Nochmals, und zum letzten Mal: Spielart 2017

Master of the Multiverse

von Michael Weiser

Claire Cunningham in "The Way You look (at me) tonight". Foto: Sven  Hagolani

In seinem letzten Viertel zeigte sich das Festival Spielart nochmals auf der Höhe des Schaffens, mit Produktionen, die höchst aktuell und vielseitig und damit natürlich auch politisch mit Ausgrenzung und Rollendeutungen verhandeln. Und mit einer Produktion, die einfach nur - die Phantasie feiert. Und damit auch die schier unbegrenzten Möglichkeiten des Menschen. Ein letzter Rückblick auf sehr unterhaltsame und aufschlussreiche Tage.

 

Es wurde gefeiert, schon während Ogutu Muraya s Storytelling-Performance "Because I always feel like running" über den Boden der Muffathalle ging. Im Ampere hatte Silvia Calderoni das Regiment übernommen, und wie sich es für eine gute Djane ziemt, war sie hinter den Turntables die wildeste Tänzerin. Eine letzte Gelegenheit, sich beim Festival Spielart von der Kraft dieser Frau zu überzeugen, die mit "MDLSX" im Carl-Orff-Saal das Publikum auch als Performerin begeistert hatte.

Währenddessen, wie gesagt, erzählte Ogutu Muraya noch. Von Läufern und ihrem Weg zum Ruhm, ins Scheitern, zum ruhmvollen Scheitern. Darüber, was Athletik und Ausdauersport für die jungen afrikanischen Nationalstaaten bedeutete. Auch und gerade im Kräftemessen mit den ehemaligen Herrn, die den einst Kolonialisierten so etwas wie zielgerichtetes Training und das Ertragen der Qualen eines langen Laufs nur des sportlichen Lorbeers willen nicht recht zutrauten. Mit seiner Vorstellung ging der Spielart-Marathon am Samstag (11.11.2017) zu Ende.

Anmut und Oberfläche: Russ Ligtas in Eisa Jocsons "Princess Studies". Foto: Baumann

Was die einen dürfen und die anderen nicht, was man in den Augen der anderen kann und was nicht - das war auch Thema der "Princess Studies" der Choreografin Eisa Jocson zusammen mit Russ Ligtas in der Kammer 2 der Kammerspiele. Disneys abwaschbare Märchenwelten sind ein globales Phänomen, was aber nicht heißt, dass jeder mitspielen darf. In Hongkong beispielsweise ist Disneyland ein großer Arbeitgeber für philippinische Tänzerinnen, die aber nur in Nebenrollen auftreten dürfen. Weil sie halt nicht aussehen, wie man sich Schneewittchen weltweit vorstellt. Eisa Jocson und Russ Ligtas räumen mit dem globalen Mythos des netten, schönen Mädchens so unterhaltsam wie eindrucksvoll auf. In fast synchronen Bewegungen wärmen sie sich quasi auf für die Aufgabe, das Kunstwesen mit Leben zu erfüllen. Und wie sie das dann tun - indem sie die schwebenden, seltsam gezierten Bewegungen, das Tippeln, das Exaltierte der Zeichentrickfigur geradezu perfekt nachahmen. Das ist erstmal verblüffend, dann aufreizend, irgendwann sogar nervig: Schon Wahnsinn, was uns die US-amerikanischen Nachschöpfer dieser so perfekten wie doofen Plastikgestalt eigentlich zumuten. Was das damit zu tun hat, dass philippinische Künstler ausgesperrt werden, erschließt sich erst am Ende und nicht unbedingt notwendigerweise. Aber verblüffend, faszinierend, gut anzuschauen. Man hat aber danach eher Überdruss am Disney-Kitsch als Lust, sich mit den Ungerechtigkeiten globalen Geschäftemachens zu beschäftigen.

"The way you look tonight", das könnte der Anfang eines Liebesliedes sein. Bei Claire Cunningham und Jess Curtis im Schweren Reiter kommt in Klammern gesetzt noch was dazwischen: at me. Also "The Way you look (at me) tonight" Und damit nicht: Wie du heute aussiehst, sondern: Wie du mich heute ansiehst, in einer an sich intimen Situation. Wie sieht man jemanden an, der "disabled" ist, wie beeinflusst die Wahrnehmung der Behinderung die Wahrnehmung des Anderen? Claire Cunningham bezeichnet sich als "disabled Artist" und findet auf Krücken zu ungeahnter tänzerischer Leichtigkeit. Wie Jess Curtis auf dem Boden liegend zu Unterlage und Stütze wird, wie zärtlich Claire Cunningham auf dem ausgestreckten Körper des Tanzpartners Raum und Spielraum gewinnt, ist anrührend. Etwas textlastig, diese Performance im Schweren Reiter, und dennoch voller anrührender Szenen. Die beiden könnten, ja müssten aber dem Ausdruck des Tanzes noch mehr vertrauen. Der Ausbruch aus den Fesseln des Körpers sagt doch letztlich mehr als noch viele Worte.

Das präzis entfesselte Kollektiv: Marta Gornickas "Hymne an die Liebe". Foto: Magda Hueckel

Ein choreographiertes Vokalkonzert, komponierte Bewegung - so kann man vielleicht Marta Górnickas Performance "Hymn do Milosci", "Hymne an die Liebe", bezeichnen. Zwei Dutzend Akteure auf dem Bretterboden in der Muffathalle breiten mal tänzerisch, mal im Marschritt eine faszinierende Performance aus, indem Schlagwörter bis zur Inhaltslosigkeit repetiert und auf den Klangwert reduziert werden. "Prawda", "Wahrheit", werfen die singenden und skandierenden Akteure zum Beispiel wie bare Münze unters Publikum, immer und immer wieder, bis die Münze abgegriffen ist und ihren Wert verloren hat. Gesang und skandiertes Wort mischen sich, werden zu Melodie und daruntergelegtem Rhythmus, variieren und zeitigen doch ein Ergebnis: Die Behauptung wird zum bloßen Klang, die Selbstverteidigung des Kollektiv klingt - hohl. Man ist rassistisch, man grenzt aus und ab - aber der Pole (und natürlich nicht nur er)  ist ein ehrenwerter Mensch. Nicht nur in seiner Präzision beeindruckend.

Der Gott der kleinen Dinge: Louis Vanhaverbeke. Foto: William van der Voort

Ein später Höhepunkt: Louis Vanhaverbekes "Multiverse" im Muffatwerk. Aus einer Ansammlung von Plattenspielern und Schrott, aus Text, Rap und Lieblingshits quirlt der Belgier eine Sound- und Ereignismaschine zusammen, ein Universum an Klängen und rührenden Minimalereignissen. Ein berührend leichtfüßiger Abend, eine Feier auf das geheime Leben der Dinge und die unbegrenzte Schöpfungskraft der Phantasie. Louis Vanhaverbeke war Trabant und Sonne, am Ende landete er damit auf dem Mond - und in den Herzen seines Publikums. Ein - bei aller Bewegung  - wunderschön unaufgeregter, geradezu stiller Abend.

Veröffentlicht am: 15.11.2017

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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