"Kaufmann von Venedig" am Volkstheater

Jede Menge Spaß

von Michael Weiser

Unendlicher Spaß: Antonio Silas Breiding (2. v l.) und seine Kumpane treiben ihren Mutwillen mit Shylock. Foto: Arno Declair

Wie angehen gegen die Seuche des Antisemitismus? Christian Stückl untersucht am Volkstheater mit Shakespeares "Kaufmann von Venedig" das Verhältnis zwischen Etablierten und Ausgegrenzten: Was nur hat die venzianische Gesellschaft gegen die Juden? Genau das aber bleibt auch nach der Geschichte um Shylocks Wahnsinnshandel mit dem fiesen Kaufmann Antonio im Dunklen.

Das letzte Wort hat Shylocks Tochter, und es ist ein gewichtiges. Einerseits, weil es den Stoff des "Kaufmanns von Venedig" in die jüngere Vergangenheit und damit schon auch in die deutsche Gegenwart mit ihren Nazi-Wiedergängern holt. Andererseits, weil es die Sätze sind, an denen Christian Stückls Inszenierung hängt.

Ein Schlusssatz, der den Ton eines ganzen Stückes vorgibt, das ist paradox und ungewöhnlich genug. "Es ist, als wäre man in einem großen Saal, in dem viele Menschen fröhlich sind und tanzen, während eine kleine Gruppe Menschen still in der Ecke sitzt. Ab und an holen sie aus diesem Grüppchen ein paar Leute, schleppen sie in ein Nebenzimmer und drücken ihnen die Kehle zu. Die andern feiern gelassen weiter. Es berührt sie nicht. Vielleicht haben sie ja dadurch noch mehr Spaß." Das also sagt, ganz am Ende und mit tonloser Stimme, Henriette Nagel als Shylocks Tochter Jessica.

Die Worte stammen aus dem Tagebuch Mosche Flinkers, der nach Ausschwitz deportiert und dort 1944 ermordet wurde. Die Auseinandersetzung mit dem Hass auf Juden ist ein Lebensthema von Christian Stückl, der ja auch schon die Oberammergauer Passionsspiele gründlich reformiert hat.

Umworbene Frauen: Jessica (Henriette Nagel) und Portia (Caroline Hartmann). Foto: Arno Declair

Jedoch zeigt sich in den vergangenen Jahren, dass es leichter ist, schändliche Worte aus traditionsreichen Texten zu tilgen (sogar in Oberammergau), als infame Gedanken aus den Köpfen. Antisemitismus ist vielleicht noch nicht in Mode, aber wohl - zumindest bis zu einem gewissen Maß, und erst recht, wenn ins Gewand der Israelkritik gehüllt - kein Grund mehr für allgemeine Ächtung.

Gruppe und Außenseiter, davon erzählt Shakespeare im "Kaufmann von Venedig", und damit wirkt es wie das Stück zur Gegenwart, wie so viele seiner Stücke zu so vielen Zeiten. Die einen: das wären in der Versuchsanordnung Shakespeares die betuchteren Christen von Venedig um den Kaufmann Antonio (Silas Breiding). Die Andern: das sind Shylock (Pascal Gligg) und seinesgleichen, die Juden, Geldverleiher zumeist, da ihnen ehrbarere Gewerbe zumeist verboten sind, die Christen andererseits auf die monetäre Dienstleistung mit ihren verpönten Zinsen angewiesen sind.

Unterscheidbar sind die beiden Gruppen nicht, Stefan Hageneier steckt zum Beispiel die Mannsbilder geschlossen in anthrazitfarbene Business-Anzüge. "Wenn ihr uns stecht, bluten wir dann nicht": Shylocks berühmter Monolog ist von Beginn an vorweggenommen. Der Geldverleiher ist geschäftstüchtig, auch nicht anders als seine christlichen Pendants, er ist auf seine Ehre bedacht, in seinem Handel mit dem Kaufmann (der ihn sonst immer aufs Gröbste beleidigt und gegen Juden hetzt) durchaus und eigentlich ganz verständlich auf Revanche aus. Diese Rache hat das Zeug, in archaische Brutalität zu münden: Ein Pfund Fleisch darf Shylock als Pfand aus Antonios Körper schneiden, hat der Christ nicht rechtzeitig die geliehene Summe zurückgezahlt.

So weit kommt es nicht, nicht bei Shakespeare, erst recht nicht bei Stückl. Der lässt seinen Shylock noch vor dem auflösenden Spruch des Richters vom kruden Handel zurücktreten. Shylock ist am Ende kein betrogener Betrüger, kein diabolischer Strippenzieher, sondern ein ganz normaler Mann. Und da liegt das Problem: Welchem normalen Mann fällt ein solches Pfand ein? Der Handel kann nur Abscheu wecken, selbst wenn er nie eingelöst wird.

Shakespeare hat dem Juden eine grässliche Rolle auferlegt. Und ihm dann erst die hehren Worte von der Gleichheit menschlicher Wesen an sich in den Mund gelegt. Das Dilemma hat also Christian Stückl nicht angerichtet, es ist bei Shakespeare schon angelegt. Aber Stückl kann es auch nicht überwinden.

Stefan Hageneier hat, in bewährter Arbeitsgemeinschaft, Christian Stückl ein eindrucksvolles Hotel-Foyer in edler goldfarbener Metallkonstruktion auf die Bühne des Volkstheaters gestellt, mit drei Drehtüren und bodentiefen Fenstern. Das könnte ein goldener Käfig sein. Oder eben der von Flinker erwähnte "große Saal" mit der ausgelassenen Mehrheit und ahnungsvoller Minderheit.

Im Kontrast zur kühlen Architektur tobt darin das pralle Leben im Überschwang. Stückl weiß um den Wert des Komödiantischen, das die an sich bittere Pille zuckersüß ummantelt. Er setzt beim traurigen Stück stark auf Spaß, mit dem Ergebnis, dass bei den meisten der Akteure  - der Björn-Höcke-hafte Silas Breiding und Pascal Fligg mit angemessen ernster Miene mal ausgenommen - irgendwann der Gaul durchgeht. Dass die Gesellschaft solcherart den Eindruck schaler Oberflächlichkeit verbreitet, geht an. Dass die Akteure einander unbedingt an die Wand scherzen wollen, nervt mitunter.

Die Vergnügungen der einen, das Bangen der andern, wenigen; ihr Tod und der Zugewinn an Spaß bei der Mehrheit: Da liegen Stückl und seine Akteure schon richtig. Nur das mit der Gaudi und dem gspinnerten Akt auf dem Tresor hätte es nicht unbedingt gebraucht.

Veröffentlicht am: 09.11.2019

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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