Ein Aufruf zur Beratungsresistenz: „Überleben eines Handlungsreisenden“ im i-camp

von Michael Wüst

Tempowechsel: Jetzt die Aufstellung eines Businessplans, Pobacken zusammen! Foto: I-Camp

Philipp Hauß und Bettina Kraus setzen sich mit „Überleben eines Handlungsreisenden“ zum Ziel, den Weg des Sohnes von Willy Loman, Hauptfigur in „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller nach dem Schlussvorhang weiter zu verfolgen. Die Geschichte beginnt nach dem Selbstmord des Vaters. Gegenstand auf der Bühne des i-camp ist die Erstellung eines Anforderungsprofils `Leben, Glück, Erfolg´ für den verlorenen Sohn, Stellvertreter einer Generation der Ich-Finder und Perfektionisten des Selbst.

Eine verwickelte, steile Idee. Eine Verwindung, ein Hybrid: Man entnehme eine Figur aus einem berühmten Stück, einen mit viel dramatischem Charisma ausgestatteten verlorenen Sohn der Literatur, Biff Loman, Sohn des toten Handlungsreisenden. Aus ihm wird Bill Nolan. Der soll es besser machen, der muss es besser machen als sein Vater, das ist doch klar. Da besteht keinerlei „kognitive Dissonanz“. Um das ganze Beratungsausmaß darzustellen, dessen ein solch Verlorener in der heutigen Welt bedarf, scannt ihn Philipp Hauß und schickt mit den Schauspielern Ana Stefanovic-Bilic, Katrin Grumeth, Gottfried Neuner und David Oberkogler vier Nolan-Klone in die Welt der kapitalistischen Fitnesstrainer, der Coaches. Sie sollen Rat einzuholen, wie dies Stück Mensch zu optimieren sei. Das Textmaterial dazu hat das Team vorab bei den NLPlern, Shiatsu-Gurus, Familienaufstellern, Hypnotiseuren und Motivationsschleifern aller Art in der wirklichen Welt dokumentarisch erhoben. 300 Seiten Gesprächsprotokolle sind so zusammengekommen. Dieses Ready-made wird in nachgestellten Beratungssituationen, die ausgelöst werden durch den Cue „so war es wirklich“ mit den Schauspieler-Klonen und Bill nachgestellt.

Die Szene findet statt in einem utopischen Möbiusband der Ortlosigkeit. (Bühne Bettina Kraus, Michael Dobnik). In einem Teil des stylischen Bandes hat es sich der tote Vater, der Handlungsreisende gemütlich gemacht. Dietrich Kuhlbrodt zeichnet sich als jovialer, Robert Frost deklamierender Toter aus. Man sieht es gleich, Tote sind hoffnungslose Fälle, beratungsresistent, schlimmer noch: Individualisten.

Beim Einsatz der Beratungsfetische. Foto: I-Camp

Es wundert einen wenig zu lesen, dass Philipp Hauß als Regieassistent bei Christoph Schlingensief gearbeitet hat. Dessen Art, die kulturellen Sanktuarien des Kulturbürgertums mit Realmüll zu beflecken, zu verblenden, zu emulgieren, ist auch hier spürbar und es gelingt neues Theater, jenseits notorischer Status-Quo-Larmoyanz.

Der Einsatz der Beratungsfetische, die unsäglichen Flipcharts, die Schildchen mit den scheußlich aufgekrakelten Glaubenssätzen, das faschistoide Vokabular der Lebens-Fitmacher, der Psychologie-Etikettenschwindler, all das alteriert schmerzhaft zwischen Satire und Theater-Ernst. Und schwungvoll wird das begleitet von Charlie Parker und Benny Goodman. Man ist bewegungsbewusst und hopst deswegen.

Das Leben ist schön, recht besehen, wenn man die rechten Glaubenssätze hat. Wenn man sich delirisch infantil einstimmen kann: „Recreate a poster of your childhood“. Think of your parents kissing“. Zum Sabbel des Familienaufstellers wird Wabern an PC von David Lynch serviert. Ja, alles ist emotional perfekt, wenn man sich kinästhetisch richtig ausgelöst hat! Und merke: „Alle Probleme liegen darin, dass wir nicht dort sind, wo wir sein sollten.“ Oh wunderbares neurolinguistisches Nirwana!

Tempowechsel: Jetzt die Aufstellung eines Businessplans, Pobacken zusammen, bioenergetische Gesichtspunkte, Körpersprache nach vorne bringen: Berater Gottfried Neuner schreit sich in marktwirtschaftliche Kampfhundrage: Netzwerke, interne Kontrollüberzeugung, Belastbarkeit, Superprodukt, Stimulus-Response-Koppelung, Koinzidenz-Detektor, USP-Faktor!!! Und morgen die…

Geriet die Schlussfindung schwierig nach diesem exzellenten Parforce-Ritt? Opa Loman stand auf von seiner Lektüre des Robert Frost hauchte die Klone an, als wollte er sie wecken. Als wollte er sagen: Geht´s noch? Ihr seid doch Klone, ihr könnt euch doch nicht aufhängen! Haben sie verstanden? Hat´s Bill verstanden? Wird er glücklich werden? Wir drücken ganz fest die Daumen.

Veröffentlicht am: 29.03.2011

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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