Spielart 2017 - Teil II mit Silvia Calderoni, Chua Sopotelas/Ahmed Tobasi, Hansol Yoon

Das Ringen mit der Identität

von Michael Weiser

Schrill und zugleich poetisch: "MDLSX" mit Silvia Calderoni. Foto: Renato Mangolin

Frei nach Forrest Gump: Theater ist eine Pralinenschachtel. Man weiß nie, was man bekommt. Einmal zum Beispiel eine Feier des Lebens. An einem anderen Abend eine verkopfte und viel zu lange Abhandlung über Erinnerungen und die Macht, die darin liegt, wenn man das Gedächtnis beeinflussen kann. Also: Mit "MDLSX" von Silvia Calderoni war ein Höhepunkt des Festivals Spielart zu bestaunen. Es war so etwas wie der wohlverdiente Lohn für die Schwerarbeit, die man am Abend zuvor bei Hansol Yoons "Step Memeries" zu verrichten gehabt hatte. Vielleicht lag's daran, dass in diesem Stück Musik lief, und zwar die coolste Musik, die man sich so für ein Stück Theater vorstellen kann, das zwischen den 80ern und Anfang der 2000er Jahre spielt. Vielleicht lag's fernab von allen Tricks und aller Verpackung an der Geschichte; daran, dass da ein Mensch auf der Bühne stand, der glaubhaft was zu erzählen hatte.  Jedenfalls: "MDLSX" von Silvia Calderoni und der Gruppe Motus aus Rimini war ein Höhepunkt beim Spielartfestival.

"MDLSX" steht für "Middlesex", Jeffrey Eugenides Bestseller aus dem Jahre 2002. Eugenides erzählt von Cal, der als Caaliope aufwächst und als Mädchen erzogen wird. Nach einem Autounfall untersucht ein Arzt Cal und eröffnet ihm, dass er intersexuell ist. Cal beschließt, als Mann weiterzuleben. Dass auch Silvia Calderoni "Cal" gerufen wird, ist , so kann man's in einem Beiblatt zum Programm nachlesen, Zufall.

Calderoni erzählt denn auch nicht einfach Eugenides Roman oder ihre eigene Lebensgeschichte nach, sondern die Geschichte eines Mädchens, das schon in der Kindheit für einen Jungen gehalten wird und sich erst recht ab der Pubertät mit ihrer Geschlechtszuordnung kämpfen muss. Im Carl-Orff-Saal präsentiert Silvia Calderoni diese Geschichte als einen wilden und doch atemberaubend leichten Mix aus Fiktion, Autobiographie, Tanz und Musik, die sie seit den 80er Jahren begleitet hat. Coole Musik, wie gesagt, "The Smiths", "Talking Heads", "REM" und solche Sachen. Sie erzählt, tanzt, legt auf und filmt zugleich - und verwischt solcherart die Grenzen der Genres. In ihrem atemberaubenden Solo erfüllt Calderoni, was der Begriff "Performance" verspricht: Ihr spindeldürrer, sehniger Körper ist das Medium, über das sie mindestens ebenso ausdrucksstark wie mit ihren Worten spricht. Und ihre Geschichte ist manchmal ein bisschen traurig und oft ziemlich lustig, wild und doch poetisch, verzweifelt und nie larmoyant, sie zeugt von Angst und Mut, kurz: es ist eine Geschichte, die das Leben und seine vielen Möglichkeiten feiert.

Der Mensch, den Silvia Calderon auf der Bühne verkörpert, macht seinen Weg, auch dank der Familie. Der Bruder ist ein bisschen schräg und mit einer Marxistin liiert. Womöglich dank des vielen LSDs, das er konsumiert hat, ist sein Geist weit oder entspannt genug, um sich mit Cals neuer Rolle als Junge abzufinden. Sie selbst wird ganz am Ende zu ihrem Zwilllingsbruder. In dem sie ein T-Shirt mit der Aufschrift "My girlfriend is a marxist" überstreift. Man konnte auf solche Details achten, musste es aber vermutlich nicht unbedingt - sich einfach hypnotisieren lassen funktionierte sicherlich auch.

Sex und andere Arten von Gewalt

Das Spiel ist gerade mal ein paar Minuten alt, da gibt Ahmed Tobasi vor, jemandem im Publikum entdeckt zu haben, der mit dem Smartphone fotografiert. Geradezu fuchsteufelswild wird er, geht auf den vermeintlichen Störer zu und erzählt etwas von wegen Bedrohung seines Lebens durch diese Bilder. Dann nämlich, wenn sie, im Internet verbreitet, eine eigene Dynamik entwickeln und seinen Landsleuten in Palästina vor die Augen kommen. "Dort ist das Pornografie, und hier ist es Kunst", schreit er. Ist schon so: Wo wir herkommen und wo wir aufwachsen, bestimmt den Blickwinkel auf etwas.

Die mörderische Frage, wer mit wem schlief: So war der Dietl-Film "Rossini" untertitelt. Freilich reden Chua Sopotelas und Ahmed Tobasi "Let's talk about sex. The beginning of war" im Hoch X gar nicht so viel über Krieg und Gewalt, vielmehr erzählen sie einander in Anekdoten vom Sex an sich und ihren eigenen Erfahrungen im speziellen. Was geht, was gar nicht - wie wir Sex betrachten, ist vor allem eine Frage unserer Prägung. Was sich wiederum sehr theorielastig anhört, es aber nicht war. Die Anekdoten waren wirklich witzig. Sopotela, ein Energiebündel mit viel Ausstrahlung, erzählt vom Sexprotz Zuma an der Spitze Südafrikas und davon, wie der Autokrat die Menschen mit aromatisierten Kondomen bei Laune halten will. Ahmed Tobasi erzählt von einem Aufriss, und davon, wie sein One Night Stand zum politischen Statement wird. Weil er den Akt nicht unterbricht, als er an einem Grenposten nächstens von israelischen Suchscheinwerfern erfasst wird, wird der Akt zur Selbstbehauptung Palästinas. "Fucking for palestine" - so lassen sich Hedonismus und politisches Denken verknüpfen.

Ein leichtfüssiger, kein leichtfertiger Abend im Hoch X.

Staub zu Staub, und zwar ausgiebig

Ein gutes Anliegen, verkopft vorgebracht - das war "Step Memories - The Return of the Oppressed" von Hansol Yoon aus Seoul im Einstein.

Yoon darf hierzulande nun als Schöpfer des Begriffs "Stieferinnerung" gelten, einer Erinnerung also, die sozusagen von außen aufgespielt wird, Er meint damit konkret die offizielle Geschichtsschreibung über den Koreakrieg und wie sie die Gegenwart beeinflusst. Yoon erzählt von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, von Schichten, die einander überlagern. In der Münchner Fassung spielt daher auch der Schauplatz eine Rolle: In den früheren Bierkellern der Union-Brauerei nahe dem Max-Weber-Platz erzählen Darsteller von den jüdischen Besitzern dieser Brauerei, ihrer Flucht und ihrem Engagement für München. Ein älterer Mann erzählt aus einer abenteuerlichen Nachkriegskindheit in den nahezu verschütteten Kellerlabyrrinthen, gleichzeitig beschreibt ein Mädchen die gegenwärtige Topographie. In der Mitte des Raumes: Ein Erdhaufen, in dem ein Krater klafft.

Danach durfte das Publikum Platz nehmen und sich Yoons Erzählung von Flucht und Leid und verpasste Trauerarbeit ansehen. Dabei gab es wunderbar stimmige  Bilder zu sehen. Etwa, als die Geister der Vergangenheit aus Frachtkisten krabbeln und die Wohnstatt der Lebenden heimsuchen, die die nackten, gefesselten Gestalten immer wieder zurückstoßen (kurz zuvor hatte man über Monitor sehen können, wie sich die Darsteller entkleidet und am Krater im Gewölbe nebenan zur Exekution aufgestellt hatten). Oder wie diese Geister im projezierten Bild von schlammiger Erde förmlich im Humus aufzugehen scheinen. Überblendungen und Überlagerungen passen ja auch zum Thema.

Weil aber Yoon offenbar beim Spaziergang durch München die nahe Villa Stuck und dessen Gemälde der tanzenden Salome entdeckt hatte, musste auch das noch rein: die Frage, wer der neckischen Salome den Kopf des Täufers reicht, und ob dieser Wächter nicht noch schuldiger als die sündige Tänzerin sei. Ein Koreaner trug lauthals einen nachdenklichen Text dazu vor. Weil man aber nicht dauernd mitlesen wollte und somit nicht alles verstand, wirkte der Vortrag des Koreaners wie das Gebrüll eines schlecht gelaunten Reiseführers vor einer Bildtafel. Es scheint um Emotionen gegangen zu sein, so sicher war das aber nicht zu sagen. Am Ende wurde auch noch gesungen, und Yoon trat schließlich ans Mikro, um auch noch zu sagen, was Erinnerung sei. Irgendwas mit Synapsen und Eiweißverbindungen. Was täten wir ohne Hirnforschung? Der Stimmigkeit des Theaterabends schadete seine Theorielastigkeit aber.

Veröffentlicht am: 11.11.2017

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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