Erstmals Wagner im Passionsspieltheater

Vor Anker im Ammergau

von Jan Stöpel

"Willst du dein ganzes junges Leben verträumen vor dem Konterfei?" Mary macht sich Sorgen (Iris van Wijnen, links). Foto: Arno Declair

Die Stimmung passt schon mal. Auf der Hinfahrt dräut düster der Himmel überm Wettersteingebirge, Regenschleier umwabern himmelhoch die Felsenriffe. Nur hinter den Ammergauer Bergen glänzt ein Silberstreif, als winkte den Holländern dieser Welt im Passionsspielort Oberammergau tatsächlich die Erlösung. "Der fliegende Holländer" im Passionsspielhaus ist ein Erlebnis. Und dank der Bilder eine echte Chance: So leicht kommt man nicht mehr so schnell ran an Richard Wagners Werk.

Alle Wetter, die Oberammergauer haben für ihren „Fliegenden Holländer“ aber auch was aufzubieten. Viel Talent, viel Einsatz, viel Volk. Und eben richtig viel Natur. Regisseur Christian Stückl nützt alles: Größe und Atmosphäre des Passionsspielhauses, die gut trainierten Massen des Passionstheaterchors, die Fähigkeiten auch seines Bühnenbildners Stefan Hageneier. Der bebildert den „Holländer“ durchaus konventionell und eher vorsichtig abstrahiert, aber eben eindrucksvoll und mit großem Gefühl für Farben und Kontraste. Man kann auch sagen, Hageneier weiß, wie man Breitwandkino auf die riesige Bühne des Passionsspielhauses zaubert.

Im Zentrum rollen die Wellen. Es landen: Dalands Mannen. Es singt, und das wirklich schön: Der Steuermann (Denzil Delaere). Es tritt auf: die unheimliche Gestalt des auf Ewigkeit verfluchten Holländers. Eine zauberische Bewegung nur von ihm, und Dalands Mannschaft taumelt in den Schlaf. Die Wellen teilen sich und es erscheint leibhaftig: ein von Nebel umhülltes Geisterschiff.

Gutes Gespann: Gábor Bretz als Holländer, Liene Kinča als Senta. Foto: Arno Declair

Man darf staunen, darf sich gruseln, man ist ganz bei der Sache, weil die auf der Bühne so prächtig dabei sind: Staunen und Gruseln dürfen die Akteure in Stückls Interpretation durchaus zeigen. Ja, die Mannen des Geisterschiffs sind tatsächlich Gespenster, nicht irgendwelche Wall-Street-Börsianer oder andere Gruselgestalten in modernen Inszenierungen. Und damit halten sich Christian Stückl und Stefan Hageneier überhaupt viel dichter an die Vorlage als viele, viele andere. Man mag das für retro oder gar naiv halten. In dieser Atmosphäre ist es beeindruckend.

Eigentlich ist Oberammergau berühmt für seine Passionsspiele, die der Ort seit 1634 aufführt, als Dank für das wundersame Ende einer Pestepidemie. Alle zehn Jahre finden die Spiele statt, vermutlich ebenso ewigkeitsgültig wie des Holländers Landgang alle sieben Jahre.

Stückl ist Passionsspielleiter. In den vergangenen Jahren hat er mit Erfolg so etwas wie eine alljährliche Zwischenpassion eingeführt: Eine neue Art von Sommertheater, das die vielen schauspielernden, singenden und muszierenden Laien des Ortes, verstärkt mit Profis, sehr respektabel und mit großem Publikumserfolg stemmen. Stückl hält seine Mannschaft im Training. Und beschert Oberammergau Aufmerksamkeit auch zwischen den traditionellen Spielzeiten. Diesmal also mit Richard Wagner, das erste Mal, ein Meilenstein an jenem Ort, den Wagner 1871 besuchte.

Was für eine Idee, was für eine Energie, was für ein Talent, Leute für solch ein Projekt zu gewinnen.

Der neue GMD der Komischen Oper am Pult

Ainars Rubikis zum Beispiel. Der war mal Generalmusikdirektor der Oper von Nowosibirsk und brach die Zelte in Russland ab, nachdem Regierungskreise auf Kritik der Kirche hin den Nowosibirsker „Tannhäuser“ abgesetzt hatten. Rubikis hatte schon beim „Nabucco“ in Oberammergau dirigiert und so viel Spaß daran gefunden, dass er sich auch für den „Holländer“ gewinnen ließ. Nun ist er der neue GMD von Barrie Koskys Komischer Oper in Berlin. Beim „Holländer“ dirigierte er die Neue Philharmonie München mit so viel jugendlichem Schwung, dass man hören konnte, für wen Wagner das Stück ganz ursprünglich mal gedacht hatte: das verwöhnte, frivole Publikum von Paris. So frisch vernimmt man Wagner auch nicht immer.

Man hört des weiteren: einen spielfreudigen, guten Chor (Leitung: Markus Zwink), der nur ab und zu in Wagners Textgewittern - Jollohohe! Hussassahe! –ziemlich hinterherrappeln muss. Und man hört und sieht: überwiegend solide Solisten. Mit drei Ausnahmen nach oben: Gábor Bretz als Holländer überzeugt voll und ganz, mit fahlem Spiel und fast schon zu schöner Stimme, Iris van Wijnen ist eine ganz hervorragende, mal neckische, mal mütterlich strenge Mary.

" Ha! Stolzer Ozean!" Gábor Bretz in Oberammergau. Foto: Arno Declair

Liene Kinca als Senta ließ uns bei allem dramatischen Potenzial spüren, wie brutal Wagner sein kann. Zu seinen Frauenfiguren ohnehin, aber auch in seinen Anforderungen an die Stimme. Die Sängerin, ganz offenbar erkältet, quälte sich bei der Premiere in die Höhenlagen ihrer Partie, man bangte. Und hatte Respekt vor ihrer Tapferkeit. (Nach dem zweiten Termin zwei Tage später hatten sich die Probleme gelegt, so war von anderen Besuchern zu erfahren.)

Viel Beifall, ja Jubel, und das minutenlang. Keine wirklich neue Deutung, kein Interesse für die Frage, welch abstruses Frauenbild Wagner doch in dieser Gruseldichtung ausbreitet, aber viel Effekt: In seiner Bildergläubigkeit ist der Theatermacher Stückl ganz katholisch, bei den Passionsspielen wie beim Protestanten Wagner.  Aber, wie gesagt, das hat was, genug, um den weiten Weg zu Oberbayerns Felsenriffen zu wagen.

Termine: 14., 16., 21. Juli 2017, jeweils 20 Uhr. Regie: Christian Stückl, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Chor: Markus Zwink;  Dirigent: Ainars Rubikis; Mit: Gábor Bretz, Der Holländer; Iris van Wijnen, Mary; Liene Kinča, Senta; David Danholt, Erik; Guido Jentjens, Daland; Denzil Delaere, Der Steuermann

Veröffentlicht am: 11.07.2017

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