„Nichts ist unmöglich, es sei denn, man tut es.“ - Peer Gynt eröffnet das "Radikal jung" Festival

von Michael Weiser

Raum ist in der kleinsten Hütte: Peer (Nils Kahnwald) besucht Aase (Henrike Johanna Jörissen)

Um was ging's gleich nochmal? Mit Ibsens „Peer Gynt“ gastiert Antu Romero Nunes beim Festival „Radikal Jung“ am Volkstheater. Peer Gynt verliert den Überblick, und mit ihm der Zuschauer die Orientierung. Denn starke Szenen wollen sich in dieser Inszenierung vom Schauspiel Frankfurt nicht hundertprozentig zu einem starken Ganzen fügen.

Peer Gynt flunkert, das merkt ein Münchner sofort. An der Maximilianstraße will er eine mit einem Dirndl bekleidete Chinesin vor drei Schlägern beschützt haben, mittels eines Backsteins, den er aus Mauer eines maroden Hauses gebrochen haben will. Gebaut wird an der Maximiliansstraße, ja. Aber ein marodes Haus? An Münchens Prachtstraße?

Egal. Weil Peer (Nils Kahnwald) die Geschichte mit so viel Verve und Phantasie erzählt, lässt man sich doch mitnehmen, bis hin zum Palast von OB Ude, Prosecco schlürfen, Ehrenbürgerschaft abholen. Wenn die Geschichte nicht wahr ist, so ist sie doch unterhaltsam. Und schließlich: Sind wir nicht alle ein bisschen Gynt?

Peer Gynt ist bei allen märchenhaften Elementen die sehr moderne Beschreibung eines Menschen, der vor lauter Selbstsucht und Selbstbetrug seine Selbstverwirklichung verfehlt. Ein Schicksal wird irgendwann auch der flüchtende Mensch gehabt haben – aber wird es wirklich seines gewesen sein?

Dieser Purpur hüllt keinen Triumphator ein: Knopfgießer (Michael Goldberg) und Peer Gynt (Nils Kahnwald). Foto: Schauspiel Frankfurt

Regisseur Antu Romero Nunes entkleidet seinen Peer Gynt konsequent und mit allen Mitteln der Lügengewebe-Schichten und seines Märchenerzähler-Charmes, bis hin zu dem Punkt, dass des Kaisers neue Kleider ihre Blickdurchlässigkeit aufs Neue beweisen dürfen.

Florian Lösche hat die Bühne nüchtern gehalten und lädt damit den Zuschauer auf ein großes Assiziationsspielfeld ein: Wenn ihr euch nicht der Vorstellungskraft bedient wie Gynt, werdet ihr seines Reichs nicht teilhaftig. Sein Traumtrip spielt sich auch nur in seinem Kopf ab. Die Zutaten zu den diversen Geschichten werden Kisten entnommen. Klappe auf, Solveig raus. Scheinwerfer und Mikrofone sind in Peer Gynts Wirklichkeit ein Zauberwald. Und dass diese Vorstellung für den Zuschauer nachvollziehbar wird, ist schon ein Beleg für die schöpferische Kraft des Theaters. Die Kraft der Reduktion führte Nunes schon bei der vergangenen Auflage von "Radikal Jung" mit Schillers "Geisterseher" beeindruckend vor.

Vorstellungskraft ist auch angesichts des munteren Rollentauschs vonnöten: Henrike Johanna Jörissen ist Mutter Aase und Solveig und Trollkönigs Tochter, Michael Goldberg ist Knopfgießer und Trollkönig und ein sehr beeindruckender diabolischer Gegenspieler Peer Gynts.

Die Marokko-Reise fällt aus, dieser Peer Gynt spaziert nackert und bramarbassierend durch die nächtliche Frankfurter City. Sogar einen Banker reitet er: Dürfen wir wirklich glauben, dass da einer das Monstrum des entfesselten Kapitals gezähmt hat? Alles Lug und Trug in diesem goldglänzenden Finanz-Babel. Per Video bekommt man diesen Trip zugespielt, ein wenig zu lang, und wenig unzusammenhängend. Was überhaupt eine Schwäche dieser Inszenierung des Schauspiels Frankfurt ist: Man sieht starke Szenen, hervorragende Schauspieler, doch mögen sich diese Zutaten nicht hundertprozentig zu einem guten Ganzen zusammenfügen.

Die Inszenierung hetzt durch den Lügenparcours, dass einem ein, zweimal die Orientierung abhanden kommen mag. Wo dem Text Flügel wachsen, stutzt sie Nunes gleich wieder. „Weg mit der Pathos-Scheiße“, ruft der zwischen Versmaß und Gossenjargon hin und hergerissene Gynt aus – und arbeitet sich mit derlei Aufbegehren doch mehr an der Sprache des 19. Jahrhunderts als an der Aktualität des Gyntschen Weltbildes ab. Nicht alles gerät da so hintersinnig wie Gynts aus zwei sehr unterschiedlichen Zitaten zusammengesetztes Glaubensbekenntnis der Phantasterei: „Nichts ist unmöglich, es sei denn, man tut es.“

Peer Gynt will zu fernen Ufern aufbrechen, allein, das Gewand fehlt noch. Wo bleibt die Kostümbildnerin, ihm seinen Anzug zu bringen? Gynt schnauzt sie an, steht er doch schließlich schon so lange nackert auf der Bühne, dass die Zuschauer „meinen Pimmel zu Hause nachzeichnen können“. Ein bisschen zu oft setzt Nunes auf derlei kalkulierte Brüche.

Am Ende steht da ein vom Teufel in vielerlei Gestalt Verführter, ein Monarch des Irrenhauses, dem nur noch die Hoffnung auf die eine Kraft bleibt, die Berge versetzen kann: Solveigs Liebe. Wie da Henrike Johanna Jörissen Poesie und Zärtlichkeit ins Theater zaubert, wie sie zerbrechlich Kraft ausstrahlt, das lässt auf ein gutes Ende für den heimkehrenden Peer Gynt hoffen. „Glauben, Hoffen, Lieben“ wiederholt sie beschwörend auf ihrem Weg durch den Zuschauerraum auf die Bühne, wir Zuschauer sollen's wie ein Mantra wiederholen. Selbstsuggestion nennt man das. Ob's funktioniert? Ziemlich sicher; ich war jedenfalls nicht der einzige, der doch noch eine leibhaftige Chinesin im Dirndl auf der Bühne gesehen hat.

Veröffentlicht am: 10.04.2011

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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Thomas Fischer
16.08.2011 06:01 Uhr

Dass man zu Hause Peer Gynts Pimmel respektive den Penis von Nils Kahnwald nachzeichnen könnte, stimmt tatsächlich. Ich habe noch nie ein Theaterstück gesehen, in dem ein Schauspieler so lange splitterfasernackt aufgetreten ist! Allen Respekt vor Nils Kahnwald, der für die Produktion des eingespielten Films sogar nackt durch die Frankfurter City laufen musste - und der an den Aufführungstagen sogar seine Schamhaare immer auf der Länge hält, die sie im Film hatten . Bei der Premiere in Frankfurt überlegte ich tatsächlich, ob es sich um eine Einspielung oder ein Liveschaltung nach draußen handelte. Dieser Effekt funktioniert leider nur auf der Orginalbühne und ist in München leider verpufft. Trotzdem: großes Kompliment a Nils Kahnwald für diesen Einsatz. Und nett anzusehen ist er doch auch.

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