Das Trio Elf im "Lebenslust Lehel"

Hohe Kunst der Breaks und alte Kunst der Pause

von Michael Wüst

Trio Elf. Foto: Michael Wüst

Bei den Konzerten von "Food For Your Soul" im Club Lebenslust Lehel fragt man weniger danach, ob das, was da auf der Bühne passiert, noch oder schon wieder Jazz ist, das überlässt man gerne dem Publikum, das sich allerdings diese Frage auch eher weniger stellt. Das Trio Elf, für das Durchschütteln des Jazzbegriffs mitverantwortlich, stand am 25. Mai 2017 auf dem Programm und passte bestens zur fraglos guten Stimmung in den Räumen der früher ausschließlichen Eventlocation. Die Idee zur kulturellen Zweckentfremdung hatten Miko Rain von Bantu Music Booking und David Grasmann, Betreiber.

Als Gerwin Eisenhauer unter den Gästen an seinem Schlagzeug Platz gefunden hat, blickt er erst fast verwundert in die Runde, bleckt die Zähne, richtet sein Schlagwerk, freut sich sichtlich darauf, die Maschine anzuschmeißen. Eine Maschine, deren Teil er immer selber werden will, muss. Vor über zehn Jahren, kurz vor der Gründung von Trio Elf, hatte er angefangen zu Techno, Two Step und House zu spielen, um schließlich daraus sein eigenes, unabhängiges, digitales Ego zu exzerpieren. So wie er im digitalen Gestus spielt, unbestechlich und doch sehr explosiv, rehumanisiert er das Synthetische gewissermaßen. Walter Lang an den Keyboards und Peter Cudek am Kontrabass wirken dagegen sanft und pastoral wie Vertreter einer stillen Programmierung einer innerlichen, meditativen Matrix.

"Emptiness" von Peter Cudek, auf der aktuellen CD "MusicBoxMusic", beginnt mit einer ruhigen Akkordfolge an deren Ende ein elektronischer, giftiger Wind seinen Zahn anzusetzen beginnt. In der Wiederholung werden die Abstände dieser Akkorde fast unmerklich gedehnt, was einer leise schleichenden Unwirklichkeit die Tür öffnet. Und wer hat gleich anschließend in dieser Menschenleere diese Platte aufgelegt? Die Überleitung ins Stück will einen verführen, für einen Moment Scott Joplins "The Entertainer" zu hören! Das erinnert einen wirklich an die Filme, in denen die Amüsierbetriebe der Stadt noch weiterlaufen, nachdem längst keine Menschen mehr da sind. Eindringlich bezeugen aber die Akkorde, in ihrer unerbittlichen Ruhe an Mal Waldron erinnernd, die Schönheit ihrer Herkunft, ihrer ursprünglich menschlichen Handschrift. Gerwin Eisenhauer begleitet mit Informationsgeräuschen von Anzeigen, dem Durchrattern vielleicht von Ankunft und Abfahrt auf Anzeigetafeln verwaister Bahnhöfe oder dem sanften Schnurren der LED-Anzeige eines Zeitzünders. Und immer wieder unvermittelt bleiben diese Uhren der globalen Mobilität stehen und springen dann wieder irgendwann wieder an. Doch die Akkorde werden immer eindringlicher, denn sie sind Vermächtnisse. Schlüssel in einer Archäologie der Zukunft.

Aber es geht nicht immer so menschenfern zu in der Musik dieser drei jeder für sich so komplett selbständigen Musikerpersönlichkeiten. Bei "Danca Da Fita" (CD "MusicBoxMusic") oder "Ocean 11" begegnet man dem brasilianischen Idiom, allerdings auch hier in neuer Form. Wie der Rhythmus, die Phrasierung, die präzise Gegenläufigkeit dieser drei Selbständigen das Sakrale einfacher Harmonik zum Tragen bringt, verherrlicht, das wird meisterhaft konsequent bis zum Durchschlagen der Decke exekutiert.

Gerwin Eisenhauer. Foto: Michael Wüst

Diese hohe Kunst der Breaks, immer wenn Gerwin Eisenhauers Zeitzünder unvermittelt stehen bleibt und die Taktung dieser Aussetzer selbst die geradesten Stücke krümmt, wie in "Krumm" (CD "MusicBoxMusic"), erleben wir aufs Neue eine nunmehr digitalen Strukturen entlehnte und damit wiedergewonnene alte Kunst der Pause, einen Ort, wo die Musik für sich und das Publikum ihre größte Kraft schöpft.

All das ohne den Kult des Virtuosen, ohne Leistungsshow der Chorusse und natürlich ohne diese Frage, ist das noch ... oder schon wieder, wie war denn dieses Wort, das im Anfang dieser Musik war? Egal wie wir es benennen, die Musik von Trio Elf kann man jedenfalls getrost als Vermächtnis ins All schicken oder besser sich gleich selber anhören.

Veröffentlicht am: 01.06.2017

Über den Autor

Michael Wüst

Redakteur

Michael Wüst ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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