Interview zum Münchner Faust-Festival 2018

"Da steckt ein ganzes Universum drin"

von Christa Sigg

Das Faust-Team: Gasteig-Geschäftsführer Max Wagner (links) hat Jura und Gesang studiert, war Intendant des Stuttgarter Kammerorchesters und von 2011 bis 2017 geschäftsführender Direktor des Gärtnerplatztheaters. Anna Kleeblatt (rechts) hat schon während ihres BWL-Studiums für verschiedene Musiktheater im Bereich Marketing gearbeitet. Sie berät Kulturinstitutionen und ist Projektleiterin beim Faust-Festival. Der Kunsthistoriker Roger Diederen leitet nach Stationen am Rijksmuseum in Amsterdam, am New Yorker MoMA und am Cleveland Museum of Art seit 2013 die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung. Foto: Robert Haas

Fack ju Göhte? Von wegen! Das Münchner Faust-Festival wird alle Dimensionen sprengen. Ein Interview mit den Organisatoren Max Wagner, Anna Kleeblatt und Roger Diederen.

Wer hätte gedacht, dass trockener Schulstoff für so viel Furore sorgt? Und das in Zeiten von „Fack ju Göhte“! Kunsthallen-Direktor Roger Diederen wollte um den „Faust“ unbedingt eine Ausstellung machen. „Es gibt einfach tolle Objekte“, sagt er, „von Max Beckmanns Menschlein in der Phiole bis zu Robert Mapplethorpe mit Teufelshörnchen“. Als Holländer pflegt er sowieso ein herrlich entspanntes Verhältnis zu deutschen Klassikern. Und wie das halt so ist: Man muss mit den richtigen Leuten plaudern. Gasteig-Chef Max Wagner ließ sich sofort vom Faust-Virus infizieren. Daraus ist nun ein riesiges Festival quer durch die ganze Stadt geworden.

Frau Kleeblatt, Herr Wagner, Herr Diederen, Sie sind angetreten mit dem Spruch „Ein Drama, eine Stadt, hundert Events“. Wie viele sind’s denn aktuell?

Anna Kleeblatt: Über 500 Veranstaltungen! In diese Zahl fließen aber die Ausstellungen im Theatermuseum oder im Instituto Cervantes genauso ein wie die 200 Führungen und jede einzelne Bühnenaufführung.

Gibt es einen Annahmestopp?

Max Wagner: Nein. Wer mitmachen will, ist willkommen und kann auch jetzt noch problemlos auf unserer Website landen. Das ist die Hauptinformationsquelle des Festivals.

Kleeblatt: Es gibt auch keine Jury, die auswählt. Wobei sich viele Ideen durchsetzen konnten, manche Bewerber haben aber auch gemerkt, dass es einfach nicht geht.

Roger Diederen: Jeder muss seine Sache selbst organisieren und finanzieren. Wir bieten nur die Plattform.

Du bist Faust“, heißt es im Ausstellungstitel der Kunsthalle. Was ist denn nun des Pudels Kern beim Festival?

Diederen: Wir wollen zeigen, wie aktuell und vielseitig das Thema Faust ist. Das beginnt mit der Kultur und endet in der Wirtschaft oder Forschung.

Wagner: Des Pudels Kern ist aber auch, den kulturellen Reichtum der Stadt zu zeigen und eine Zusammenarbeit, die es so bisher nicht gab: staatlich, städtisch, freie Szene, Privatwirtschaft…

Diederen: Alle ziehen an einem Strang, weil wir ein Thema gefunden haben, mit dem jeder etwas anfangen kann. Egal, ob da jetzt eine Party, Puppentheater oder eine Techno-Oper draus wird. Das brauchen weniger die großen Institutionen – wenn das Resi den „Faust“ aufführt, ist das Haus voll. Wenn jetzt aber die Kleineren wie etwa die Off-Theater mitmachen, bekommen sie eine Aufmerksamkeit wie sonst nie.

Wagner: Auch den großen Institutionen wie der Staatsoper tut‘s gut, weil es einen anderen Austausch bringt und auch ein neues Publikum.

Die Zahl der Faust-Inszenierungen war in den letzten Jahren überschaubar. Und es soll eine weit verbreitete Reclam-Heftl-Phobie geben.

Diederen: Deshalb hat unser Festival-Plakat genau dieses Reclam-Gelb! Mir ist völlig klar, dass viele den Faust-Stoff seit Schulzeiten mit einem gewissen Unbehagen verbinden. Ich hatte ja selbst Bedenken, aber dann bei der Beschäftigung gemerkt, wie schnell sich die in Luft aufgelöst haben. Das ist einfach ein toller Stoff, da steckt ein ganzes Universum drin, und das wollen wir vermitteln.

Gab’s schon Lob von den Lehrerverbänden?

Diederen: Noch nicht, aber wir werden demnächst von Schulklassen überrannt.

Wagner: Wenn ich mit Lehrern spreche, dann sind die schwer begeistert. In einigen Münchner Schulen denkt man sich schon etwas zum Thema Faust aus.

Woher kommt Ihr Budget?

Kleeblatt: Einmal von den Initiatoren Kunsthalle und Gasteig. Jeder unserer Programmpartner zahlt einen kleinen Obolus. Und dann haben wir großzügige Sponsoren wie etwa die Edith-Haberland-Wagner-Stiftung und die Hypo-Vereinsbank. Oder die Steuerberatergesellschaft KPMG, die übrigens ihre Mitarbeiter vor eine besondere Aufgabe stellt: Jeder soll sich überlegen, was dessen Pakt mit dem Teufel ist. Also was er für den Job geben würde und wo die Grenze liegt.

Herr Wagner, international wird der Gasteig nicht so sehr wahrgenommen wie etwa das Centre Pompidou in Paris oder das Barbican Center in London. Gehen Sie deshalb einen Pakt mit dem Teufel ein, um künftig bis ins Weltall zu strahlen?

Wagner: Woher wissen Sie das? Aber im Ernst, wir werden tatsächlich mit dem Faust-Festival international wahrgenommen. Dass wir das machen, war ja ein Zufall. Mir hat die Idee einfach gefallen und dazu die Haltung des Kunsthalle-Teams, sich wirklich zu öffnen. Das passt in jeder Hinsicht zur Vielfalt des Gasteigs.

Und liegt vielleicht auch im Trend?

Wagner: Ich denke, das hat auch mit einem Generationswechsel zu tun. Bisher war’s doch eher so, dass jede Institution ihr Ding gemacht hat, und jetzt spürt man überall das Bedürfnis, sich zu öffnen und Projekte gemeinsam anzugehen.

Sie sind hier praktischerweise zu dritt, wer spielt welche Hauptrolle im Faust?

Kleeblatt: Ich war noch nie Gretchen!

Diederen: Mephisto, ganz klar.

Wagner: Aber Du bist doch auch manchmal Gretchen!

Für Gretchen geht es halt schlecht aus.

Kleeblatt: Trotzdem diese Hingabe! Wir haben uns doch alle von dieser Idee verführen lassen, etwas Neues auszuprobieren. Wir sind alle verliebt und im Rausch – und deshalb auch Gretchen.

Die große Verführung spielt in den Wissenschaften eine Rolle, von der Kernspaltung bis zur Genmanipulation. Ziehen die Münchner Unis mit?

Diederen: Nicht ganz so, wie wir uns das gewünscht haben. An der TU etwa konzentriert man sich auf das Jubiläum der Gründung vor 150 Jahren. An der LMU gibt es Vorlesungen zum Thema. Das Museum Reich der Kristalle widmet sich Goethe und den Naturwissenschaften.

Wagner: Beim Kulturkreis Gasteig treten Sarah Wagenknecht, Claus Peymann oder Thea Dorn auf. Da werden wir die ethische Diskussion ganz sicher haben. Und an der Evangelischen Akademie in Tutzing geht es Ende Juni ein ganzes Wochenende um Faust und das Kapital.

Und schon sind wir mitten in der aktuellen Politik.

Diederen: Wenn man jetzt im Zeitalter von Brexit, Trump und den „alternative Facts“ auf diesen Text blickt, fällt auf, was Goethe damals schon perfekt auf den Punkt gebracht hat: „Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte.“ Uns wird dauernd etwas vorgegaukelt, wir wissen, dass es Quatsch ist – und wählen trotzdem Berlusconi, Trump oder wen auch immer.

Wagner: Wir sind verführbar wie Gretchen.

Diederen: Sie weiß ja, der Faust taugt nix, und lässt sich trotzdem mit ihm ein. Das kennen wir doch alle. Und dann immer diese Selbstoptimierung: Genug ist nie genug.

Welche Veranstaltungen reizen Sie besonders?

Wagner: Der Osterspaziergang zur Monacensia zum Beispiel. Oder „Faust in the box“, das mit zwei Handpuppen auskommt. Wenn der Hit „Pretty Woman“ läuft, weiß man sofort, was los ist.

Kleeblatt: Ich hege ein Faible für „Kasperls Spuikastl“ und diese ganz kleinen Bühnenprojekte. Aber das Schöne beim Festival ist ja die Vielfalt. Wenn ich keine Lust auf Programm habe, geh ich auf den Nockherberg und trinke einen Faustus. Den hat Paulaner extra für uns kreiert. Das Genießerische gehört schon auch dazu, gerade in München!

Faust-Festival München vom 23. Februar bis 29. Juli 2018, Info-Point im Gasteig, Programm auf faust.muenchen.de

Veröffentlicht am: 17.02.2018

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