"Paradies fluten" von Thomas Köck im Volkstheater

Mit uns die Sinnflut

von Michael Weiser

Die Fragmente unserer Erinnerung an die Zukunft: Das Ensemble des Volkstheaters als verwirrter Chor. Foto: Andrea Huber

Von Brasilien nach Europa und wieder zurück, und das zu jeder Zeit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Das Stück "Paradies fluten" des vielfach ausgezeichneten Autors Thomas Köck überfordert Akteure und Zuschauer. Und bildet damit seltsamerweise die Verfassung der Welt treffend ab. Ein hilfloser Bericht. Aber so soll's wohl sein.

Ja, es fängt mit dem Titel an. "Paradies fluten" lautet der, und man sollte das ziemlich sicher nicht als Befehl lesen. Es fehlt immerhin das Ausrufezeichen.

Vielleicht erinnert Thomas Köck in seiner "verirrten Sinfonie" (Untertitel) daran, dass die Zukunft längst begonnen hat. Nach uns die Sintflut? Nein, das Wasser steht uns schon bis Oberkante Unterlippe. Und eine besondere Aufforderung zum Fluten haben wir, die Menschen, nie benötigt. Nein, wir sägen von Natur aus an dem Ast, auf dem wir sitzen, und das auch noch, nachdem uns der Berg von Sägemehl jede andere Bewegung unmöglich zu machen scheint. Was also tun wir gerade? Genau, das Paradies fluten.

Der Titel verweist allerdings auch auf eine Technik Köcks. Nicht erst der Betrachter der Inszenierung am Münchner Volkstheater fühlt sich gleichsam hinweggespült, es genügte das Hinhören bei geschlossenen Augen. Köck hat seine Jelinek verinnerlicht, und damit den Drang des Wortes, das, einmal in Fluss gekommen, sich mäandernd eigene Wege sucht. Köck erreicht damit die absolute Überforderung. Mit uns die Sinnflut.

Willkommen im Moment der Apokalypse. Zwei Überlebende führen in das Drama, es sind der von der Vorsehung Übersehene und die von der Prophezeiung Vergessne (oder umgekehrt). Sie schildern als Nornen (bei Richard Wagner waren's noch drei, bei Köck heißen sie Post-Parzen) die letzten Augenblicke der Menschheit. Der Auftritt der beiden ist witzig, aber so locker darf es natürlich nicht bleiben. Wie bei Wagner (den hatten wir grad schon) ist Überforderung Prinzip. Das Ergebnis des Abends ist kein Resultat bewussten Überlegens, sondern eines der Erschöpfung: Wann sich alles zum Schlechten verkehrt hat, wie alles im Innersten zusammenhängt, wir haben es irgendwann erfahren, nicht verdaut, vergessen, wir haben es im Kopf verquirlt. Es bleibt ein diffuses Unbehagen. Nach dem Abend wissen wir: Es wird damit nicht getan sein.

Jessica Glause hat das Stück von Thomas Köck inszeniert. Eine Herausforderung. Denn in dem Drama tut sich ja nicht viel. Köck lässt, und das durchaus musikalisch, Textflächen aufeinanderfolgen und -prallen, springt zwischen den Zeiten, verlagert das Geschehen aus dem südamerikanischen Urwald flugs in die Mitte einer deutschen Kleinfamilie, die vom Reifenhandel lebt. Alles hängt mit allem zusammen, verbunden durch den Kautschuk - eine der wichtigsten Zutaten des globalen Kapitalismus. Brasilien wird zum Schauplatz des Kautschukbooms, seine Bevölkerung zahlt einen hohen Preis für den Gewinn anderer, ganze Landstriche werden entvölkert. Auch die deutsche Familie wird im Kapitalismus zugrunde gehen.

Dazwischen: ein deutscher Architekt, der mit dem Projekt eines Opernhauses im Regenwald dem Kapitalismus Kultur entgegensetzen möchte, ein reichlich wilder Chor mit Stimmen von Ertrunkenen, die um ein Schiffswrack herumturnen: Das Gestern mischt sich mit dem Heute und dem Morgen. Wir könnten es ja wissen, es schert uns nur nicht, was uns Heute schon die Zukunft kostet. Dann ist da noch die "unsichtbare Hand":Hools im Hoodie, es könnten Mordschwadronen sein oder Milizionäre oder Guerilla oder einfach die Vollstrecker des Autorenwillens - eine Ressource, ein Instrument, das gebrauchen mag, wer nur einen Plan hat. Dazu noch der asiatische Tiger, den Luise Kinner in einem grotesk aufgeblasenen Kostüm wie ein chinesischer Humpty Dumpty spielen darf - man staunt, man schwitzt. Uiui, auf die Komplexität dieser Welt konnte uns kein Studium vorbereiten.

Mai Gogishvili hat eine Bühne gestaltet, die chaotisch verschiebbar ein übergroßes Spielfeld abgibt. Aleksandra Pavlovic zeichnet für die Kostüme verantwortlich: Steife Neopren-Gewänder etwa für die Familie, die die Bewegung hemmen und vollendet den Eindruck von Künstlichkeit erwecken. Oder Samba-Gewänder für die Postparzen (als Dreh- und Angelpunkt überzeugen Oleg Tikhomirov und Stacyian Jackson), die wie aus vielen Kleiderresten zusammengeschneidert wirken: Trash-Gottheiten. Überhaupt, diese Klamotten, die wie auf dem Laufsteg vorgeführt werden: All das Kunstgewebe verhüllt doch nur den nackten Menschen mit seiner Angst, seinen Trieben, seiner Gier vor allem. Das ändert sich über die Äonen hinweg nicht. Joe Masi, Tom Wu und Manu Rzytki singen und musizieren mit Bass, Schlagzeug, E-Piano: ein plätschernder, gar nicht mal so düsterer Soundtrack für diesen Film, in dem alle Zeiten auf den einen und allerletzten Augenblick zusammenschnurren.

Überforderung als Prinzip - das schlägt auch auf die Schauspieler durch. Die Souffleurin hatte bei der Premiere so viele Einsätze wie sonst nur bei einem Stück von Rene Pollesch. Ist ja auch schwer, sich im Wortmeer zu behaupten. Unverdrossen jedoch pflügt das junge Ensemble durch die Wogen, unbekümmert um seine ihre Grenzen: Scheitern gehört diesmal mehr als am Theater üblich zum Prinzip.

Bei der Premiere am Volkstheater war man noch nicht fertig, vielleicht war's auch zu viel Action, die doch nur einen komplizierten Text unzulänglich bebildern konnte. Vielleicht wird man aber überhaupt nie fertig damit, nicht auf der Bühne, nicht im wahren Leben. Wenn die Ausläufer der Sinnflut sich zurückgezogen, sich nach dem Verblassen der Bilder endlich auch das diffuse Unbehagen verflüchtigt haben wird: Dann werden wir die Kautschukfäden wieder aufnehmen. Irgendjemand müsste doch irgendetwas ändern.

Nur was? Wir werden vielleicht doch nicht fertig werden, gestern nicht, auch heute nicht, und morgen ist doch hoffentlich noch weit weg.

Nächste Termine: 13. und 19. Juli 2017.

 

Veröffentlicht am: 28.06.2017

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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