Zum Klangfest - Interview mit Max Wagner, neuer Chef des Gasteig

"Dieser Canaletto-Blick! Rundherum! Das darf man sich einfach nicht verschenken"

von Michael Grill

Oben: Max Wagner. Foto: Stefan M. Prager

Am Pfingstsamstag (3.6.2017) ist wieder Klangfest-Tag. Bei freiem Eintritt spielen ab 15 Uhr 32 Bands und Musiker auf vier Bühnen; darunter auch die Gewinnerband des Kulturvollzug-Wettbewerbs Prognostic. Der Gasteig präsentiert sich beim Klangfest von seiner besten Seite: ein Zentrum für alle. Doch der oft geschmähte "Kulturklotz" steht vor gewaltigen Veränderungen. Im Interview erklärt der neue Gasteig-Geschäftsführer Max Wagner, warum jetzt tatsächlich etwas geschieht, dass dem Gasteig nicht nur Emotionen fehlen und wie er jetzt dem Haus buchstäblich aufs Dach steigt. Dazu deutet er an, dass es doch noch eine spektakuläre, innenstadtnahe Übergangslösung für die Umbauzeit geben könnte.

Herr Wagner, es ist fast schon eine lange Tradition, dass wir jeweils zum Klangfest ein Interview über das größte Kulturzentrum Europas führen, über den Gasteig. Fast immer bekamen wir dabei den Satz zu hören, dass es jetzt aber wirklich und unaufschiebbar losgehen müsse mit der großen Gasteig-Sanierung. Nun aber gibt es erstmals einen wegweisenden Stadtrats-Beschluss. Ist der Knoten geplatzt?

Ja, denn die Zeit war einfach wirklich reif. Das hat die Stadt auch verstanden: Wir müssen die Zukunft des Gasteig angehen, anders geht es gar nicht. Es liegt ja vor allem an der für die Besucher unsichtbaren Technik, dass man nicht länger warten kann. Die ist am Ende ihrer Lebensdauer. Noch länger zu warten würde bedeuten, dass der Gasteig irgendwann geschlossen werden muss, schon aus Sicherheitsgründen.

Aber warum hat es jetzt geklappt und nicht in den mehr als zehn Jahren der Diskussion davor?

Vielleicht hat es geholfen, jetzt nochmal mit frischem Wind einen neuen Anlauf zu nehmen. Ich bin überzeugt, dass die Art, wie wir nun neu drangingen, sehr gut war. Wir haben von Anfang an alle mit einbezogen. Wir hatten vor kurzem ein Treffen der Mitarbeiter aller Einrichtungen im Gasteig - das war das erste Mal in gut 30 Jahren überhaupt. Das kam sehr gut an. Ich spreche aber auch mit unseren Nachbarn im Stadtviertel und mit dem Bezirksausschuss. Wir wollen die ganze Stadtgesellschaft mit in dieses Projekt einbeziehen. Mit dieser Botschaft sind wir auch an alle Stadträte herangegangen. Zu meiner Zeit in Stuttgart startete "Stuttgart 21" - da habe ich mitbekommen, wie man es nicht machen sollte. Ich habe gesehen, wie eine Stadt zerbrochen ist, in dafür und dagegen. Man muss - wenn man so ein Riesenprojekt durchsetzen will - schon vorher mit wirklich allen sprechen. Und ihnen eine Stimme geben. Letztlich war ich mir nicht immer sicher, ob wir auch beim Stadtrat durchdringen - aber es ist gelungen.

Aus der CSU wurde gestichelt, der große Gasteig-Beschluss sei nur deshalb möglich geworden, weil man nicht mehr die Verhältnisse der Ude-Jahre habe, in denen die Kulturpolitik nur auf die Kleinkunst geschaut hätte. Erst die Groko im Rathaus hätte auch die Hochkultur wieder einbezogen, würde keinen verengten Blick mehr haben.

Das kann ich nicht beurteilen, damals war ich noch nicht hier. Ich gehe mal von meinem Aufsichtsrat aus, in dem ja Vertreter aller Fraktionen sitzen - dort haben wir angefangen. Wir haben geredet und geredet... Und ich habe alle Stadträte aufs Dach geführt. Ich habe mit dem Kulturausschuss gesprochen, mit dem Wirtschaftsausschuss... Das war nicht jeder sofort begeistert. Es war ein langer Prozess von über einem Jahr.

Vielleicht ist das Erfolgsgeheimnis ganz einfach: Sobald jemand in München ein Restaurant auf einem bislang unzugänglichen Dach visioniert, schmilzt sofort jeder Widerstand?

(Lacht) Das glaube ich nun doch nicht. Bei diesem Vorschlag hatte ich sogar am Anfang Stimmen gehört, die sagten: "Das streichen wir als erstes."

Kultur und Spaß, pfui!

Man muss heute tatsächlich immer noch darauf hinweisen, dass sich das Verhältnis der Menschen zur Kultur verändert hat. Ich finde, gerade Essen und Trinken sind ein nicht wegzudenkender Teil von Kultur. Das geht uns doch allen so: Man will ein Gesamterlebnis, wenn man irgendwo hingeht. Man will sich wohlfühlen an dem Ort, man möchte die Gelegenheit etwas essen und trinken zu können. Außerdem sage ich immer wieder, wir haben hier einen der schönsten Blicke auf München! Den will ich vielleicht sogar schon vor der Umbauzeit zugänglich machen. Dieser Canaletto-Blick! Rundherum! Das darf man sich einfach nicht verschenken als Stadt.

Man soll sozusagen durch die Attraktion in die Kultur hingezogen werden?

Genau. Das ist eine Wechselbeziehung.

Sie haben in gewisser Weise auch einen neuen Stil eingeführt. Ihr spitzbübisches Lächeln ist ein Markenzeichen, so sieht man Sie auf dem Gasteig-Dach stehen, damit posieren Sie für Fotografen und lächeln auf Pressefotos keck ums Backstein-Eck... So hat man sich früher nicht unbedingt als Geschäftsführer einer städtischen GmbH präsentiert.

Ich sehe das schon als einen Generationenwechsel. Unbestritten hat Frau von Welser hier Großartiges geleistet. Aber ich bin anders. Ich bin ein anderer Mensch, ich bin jünger. Und ich habe mir für den Gasteig fünf Punkte vorgenommen: 1. Selbstbewusst. Das waren wir bislang nicht, der neue Gasteig muss selbstbewusst sein. Das größte Kulturzentrum Europas! Hier gehen jeden Tag bis zu 10.000 Leute ein und aus. Das alles funktioniert. Aber die Leute identifizieren sich bislang nicht mit dem Gasteig, die Emotion fehlt.

... zum Abschied von Frau von Welser hat die "SZ" geschrieben, die Münchner hätten eine Hassliebe zu ihrem  Haus. Aber das ist es doch gerade nicht?

Genau. Der Gasteig wird benutzt, aber das ist keine Liebe. Also: 1. Selbstbewusst. 2. Offen. Untereinander im Haus, aber auch für andere Themen. Auch gesellschaftspolitische Themen müssen einen Platz im Gasteig haben. Wir müssen auch mal was ausprobieren. Dafür sind wir eine Plattform. 3. Vernetzt. Untereinander, da arbeiten wir gerade dran, dass die großen Institute hier enger zusammenkommen. Und nach außen - das Faust-Festival zum Beispiel. Da sind wir mit der Kunsthalle zusammen federführend. Das wird das Festival sein, bei dem so viele Münchner Institutionen zusammenwirken wie noch nie! Der Gasteig wird dabei das Festivalzentrum. 4. Überraschend. Sachen machen, die nicht dem Üblichen entsprechen. Wie bei "Tanz den Gasteig" dort tanzen, wo sonst die besten Orchester der Welt spielen, auf der Bühne der Philharmonie. Wir müssen das alles ein bisschen.... entstauben. So ist doch das Image bislang ein bisschen, aber das drehen wir um. Und das fünfte Stichwort heißt „modern“: der Gasteig braucht nicht nur die Generalsanierung, sondern soll jederzeit allen Künstlern und auch den Mitarbeitern hier im Haus optimale Bedingungen für ihre Arbeit bieten.

Gibt es Mitarbeiter, die bei „überraschend“ trotzdem sagen: Sowas haben wir doch noch nie gemacht, das kommt nicht in Frage!

Es hängt davon ab, wir man das kommuniziert. Aber es war gar nicht so kompliziert wie man denkt. Es war wohl auch hier die Zeit reif. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter freuen sich, dass jetzt was anderes kommt. Ich warte immer noch drauf, dass ein Protest kommt, aber er kommt nicht.

Eine vielleicht profane Frage zum Komplex der echten oder vermeintlichen Gasteig-Probleme, da meist nur von der Akustik gesprochen wird. Könnte es sein, dass man in den Räumen und Hallen deshalb besonders schnell müde und schlapp wird, weil die Ausdünstungen der Baustoffe aus den 80er Jahren immer noch wirken?

Also das habe ich tatsächlich noch nie gehört. Ich kann sicher sagen, dass es keine gefährlichen, noch irgendwie ausströmenden Baustoffe oder ähnliches gibt. Auch an den Teppichen könnte so etwas nicht liegen, denn die sind relativ neu. Ob Backsein müde macht? Ich weiß nicht.

Jedenfalls gut, dass wir drüber gesprochen haben. Und wie geht es nun weiter? Sie brauchen Übergangslösungen für die Umbauzeit. Als die FDP forderte, man möge doch ein Wiesnzelt orchestertauglich machen, um die Philharmonie drin unterzubringen, da haben alle gelacht. Nur Max Wagner sagte: Wir sind für alle kreativen Vorschläge dankbar, die uns näher ans Stadtzentrum bringen.“ Wie läuft's?

Wir haben ja immerhin noch bis zum Herbst Zeit, um dem Stadtrat einen Vorschlag vorzulegen. Ich habe gerade im Kulturreferat fünf neue Möglichkeiten diskutiert.

Ein Umzug in ein Provisorium im fernen Riem ist also noch nicht ausgemacht?

Nein, noch prüfen wir auch Alternativen. Die einen sind näher an der Realität, die anderen weniger. Und es gibt welche, die ich sehr gut finde.

Abgesehen vom Kongresssaal drüben beim Deutschen Museum?

Ja. Aber erstmal ist es gut, dass wir die Möglichkeit eines provisorischen Baus in Riem sicher zugesagt bekommen haben. Was die Philharmonie angeht, wäre es ganz sicher besser, wenn wir noch näher ans Zentrum kämen als mit dem Vorschlag Riem. Das sehen natürlich auch die ganzen privaten Konzertveranstalter so.  Da gebe ich nicht auf. Zuletzt sind von privater Seite Leute auf uns zugekommen... Aber ich kann da jetzt noch nicht drüber sprechen. Ich will zuerst mit all den möglichen Beteiligten und Betroffenen reden, bevor ich etwas in der Öffentlichkeit sage.

Wenn erstmal alles fertig ist, also das neue Konzerthaus des Freistaats wie der erneuerte Gasteig der Stadt: Dazu sagten Sie schon mal der Deutsche Presse Agentur, Sie könnten doch gleich alles gemeinsam betreiben, also den künftigen Gasteig und das künftige Konzerthaus im sogenannten Werksviertel. Sie könnten sich aber eher nicht vorstellen, dass der Freistaat dazu bereit sei. Oder gibt es neue Signale?

Zunächst mal sollten wir nicht gegen- sondern miteinander arbeiten. Immer. Es geht hier doch um Prozesse, die die ganze Stadt betreffen. Ich treffe mich mit dem zuständigen Referatsleiter im Staatsministerium jeden Monat bei einem Jour fixe. Wir reden da ganz offen. Über deren Probleme beim Architekten-Wettbewerb, unsere Standort-Fragen, alles. Ich hoffe, dass das so weitergeht, und dass wir so die Grundlage legen für die weitere Zusammenarbeit. Aber in der Tat sind wir im Gasteig die einzigen in der Stadt, die das richtige Knowhow für den Betrieb einer solchen Anlage haben. Warum soll man das dort erst noch neu aufbauen? Ich denke, es wäre möglich, und es wäre für die Bürger besser, weil dann keine Dopplungen entstehen. Aber es muss nicht unbedingt so umgesetzt werden, man kann auch so gut zusammenarbeiten.

Es klänge aber doch nicht schlecht: Generalintendant Max Wagner, das hat doch schon fast Everdingschen Glanz!

Mir geht es nun wirklich gar nicht um einen solchen Titel. Ob Sie es glauben oder nicht, aber mir geht es wirklich immer um die Sache. Oder so gesagt: Mir ist das wurscht.

Die wichtigste Frage, nicht nur augenzwinkernd: Was wird aus dem Klangfest, wenn der Gasteig umgebaut wird?

Wir müssen erstmal generell schauen: Wo kommen wir hin mit dem ganzen Haus? Ich habe immer noch die Vision, dass wir an einem bestimmten Standort tatsächlich auch den ganzen Gasteig wieder abbilden können. Also nicht an fünf Stellen der Stadt verteilte Provisorien, sondern, dass wir es schaffen ein Areal zu finden, wo möglichst viel zusammen bleibt. Da kann ich dann nur einladen: Klangfest, komm mit!

Das geben wir gerne weiter, aber wohin soll es denn nun gehen?

(Lacht) Das ist die Frage, aber es ist eben noch nicht sicher. Es würde mich freuen, wenn es klappt. Und ich kann mir gut vorstellen, dass es doch noch klappt. Vielleicht können wir nicht alles 1:1 übertragen, aber annähernd... Das zu bewältigen, dafür haben wir doch unsere Kreativität.

Klangfest im Gasteig 2017, weitere Infos unter www.klangfest-muenchen.de.

Frühere Interviews zum Klangfest wurden geführt mit Oberbürgermeister Dieter Reiter, Ex-Gasteig-Chefin Brigitte von Welser, Kulturreferent Hans-Georg KüppersKlangfest-Chefin Petra Deka.

 

Veröffentlicht am: 02.06.2017

Über den Autor

Michael Grill

Redakteur, Gründer

Michael Grill (1968) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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