Genussvoll eingelullt: Zur Premiere von „I Capuleti e i Montecchi“ an der Staatsoper

von Volker Boser

Üppig, protzig, phantasievoll. Foto: Wilfried Hösl

So viel Zeit musste sein: Zu Beginn kam Staatsopernintendant Nikolaus Bachler auf die Bühne, weinte seinem Star, Vesselina Kasarova, der wegen einer Lungenentzündung nicht auftreten konnte, eine Träne nach und machte der Einspringerin Tara Erraught Mut. Immerhin stünde bei dieser Nationaltheater-Premiere eines der jüngsten Paare auf der Bühne, das je die tragische Geschichte von Romeo und Julia musikalisch nacherzählen durfte.

Gerade mal fünf Tage blieben der 24-jährigen Rumänin Irin, um die Partie des Romeo zu erlernen. Gemessen daran zog sie sich glänzend aus der Affäre. Dass sie sich im Stimmtimbre kaum von der japanischen Julia Eri Nakamura unterschied und die Tiefe dann doch ein wenig zu wünschen übrig ließ, war schade, aber zu verkraften.

Eri Nakamura als Julia. Foto: Wilfried Hösl

Vorsichtig formuliert ist Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ ein Stück für jene Opernfans, die melodische Zuckergirlanden einer streng strukturierten Dramatik vorziehen. Man hört zu, genießt und lässt sich bereitwillig einlullen. Etwa von den gelegentlich verblüffend phantasievollen Orchestervorspielen zu den jeweiligen Gesangsnummern: Das Staatsorchester unter dem umsichtigen Ives Abel überbot sich an delikaten Klangzaubereien. Das Klarinetten-Solo zu Beginn von Romeos „Deserto è il luogo“ im zweiten Akt geriet weltmeisterlich.

Wohl deshalb, weil die einzelnen vokalen Trapezakte eher konventionell ausfallen, ist diese Oper verhältnismäßig selten auf den Spielplänen zu finden. Der französische Regisseur Vincent Boussard vertraute den imponierenden Farbwirkungen, die sich das Team Bühnenbildner (Vincent Lemaire), Kostüme (Christian Lacroix) und Lichteffekte (Guido Levi) ausgedacht hatte.

Julia sah aus wie ein Ballettmädchen von Degas: zart, verletzbar, ein Traum weitab jeder Realität. Eri Nakamura konnte durch eine eindringliche Bühnenpräsenz punkten und bewegte sich auch stimmlich auf höchstem Niveau. Kasarova-Ersatz Tara Erraught hatte anfangs mit einiger Nervosität zu kämpfen, fand sich dann aber immer besser in die Partie hinein.

Tara Erraught als Romeo und Dimitri Pittas als Tebaldo. Foto: Wilfried Hösl

Offenbar war es Absicht, die Begegnungen der beiden Liebenden in einem sehr langsamen Tempo in Szene zu setzen. Leidenschaft sieht anders aus. Vielleicht wollte die Regie verhindern, dass die manchmal ziemlich lethargische Ruhe der Musik unnötig gestört wird. Der Blick auf den Dirigenten war Pflicht. Die weitgehende Abwesenheit szenischer Einfälle irritierte. Man könnte sie damit erklären, dass es sich um eine Koproduktion mit der Oper in San Francisco handelt – und dort versteht man bei Experimenten sicher weitaus weniger Spaß als hierzulande.

Sei´s drum. Musikalisch gab es kaum etwas auszusetzen. Auch die Comprimarii Dimitri Pittas, Steven Humes und Carlo Cigni schlugen sich tapfer. Die Kostüme des berühmten Christian Lacroix sind üppig, protzig, phantasievoll und fallen, wie erwartet, aus dem Rahmen. Ob diese Oper wirklich sein muss, dazu haben die Fans das letzte Wort. Ein Meisterwerk ist sie nicht.

Veröffentlicht am: 29.03.2011

Über den Autor

Volker Boser

Volker Boser ist seit 2010 Mitarbeiter des Kulturvollzug.

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J. Tittel
08.04.2011 12:31 Uhr

Was muss schon sein?

Ist schon schlimm, wenn man über etwas schreiben schreiben muss, hinter dem man garnicht so steht! Dann sollte man das lieber lassen.

Aber zum Glück entscheiden ja die Fans und die lassen sich ja wohl ganz gerne einlullen......

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