„Under Milk Wood“: Spiel für Stimmen

von Michael Wüst

Mit 14 Sprechern durch die walisische Provinz. (Foto: Michael Wüst)

Am 9. November 1953 starb Dylan Thomas. Etwas mehr als zwei Monate nach dem Tod des Dichters, am 25. Januar 1954, sendete Radio BBC „Under Milk Wood“, ein Spiel für Stimmen. „Unter dem Milchwald“, in der kongenialen Übersetzung von Erich Fried, wurde jetzt von Schauspieler und Sprecher Jo Vossenkuhl sowie 13 Kollegen im „Schwere Reiter“ wunderbar zum Klingen gebracht.

Er sei der unbekannteste weltberühmte Dichter, sagt man über ihn. Er über sich selbst, sagte: „1. I am a Welshman. 2. I am a drunkard. 3. I am a lover of the human race, especially of women.” Ob das so stimmt, in dieser Reihenfolge und Gewichtung?

Klar, Dylan Thomas war ein verrückter Waliser, aber den Krieg hielt er für komplette Idiotie und als 1939 ein Einberufungsbescheid im kleinen Städtchen Laugharne bei ihm und seiner Frau Caitlin McNamara ankam, war er mehr Waliser als Patriot. Er betrank sich derart hemmungslos, dass am nächsten Tag die Einberufungskommission den geradezu komatös Verkaterten nach Hause schickte.

Die Patrioten des Städtchens konnten das nicht leiden und mieden fortan den vaterlandslosen und ausschweifenden Bohemien. Schon bald wurde Laugharne dem jungen Paar zu eng. Es sehnte sich nach London. Dort lebte der befreundete Schriftsteller T.S. Eliot und Dylan Thomas erhoffte sich mehr Aufträge als Literaturkritiker. Doch die Provinz ließ ihn nicht los: Aus Laugharne wurde in „Under Milk Wood“ das fiktive Küstenstädtchen Llareggub, ein walisischer Ortsname, der Generationen von Sprechern einige Mühe kostete, ihn richtig auszusprechen. Aber oft lohnt es sich, etwas rückwärts zu lesen. Aus Llareggub wird so "bugger all", was wir vornehm übersetzen mit: "Sodomiten alle!"

Punkt zwei des Kurzporträts ("I am a drunkard") berdarf keiner Erklärung, denn das hieße Eulen in Athen ersäufen. Und Punkt drei mag man Dylan Thomas' leichtem Hang zum Bohème-Halodri zurechnen. Er war ein kleiner Villon der Moderne, ein genialer Schwerenöter und Säufer.

Jo Vossenkuhls eigentlich sehr werktreue Erarbeitung mit 14 Sprechern, die 37 Figuren und eine große Anzahl von Vermissten und Ertrunkenen sprechen und spielen, spürt fein einem erst auf den zweiten Blick erkenntnlichen Hintersinn nach, den der Ortsnamen andeutet. Zunächst fesselt den Zuschauer die großartige Sprache und der herrliche schwarz-burleske Witz.

Formal durchläuft die lyrische Erzählung einen Tag, von Nacht zu Nacht. Schwerpunkt ist also das Dunkel und die Finsternis, denn die Nacht, sie ist das Asyl der Lyrik. Sie ist der Schutzengel des Cantus, der jenseitigen Spinner und Knallchargen. In der Nacht kommen Ertrunkene zu Wort. Tote Liebespaare, die jahrelang wie salzige, braune Bücklinge im Bett gelegen hatten schreiben sich wieder. Blinde Kapitäne in Holzschuhen wie Frachtkähne machen sich jovial auf den Weg in eine unvergessliche Klabauternacht. Vertrottelte Briefträger posaunen Briefgeheimnisse und ständig vergiften sich Ehepaare.

So unzurechnungsfähig und komisch können eigentlich nur Tote sein? Einen solchen Lebenden müsste man einsperren. Was werden erst die Nachbarn sagen? Über Entmündigung können die Charaktere nur lauthals lachen! Drei Erzähler, Hank Flemming, Gabi Hinterstoisser und Christoph Jablonka streichen mit großem Bogen den wunderbaren Klang der längeren Passagen in der schlafenden Stadt. Hier wacht der Dichter, baut die Stadt der Worte und der Dinge, die Kulisse für seine grandiose Harlekinade.

Dann, allmählich graut der Tag. Gert Rigauer, der alte blinde Käpt´n Cat läutet mit der "raus-aus-den-Betten-Glocke" die restlichen Sprecher aus dem Halunken-Gemurmel der Nacht. Unglaublich geschäftig geht es zu bei den Auferstandenen, pardon Aufgestandenen. Mit tiefer Whisky-Stimme dröhnt Armand Presser zornige Kommentare durch kleine Pubfenster und als Lord Kristallglas hat er sich für jedes seiner Lebensjahre eine Kuckucksuhr angeschafft. Gerhard Acktun arbeitet als Mr. Pugh an der Vergiftung seiner Frau. Er hat einen Haferbrei entwickelt, der imstande ist über dem Nabel seiner Frau eine ganze Fontäne von Dampf entstehen lassen. Paul Sedlmeier verkauft als Metzger Beynon Eulenfleisch, Katzenleber und Menschenrippchen. Er wird dabei beobachtet, wie er die Straße hinunter rennt, einen Finger im Mund, der aber nicht seiner ist.

Jo Vossenkuhl erscheint sogar im Surrealen deplatziert: Er ist Fremdenführer. Gut, dass es Willy Nilly gibt! Klaus Wolf gibt den ungetrübt blöd knödelnden Briefträger zum Brüllen komisch. Langsam bräuchte man wirklich einen Schluck. Die Frauen, oh wunderbar peckende, meckernde, zwickende Gänseschar! Erica Ceh, ist quietschend erregt von diesem tollen Metzger mit dem falschen Finger im Mund, Marion Hartmann hat als Mrs. Ogmore eine Bakterien- und Hühnerfedernphobie, Solveig Jescke ist als Mrs. Orgel Morgan mit Fug und Recht nur an Bach interessiert und Ditte Schupp beherrscht als Myfanwy Price, das überdrehteste, spitzeste Mädchen aus dem Effeff. Michèle Tichavsky als Mrs Cherry Owen, da muss man einfach den Text zitieren: „Weißt du noch, gestern Abend? Reingetorkelt kamst du, Junge, betrunken wie ein Abt, mit einem großen nassen Eimer und einem Fischkorb voll Schwarzbier. Und dann hast du mich angesehen und gesagt: „Der liebe Gott ist heimgekommen! Hast du gesagt. Und dann bist du – wupp – über den Eimer gefallen und hast dagelegen und geschrien, und der Fußboden war voller Flaschen und Aale." Einfach wunderbar!

Veröffentlicht am: 02.05.2011

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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Micha
05.05.2011 17:27 Uhr

Bin eben das erste mal vorbei gekommen. Gefaellt mir sehr.

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