Nina Sahms Roman "Das ganze Leben da draußen"

Farbenfrohe Tristesse auf Isländisch

von Katrin Kaiser

Nina Sahm. Foto: Stephan Sahm

Eine unsichere junge Lehrerin, die froh ist um jede unfallfrei überstandene Unterrichtsstunde, und eine halbwüchsige Schülerin, die weg will von Eltern, Schule und Alltag. Beide Protagonistinnen in Nina Sahms Roman "Das ganze Leben da draußen" hadern mit ihrer Lebenssituation und stolpern ein wenig verloren durch die Welt.

Für die Lehrerin Alfa bieten die Treffen mit ihrem Großvater eine wohltuende Abwechslung zur täglichen Konfrontation mit den jugendlichen Kraftprotzen in der Schule. Der Großvater ist ein liebenswerter Draufgänger und leidenschaftlicher Boxer, der die ängstliche Alfa seit ihrer Kindheit mitnimmt auf Spritztouren in seinem alten Jeep. Als dieser lebensfrohe Mann an Demenz erkrankt und sich schließlich umbringt, wird bei Alfa das Gefühl der Fremdheit im eigenen Leben immer stärker.

Für die Schülerin Elín ist der Gegenentwurf zum tristen Alltag ein Leben in der Natur. Sie träumt von der Arbeit im Polarfuchszentrum, schläft nachts in einem in ihrem Kinderzimmer aufgeschlagenen Zelt und trainiert täglich ihren Körper, um im Notfall in der Wildnis überleben zu können.

Angesiedelt ist die Handlung in Island, einem Sehnsuchtsort der Autorin Nina Sahm. Sie wollte immer schon einmal längere Zeit dort verbringen, tatsächlich getan hat sie es bei der Recherche für den nun vorliegenden Roman. "Der Elín-Handlungsstrang mit der Natursehnsucht und den Polarfüchsen ist der typisch isländische. Die Geschichte der Lehrerin Alfa hatte ich zunächst in Deutschland verortet", erzählt die Autorin. Bei der weiteren Arbeit an beiden Plots haben Alfa und Elín aber schließlich zueinander gefunden.

"Das ganze Leben da draußen" ist nach "Das letzte Polaroid" Nina Sahms zweiter Roman. Man merkt der Geschichte an, wie sehr sie sich während des Schreibprozesses entwickelt hat. Die Handlung ist dramaturgisch offener als die in Sahms erstem Buch. Immer wieder gibt es Exkurse, die wie Entwürfe zu separaten Kurzgeschichten anmuten. Interessante Charaktere tauchen am Rande auf, manche entwickeln sich zu Handlungsträgern, andere bleiben dekorhafte Nebenfiguren.

Da ist beispielsweise Alfas unsteter Bruder Fin, der mit einer Menge eigener Probleme kämpft und dafür sorgt, dass sich die beiden Protagonistinnen näher kommen. Und da ist der verwahrloste Reynir, ein alter Box-Kumpan von Alfas Großvater, der wiederum Elín mit seinen Kenntnissen im Schlösserknacken beeindruckt.

Voller Kaurismäki-hafter Tristesse: "Das ganze Leben da draußen". Cover: Droemer-Knaur

Die offene Erzählstruktur und die deprimierte Passivität der Hauptfiguren machen es dem Leser anfangs nicht leicht, sich auf die Geschichte einzulassen. Hat man einmal hineingefunden, genießt man jedoch die Detailverliebtheit der teilweise skurrilen Szenen. Auch gewinnen im Handlungsverlauf beide Protagonistinnen an Tiefe. Sie werden zu Identifikationsfiguren, die am Ende aufbrechen, um das Gewohnte hinter sich lassen.

Das Schönste an "Das ganze Leben da draußen" ist jedoch ist die Fülle der magisch anmutenden Begegnungen, die in ihrer farbenfrohen Tristesse und ihrem schüchternen Optimismus an Filme von Aki Kaurismäki erinnern.

Nina Sahm: Das ganze Leben da draußen, Droemer-Knaur, 288 Seiten, 14,99 Euro (E-Book 12,99 Euro).

Veröffentlicht am: 12.08.2017

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