Zur Diplom-Ausstellung 2018 an der Kunstakademie

Probieren bis zur Verblüffung

von Christa Sigg

Anselma Murswiek vor "Der unendliche Garten". Foto: Anselma Murswiek

Man kennt die Dramen ja. Etwa, wenn Badewannen sauber geschrubbt werden. Oder eine Reinigungskraft die abgerissenen Folien einer Installation mit Müll verwechselt wie vor zwei Jahren in Mannheim. Um sicher zu gehen, hat ein gewisser Samuel einen unübersehbaren Zettel auf seine nicht mehr ganz taufrische Polstergarnitur gepappt: „Gehört zum Diplom – NICHT ENTSORGEN!“. 80 Absolventen der Münchner Kunstakademie stellen ihre Diplomarbeiten aus.

Überhaupt sollte man derzeit vorsichtig sein in den Gängen der Kunstakademie. Damit niemand auf die Scherben tritt, bleibt Garance Arcadias (ehem. Klasse Gregor Schneider) lieber gleich bei „ihren Fenstern“, das heißt, den trüben Exemplaren, die vor ein paar Jahren in der Alten Pinakothek für einigen Ärger gesorgt haben. Der eine oder andere mag sich an die dauerbeschlagenen Gläser im Treppenhaus des Museums erinnern, die im Rahmen der Großrenovierung ausgetauscht werden mussten. In Arcadias nochmal gebrannten, zum Teil zerstörten Versionen sind sie immerhin zu schrägen Hinguckern geworden.

Dass so ziemlich alles zu Kunst werden kann, demonstriert auch Sandra Bejarano Gil (Klasse Olaf Metzel). Was edel schimmert wie eine kostbare Perle, ist aus Urin geformt, die Errungenschaften der Molekularküche machen’s möglich. Daneben die Spaghetti, die wie Korallen anmuten, bestehen aus Blut, die Grundlage des weißen Kaviars will man dann allerdings nicht mehr so genau ergründen in dieser Reihung schön ekliger Säfte und Sekrete.

Sowieso wird viel ausprobiert. Viola Relle und Raphael Weilguni (Klassen ehem. Prangenberg/Florian Pumhösl) hebeln mit ihren keramischen Arbeiten inzwischen noch überzeugender die Schwerkraft aus, während Andrea Zabric (Klasse Pia Fries) das reine Pigment ganz ohne Trägerstoff zu einer Plastik presst. Im weiß ausgekleideten Raum stehen erstaunliche Blöcke aus Eisenoxidschwarz und dunklem Französischen Ocker. Das hat selbst die Pigmentexperten der Firma Kremer an der Türkenstraße verblüfft.

Aber auch in den alten Genres geht es mit Nachdruck und voller Überzeugung zur Sache. Etwa durch einen riesigen Seerosenteich, mit dem Anselma Murswiek (Klasse Jorinde Voigt) das Auge fast so sehr in Unruhe bringt wie einst Claude Monet. Nur, dass sie den Betrachter quasi im Dickicht der realistischen Blätter noch mit perspektivischen Unstimmigkeiten verwirrt.

Genauso fühlt sich Lola Sprenger (Klasse Markus Oehlen) der klassischen Malerei verpflichtet. Mit den Größten will sie sich messen, das ist doch mal eine Ansage. Und so wütet die junge Frau mit den kampfroten Lippen zwischen frühem Georg Baselitz und Per Kirkeby und findet dennoch zu eigenen Lösungen. Im Diplom-Fall hat Sprenger Sehnsuchtsorte zerstört, Idyllen gibt es eh nicht mehr, und am Ende ragt als einziges menschliches Relikt ein fieser gelber Gummihandschuh aus dem Gestrüpp. Aber selbst im postapokalyptischen Chaos sitzt jeder Pastellkreidestrich.

Licht und Schatten, auch so ein altes Thema der Malerei, spielen bei Lara Eckert (Klasse Karin Kneffel) eine Rolle. Sie hat sich Ausschnitte aus Porträts herausgepickt und untersucht, wie das Licht etwa das Gebirge einer Nase in Szene setzt. Frappierend schnell geht’s bei solcher Detailarbeit in die Abstraktion, man muss nur nahe genug ranzoomen.

Auch Martha-Marie Pinsker aus der Bühnenbildklasse von Katrin Brack hegt ein Faible für Vergrößerungen und ist damit längst professionell unterwegs: Ihre stattlichen Kühlschränke hatten erst am Freitag im Theater Freiburg in einer E.T.A. Hoffmann-Adaption Premiere. Fürs Diplom zog Pinsker ein Scrabble-Brett auf Boxring-Format, und man will eigentlich sofort loslegen.

Es gibt freilich genauso Studenten, die mit winzigen Arbeiten beträchtlichen Eindruck machen. Lea Grebe (ehem. Klasse Axel Kasseböhmer) hat tote (!) Insekten in Bronze gegossen. Das konterkariert unsere Vorstellung von den üblichen Metallskulpturen, die eher gewichtig daher kommen. Bei Grebe muss man mehrere Gänge zurück schalten, denn selbst die zarten Fühler einer Heuschrecke oder die fragilen Flügel einer Florfliege – kein Witz – sind aus Bronze.

Fehlt noch eine Abschussrampe in die Freiheit. Valerie Christiansen (Klasse Peter Kogler) wollte zwar die Möglichkeiten von Gips ausreizen, doch ihre große weiße Treppe erinnert nicht zuletzt an eine Gangway oder die Stiegen zum Zehn-Meter-Brett im Schwimmbad. Und sie muten an wie ein Rückgrat. Auf dem Kunstmarkt dürfte das wichtiger sein denn je.

Diplom-Ausstellung 2018 an der Akademie der Bildenden Künste, bis Sonntag, am Fr 14 bis 20 Uhr, Sa/So 11 bis 20 Uhr, Akademiestraße 2-4.

Anm. d. Red. (17.2.2018, 7.45 Uhr): Die im Text genannte Akademie-Klasse von "Albert Oehlen" ist natürlich die "Klasse Markus Oehlen". Albert ist der Bruder von Markus. Der Fehler wurde korrigiert.

Veröffentlicht am: 08.02.2018

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