Der raue Rock'n'Roll aus dem Rottal: Ein schweißglänzender Nepo Fitz überzeugt mit „Nepo Fitz ist Nepo Fitz“

von Michael Grill

Nepo Fitz auf seinem Tourplakat.

Über Nepo Fitz, den Sohn von Lisa Fitz und Ali Khan, wird gern gestritten: Ist er nun der Rohdiamant des Kabaretts, der das etwas in die Jahre gekommene Genre auf völlig neue Art mit der Comedy versöhnt, oder doch der nervige Zappelphilipp, der erst mal die Postpubertät überwinden müsste? Ein Auftritt in Ebersberg mit dem neuen Programm „Nepo Fitz ist Nepo Fitz“ gab darauf viele Antworten – und zwar positive!

In seinen früheren Shows konnte man Fitz quasi beim Heranwachsen zusehen, so dass durchaus die Frage war, was danach Sinnvolles kommen könnte. „Nepo Fitz ist Nepo Fitz“ macht einfach mal halbautobiografisch weiter: Es geht nun um den jungen Mann an der Schwelle zum Familienleben, das Grauen eines verspießerten „settle down and marry“ vor Augen. Fitz ironisiert sich, macht sich zum Superstar mit „8430 Programmen in den letzten zwei Jahren und hunderten gewonnenen Preisen, darunter der Untergradler Pferdeapfel“.

Möglicherweise wird gleich ein Vaterschaftstest notwendig. Foto: Frank Teister (www.ft-fotografics.de)

Er ist mit einer formidablen Band unterwegs, dabei am Schlagzeug sein Vater Ali Khan, der offenbar sehr große und kindliche Freude daran hat, mal wieder Drummer in einer richtigen Rock'n'Roll-Band zu sein, auch wenn ihm beim Angebersolo zur allgemeinen Belustigung der Drumstick wegfliegt. Mit ihm steigt der Sohn an diesem Abend des öfteren in die Bütt („Du hast mich doch unter Schmerzen gezeugt“), etwa wenn der Sohn als besoffener Darth Vader den Jazzsänger gibt, und Khan trocken anmerkt: „Wenn Du so weiter machst, beantrage ich offiziell einen Vaterschaftstest.“

Die zwei Stunden Programm sind jedenfalls zwei Stunden Fitz mit Vollgas. Er kann ein Publikum dermaßen anbrüllen, dass es sich bereits nach den ersten zehn Minuten zum Aufstehen von seinen Kaffeestühlchen bewegen lässt – das ist zwar eher Heavy Metal als die zarte Melodie der Hochkultur, doch diese Gabe muss man zu nutzen wissen, ohne dass es peinlich wird.

Fitz schlägt die „Great Balls of Fire“ dermaßen heftig aus dem Klavier, dass es einem Angst und Bange wird. Später tanzt er die „Sex Machine“ in Mega-Fellpantoffeln, hängt schweißglänzend hinter seinem Micro, kniet vor und auf seinem Instrument. Er zeigt es immer wieder: Den Rock'n'Roll und den Boogie-Woogie beherrscht er wie kaum ein anderer seiner Generation.

Alle bei Facebook kennengelernt, einschließlich Vater. Foto: Frank Teister (www.ft-fotografics.de)

Das erste Thema, wie gesagt, ist die auslaufende Jugendzeit und der stärker werdende Beziehungshorror. Darth Vader tut hier gute Bühnendienste. Fitz spielt wechselnde Titanic-Untergangsszenarien durch, entdeckt Feng Shui („Ikea für Spirituelle“), schweift mit der Bauernregel („Was ist rot und liegt auf dem Acker“) mit großer Lust ins Zotige und klaut dabei auch mal bei sich selbst: „Sie liebt mich platonisch – ich hab mich vorsichtshalber überall gewaschen.“ Er tanzt die Lady Gaga und kitzelt „Musch-Gesänge“ und ähnlichen Quatsch aus seinem Publikum heraus.

Sein Blick aufs fortgeschrittene Erwachsenwerden hat dennoch einen ernsten Kern. Fitz' Spott über die sich allmählich festfügende Existenz ist oft böser und treffender, als es in Anbetracht des Bühnenspektakels wirken mag. Aber wenn man gerade dabei ist, die Bitterkeit spüren zu können, hängt er schon wieder im Rock'n'-Roll-Rausch an den Tasten.

Die heikelste Szene des Programms ist Fitz' Auftritt als Clockwork-Orange-Alex mit einer Gummipuppe und einer Persiflage der Kubrickschen Vergewaltigungsszene. Da geht er hart an die Grenze, denn die Übertreibung von etwas, das bereits im Original so böse ist, kann eigentlich nicht gelingen, und sie gelingt auch hier nicht. Fitz geht dann zu einem superschrägen „Singin' in the rain“ über, lässt sich selbst den Bühnentod sterben und röhrt als letztes Wort mit Darth-Vader-Stimme: „Ich bin ein Opfer der übersexualisierten Gesellschaft.“ Da weiß das Publikum nicht mehr, ob es nun erschrocken oder nachdenklich sein soll.

Schließlich setzt Fitz einige Nummern über Facebook ans Ende des Abends, denn er habe dort, im „Fratzenbuch“ der digitalen Welt, alle seine Freunde kennengelernt, „einschließlich meinen Vater“. Dieses Thema wirkt, als würde da jemand zu sehr nach dem Mainstream schielen, auch wenn er es nicht unlustig rüberbringt. Wir stupsen uns alle mal an im Saal, denn Privatsphäre ist ein überholtes Konzept.

Sein Blick aufs fortgeschrittene Erwachsenwerden hat einen ernsten Kern. Foto: Frank Teister (www.ft-fotografics.de)

Viel besser ist Nepo Fitz als Rock'n'Roller der You-Tube-Generation, der mit seinem originalen Passauer Scharfrichterbeil über die Bühne tobt: Ein sympathischer Missbrauch niederbayerischer Kultgegenstände. Auch wenn die am Eingang angebotenen Ohrenstöpsel nur für völlig ungeübte Ohren notwendig sind: Nepo Fitz ist ein echter Kabarett-Rockstar, der allerdings diese Rolle zu sehr durchschaut, als dass er sie je ironiefrei spielen könnte. In der Schlussnummer ist er so sehr drin in der Rampensau, dass er das Wasserglas in seiner Hand für einen kurzen Schreckmoment tatsächlich für sein Micro hält: Bühnenekstase muss was Schönes sein. Und Nepo wäre nicht Fitz, wenn er nicht dem freudig nach Zugabe klatschenden, eher gesetzten Ebersberger Bürgerpublikum nicht noch eine herbe Persiflage als niederbayerischer Cowboy-Breitbeiner mit auf den Weg geben würde: Gemeinsam mit dem Papa geht es um die Qualitäten der Mama. Sagt also doch tatsächlich der Khan zu dem Fitz: „Die davögelst nimma.“ Es weht ein rauer Wind durchs satirische Rottal. Aber er wirkt befreiend.

Weitere Tourdaten auf der Seite von Nepo Fitz.

Veröffentlicht am: 31.03.2011

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