"Rose Bernd" bei den Salzburger Festspielen

Eine Frau, die gegen Wände anrennt

von Michael Weiser

Ein Herz haben hier nur die Frauen: Lina Beckmann als Rose Bernd, Markus John als Dorfschulze Christoph Flamm in Karin Henkels Inszenierung von Hauptmanns "Rose Bernd" in Hallein. Foto: Monika Rittershaus

Sommerzeit, Festivalzeit. Und der Besuch in Salzburg hat sich schon mal gelohnt: wegen einer bemerkenswert guten Inszenierung von Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd“. Demnächst in Hamburg zu sehen.

Wie ein Pfingstochse. Genauso sieht Rose Bernd ganz am Anfang aus. Eine Krone aus Lametta, ein langes buntes Kleid trägt sie, das Gesicht ist grell geschminkt. Sie geht allerdings zu Pfingsten nicht zur Kirche, wie die anderen. Sie hat der albernen Verkleidung zum Trotz ihren eigenen Kopf. Und gibt sich dem Dorfschulzen Flamm hin.

Eine gewisse Art natürlicher Freude hatte sich Gerhart Hauptmann bei diesem Akt zu Beginn seines Stückes vorgestellt, sie sollte „erregt und mit geröteten Wangen“ aus dem Gebüsch vortreten, er scheu, „aber auch belustigt“.

In der Inszenierung von Karin Henkel bei den Salzburger Festspielen allerdings ist Roses Lachen dabei so grell wie ihre Schminke. Hier klingt die Fröhlichkeit gleich mal hohl – es ist, als lauschten wir dem Nachhall von Rose Bernds Erinnerung. An die Freude zu Beginn. Und die Verzweiflung, die daraus erwuchs, mit dem ungewollten Kind, das sie erwürgen wird. „Ich bin stark, ich bin stark, ich bin stark.“ Das redet sich Lina Beckmann als Rose Bernd ganz zu Beginn ein. Und so wird sie enden: „Ich bin stark, stark. Ich bin stark – gewesen.“

Dazwischen liegen in der alten Salinenanlage auf der Perner-Insel (nahe Salzburg) zweieinhalb Stunden Beklemmung, zweieinhalb Stunden einer bilderstarken Inszenierung. Was die Zuschauer hinterher erst mit einer Verzögerung von sechs, sieben Sekunden klatschen lässt, ist der tiefnachtschwarze Ton der Resignation in Lina Beckmanns letzten Worten, der Blick auch auf ihr Gesicht und ihre Gestalt: Lina Beckmann ist die Kindsmörderin Rose Bernd geworden, ihr Blick zeigt äußerste Verlorenheit. Was Lina Beckmann zeigt, ist mehr als bloße Beherrschung des Handwerks – es ist das verstörende Aufgehen in einer Figur, die in ihrem Aufbegehren so lange gegen Wände rennt, bis sie kaputt ist. (Die Wände werden von ihrem Aufstand nichts mitbekommen haben.)

Diese Inszenierung ist insgesamt fesselnd. Auch deswegen, weil Karin Henkel nicht von einem Einzelschicksal erzählt, sondern von dem existenziellen Risiko, sich allein durch Erkenntnis aus der Gemeinschaft zu entfernen. „Ihr wisst nischt, was äußern der Kammer geschieht!“, schreit Rose Bernd im letzten Akt. Sie weiß es schon, unter „Krämpfen“ hat sie es gelernt. Es klingt, als habe sie sich aus der Höhle entfernt, in der laut Platon die Menschen leben; nur als Schatten und Schemen nehmen sie die Wirklichkeit außerhalb wahr. Diese Höhle also, oder „Kammer“, hat Volker Hintermeier als Guckkasten mit acht Ecken gestaltet; Eisenträger, gut zwei Dutzend Ventilatoren an der Decke, ein kreuzförmiger hölzerner Laufsteg am Boden, dazwischen Felder mit schwarzem Kies. Eine Scheune kann das sein, ein Kirchacker, ein Technoclub, ein Folterkeller – Platons Kerker und Erkenntnisraum kann viele Formen annehmen.

Auf diesem düsteren Spielfeld nimmt die selbstbewusste Frau den Kampf mit dem Patriarchat auf: mit dem Vater, dem schwächlichen Verlobten, dem brutalen Macho Streckmann, dem Kollektiv: Männer, deren Halleluja in der Kirche wie ein Fluch wirkt, geschminkt auch sie, deswegen – eine gesichtslose Masse, grotesk und bedrohlich. Gegen sie in ihrer Gesamtheit wird Rose Bernd irgendwann verlieren – um den Preis ihrer Existenz.

Das Ensemble ist durch die Bank großartig, ohne große Gesten, unbedingt glaubwürdig. Die Beiläufigkeit von hemdsärmeliger Brutalität zum Beispiel, mit der Georg Bloéb den Streckmann ausstattet, ist allein schon den Besuch dieser Inszenierung wert. Das Naturereignis aber ist Lina Beckmann: Man ist fassungslos, hinterher. Und durchs Mitleiden vermutlich fast ebenso mitgenommen wie die Hauptdarstellerin selber. Chapeau, mit dieser Rose Bernd hat sich Lina Beckmann in die erste Reihe gespielt.

Wer Karin Henkels Inszenierung von Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd“ bei den Salzburger Festspielen in Hallein verpasst hat, kann sie ab Herbst 2017 am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg nachholen. Der Besuch der Perner-Insel lohnt weiterhin: Ab 17. August steht dort mit großartiger Besetzung Frank Wedekinds „Lulu“ in der Inszenierung von Athina Rachel Tsangari an.

Anm. d. Red. (7.8.17, 16.20 Uhr): Tippfehler in Namensschreibweise wurde korrigiert.

Veröffentlicht am: 07.08.2017

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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