Stefan Pucher zieht mit Texten von Rainald Goetz durch die Münchner Nacht - „Mjunik Disco“ im Werkraum der Kammerspiele

von kulturvollzug

Heimat- und Sachkundeunterricht in Sachen Feierkultur. Foto: LSD/Lenore Blievernicht

Das kann man als Münchner eigentlich schon mal gut finden. Man darf noch mal die Gedanken denken, die Rainald Goetz damals gedacht haben muss, so in den Neunzigern, auf der Wiese hinter dem Pulverturm, im Soul-City, im Englischen Garten, in dem kleinen Fiat von der Kathi mit dem Lokalanästhetikum im Mund, das so unglaublich geballert hat.

Die Älteren im Publikum kramen in Erinnerungen, für die Jüngeren gibt es ein bisschen Heimat- und Sachkundeunterricht in Sachen Feierkultur. Aber natürlich bleibt alles zeitlos, alles strebt nur zum nächsten geilen Moment. Was einem so alles passiert ist und wie das dann war, vor allem mit den Drogen. Geraucht wird natürlich auch auf der Bühne. Das ist gut für die Stimmung.

Passend wieder Bert Neumanns Werkraum-Installation für diese Spielzeit. Silbern glänzende Blechwände und sehr viel Lila. Man sitzt im Raum verteilt an den Seiten, mit Phantasie denkt man sich in die Liegecken des Clubs, über den Thomas Schmauser da an seinem Tischchen gerade erzählt. Wie sich die Leute da berühren, total fertig und auf Droge und wie gut das eben jetzt ist. Mit viel Phantasie geht das.

Mit dem ergrautem Pferdeschwänzchen eines schmierigen Gebrauchtwagenhändlers leitet Peter Brombacher seinen Red Bull Dj-Academy-Workshop. Auflegen als Handwerk. Am ersten Tag Zählzeiten raushören, dann die Übergänge, Bumm, Bumm, Bumm. Aber eigentlich zählt an diesem Abend und den tausend anderen an den Plattentellern nur eins: „Präsenz! Berührung! Sex!“

Rausch als einzig spürbare Verbindung: Thomas Schmauser. Foto: LSD/Lenore Blievernicht

Liebe ist natürlich auch ein Thema. Nicht nur beim prolligen „Titten raus!“, das Thomas Schmauser alias „Siggi“ völlig zugedröhnt auf die Tanzfläche brüllt, sondern auch, wenn er dann im nächsten Augenblick nach dem „kleinen bisschen Liebe“ schreit, das doch alle hierher geführt habe.

Der Rausch die einzig spürbare menschliche Verbindung, das ausdruckslose „irgendwie geil jetzt“.

Zwischen die Gedankenfetzen wirft Pucher den Tagesschausprecher Joachim Brauner auf die Leinwand. Der Mann, der jahrzehntelang die Wahrheit verkündete, erklärt jetzt nüchtern, was passiert, wenn die Musik mal nicht so abgeht: „Hang the DJ. Hang the DJ. Hang the DJ“. Das ist schon irgendwie lustig.

Club-Reflexionen im Theater sind so eine Sache. Sollte man den Eintritt lieber in das Goetz-Bändchen investieren, den lesen und dann selbst ins Harry Klein oder die Sonne, auf die illegale Party unter der Brücke, die gerade wieder im kommen sind? Hat man da nicht mehr davon?

Aber dort gibt es zwischen den Monologen keine Lena Lauzemis, die „ich will nicht in noch `nen Club“ singt und im Musikclip dahinter am helllichten Tag ins Pimpernel geschleift wird. Das ist gut. In der verspiegelten Soft-Sex-Eros-Optik des Pimpernel sitzt dann auch Marc Brombacher bei seiner Version von John Richmans „I Love Hot Nights“. Das ist irgendwie richtig gut jetzt.

SPE

Veröffentlicht am: 21.04.2011

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