzert spielt. Bis zu seinem Tod am 27. Februar 2002 wird Sala der einzige Virtuose auf dem sonderbaren Instrument bleiben - mit Sala wird auch das Trautonium sterben. Das deutsche Museum ehrt den Eigenbrötler und sogenannten Urvater der elektronischen Musik, der in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hätte, an diesem Wochenende mit Vorträgen, einem Theaterstück und dem Live-Hörspiel „Die Vögel, nach Oskar Sala“ von Andreas Ammer und Console.

[caption id="attachment_420" align="alignleft" width="225" caption="Alfred Hitchcock (Stefan Kastner)"][/caption]Ein lautloser Mord

Alfred Hitchcock war für seinen Horrorklassiker „Die Vögel“ (1963) auf der Suche nach einer ganz eigenen Soundästhetik. Er wollte keinen klassischen Filmscore, sondern einen Klangteppich, der die rasenden Vögel seines Films zum Sprechen bringt. Die Vögel sollten zu den Zuschauern und den Hauptfiguren sagen: „Jetzt haben wir dich, jetzt fallen wir über dich her, jetzt brauchen wir kein Kampfgeschrei auszustoßen, wir werden einen lautlosen Mord begehen.“ Und Hitchcock ist fündig geworden: in Deutschland bei Okar Sala. Der hat „Die Vögel“ mit seinem Mixturtrautonium, das Instrument ist ein absolutes Unikat und nur Sala konnte es spielen, vertont.

Ammer und Console nehmen Salas Arbeit an „Die Vögel“ zum Ausgangspunkt für ihr Hörspiel. Der Soundtüfftler erklärt zu Beginn sein Trautonium, führt einige Hörbeispiele vor. Es ist Sala selbst der spricht und es sind die Originalaufnahmen Salas die krächzen, kreischen und zerren. Der komplette Nachlass des Musikers ist im Besitz des Deutschen Museums und das Duo Ammer/Console konnte aus einem Bestand von über 2000 analogen Tonbändern schöpfen. Sala, sein Sound und dessen eminente Wirkmächtigkeit in „Die Vögel“ sind aber nur ein Aspekt der Aufführung.

[caption id="attachment_421" align="alignright" width="154" caption="Tippi Hedren (Judith Huber) wird begehrt und traktiert"]Tippi Hedren (Judith Huber) wird begehrt und traktiert[/caption]Das animalische schwebt über der Schönheit

Hitchcocks Verhältnis zu seiner Hauptdarstellerin Tippi Hedren ist der andere mächtige Brocken an dem Ammer meißelt. Der pummelige Meisterregisseur hatte die blonde Schönheit in einem Werbespot entdeckt – 30 Sekunden Hedren-Optik für einen Diätdrink. Daraufhin hat Hitchcock sie für sieben Jahre und einen Wochenlohn von 200 Dollar unter Vertrag genommen. Sein erstes Projekt mit der offiziellen Nachfolgerin von Grace Kelly, Kim Novak und all den anderen Hitchcock-Blondinen, war: „Die Vögel“.

Für Hedren wurde der Dreh zu einer traumatischen Erfahrung. Der Kontrollfreak Hitchcock überwachte das gesamte Leben seiner Darstellerin und versuchte sich ihr auch, allerdings erfolglos, sexuell zu nähern. Darüber hinaus tat Hitchcock rücksichtslos alles für die bedrohliche Wirkung seines Films. Für die berühmte Szene, in der Hedren in ihrer Rolle als Melanie in einer Dachkammer von den Vögeln angegriffen wird, wurde sie eine Woche lang mit lebenden Vögeln beworfen. Das Team kaufte in der Umgebung alles, was an Wildvögeln zu ergattern war. Darunter waren auch einige Möwen, deren Instinkt sie instantan die Augen ihrer Widersacher angreifen lässt. Hedren ist glimpflich davon gekommen, lediglich ein paar Narben und ein Kreislaufkollaps.

Rundum gelungen

Ammer und Console gelingt mit ihrem Hörspiel „Die Vögel, nach Oskar Sala“ ein kleines Kunststück: sie schaffen aus Archivmaterial, aus Interviews, Songs und eigenen Texten eine autonome Klangfläche. Darüber hinaus erzählen sie von den sexuellen Obsessionen eines Filmgenies, über das Trauma einer misshandelten Schauspielerin und über die Produktion eines Klassikers der Filmgeschichte. Oskar Salas Huldigung liefert dafür den Aufhänger und sein Schaffen die unverwechselbare Klangfarbe des Trautoniums.

Zu sehen ist das Stück noch einmal am Sonntag den 18. Juli 2010 um 21.00 Uhr im Deutschen Museum. Wer für die Live-Performance leider keine Zeit hat, der kann sich auch das Hörspiel des WDR anhören.

Veröffentlicht am: 17.07.2010

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