Abschluss der Dance-Biennale

Geister, Poser und eine Reise ins Ich

von Isabel Winklbauer

Hoffnungslos unsympathisch: Die Charaktere in "Some Hope for the Bastards". Foto: Stephane Najman

Der nordamerikanische Kontinent hat ein paar gute Tanzideen – so viel hat das Festival Dance 2017 verraten. Die sehr unterschiedlich programmierte Biennale endete am Sonntagabend mit der zweiten Vorstellung von Fréderic Gravels "Some Hope for the Bastards".

Dabei ist es nicht unbedingt der Kanadier Gravel, der zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Die Livemusik für seine Uraufführung, dieauf der Bühne der Muffathalle spielt – eine Mischung aus Techno und Rock – geht zwar unter die Haut. Die Charaktere jedoch, die er dazu tanzen lässt, sind der Horror: ein selbstgefälliges Pack in Altkleidern, das den 80er-Jahre-Begriff "Poser" ziemlich unangenehm in Erinnerung bringt. Die Darsteller zucken 100 Minuten lang durch eine schwer monotone, eher dürftige Raumchoreografie und sehen dabei aus, als würden sie für fünf Dollar den nächsten Passanten erstechen. Eine Uraufführung, die besser eine Unaufführung gewesen wäre.

Wer ist Ich? "Tête-à-tête" gibt die Antwort. Foto: S. Gladyszewski

Faszinierend sind dagegen die kleinen Formate, mit denen Stéphane Gladyszewski angereist ist. Sein "Châleur humaine" ist nur für 15 Zuschauer gedacht und experimentiert mit einem nackten Paar, einem weißen Tuch, einer Projektionspaste und der elektronischen Darstellung von Körperwärme. In einem völlig abgedunkelten Raum entsteht so etwas wie eine sehr nahe, abstrakte und psychedelische Peepshow – hier langweilt sich gewiss niemand. Und schon gar nicht in der Inszenierung "Tête-à-tête" desselben Choreografen. Dieses Stück ist sogar nur für einen Zuschauer: Hinter einer Maske und einer Glaswand sitzend beobachtet dieser Gladyszewski wie in einer Parallelwelt. Die Situation ist unheimlich, erinnert ein wenig an die Schlusszene von "2001 – Odyssee im Weltall". Doch im Vergleich zu Astronaut Bowman findet der Zuschauer eine recht erfreuliche Antwort auf seine Fragen. Gerade durch die schützende Maske kann er furchtlos in ungewöhnliche Nähe zum Performer treten.Jener wird schließlich zum freundlichen Spiegel des Betrachter-Ichs. Eine wunderschöne Idee, die hoffentlich noch lange in aller Welt gastiert.

Trajal Harrell trauert eine bessere Genderzukunft herbei. Foto: Orpheas Emirzas

Ein wenig unheimlich ging es auch in Trajal Harrells "Caen Amour" zu. Laut Programmblatt taucht das Stück in die Welt der amerikanischen Hoochie-Coochie-Tänzerinnen des 19. Jahrhunderts ein. Rund um eine in der Kammer 2 aufgebaute Holzbühne sieht das Publikum beides: die Tänzer Thibault Lac, Ondrej Vidlar und Perle Palombe, wie sie vorne mit selbst ausgedachten Kostümen ihre erotische Walle-Walle-Show bieten, aber auch hinten, wie sie sich umziehen und meditieren. Dazu laufen die immer selben vier Songs, die übereinander geblendet eine Art Zeitverschiebung bewirken. Mit etwas Fantasie taucht das Publikum wirklich in die Vergangenheit ein – aber eine traurige Vergangenheit, in der sich alles sinnlos wiederholt und jegliche Emanzipationsbewegung noch unerreichbar in der Zukunft liegt. Vielleicht deshalb zeigt Harrell als Entrée auch ein Solo mit schmerzverzerrtem Gesicht, und sein Tänzer Thibault Lac eine abscheulich verkrüppelte Darstellung des "Geists von Montpellier". Das Gefühl, auf etwas zu warten, das man vermisst, ansonsten aber nur ahnen, nicht beschreiben kann, macht aus Menschen Gespenster. "Caen Amour" gefällt mit Sicherheit nicht vielen.

Richard Siegal, Yang Zhen, Nicole Peisl, Fréderic Gravel, Mia Lawrence und das Staatstheater am Gärtnerplatz mit Beoît Lachambre und Emmanuel Gat: Sechs Uraufführungen brachte Dance 2017. Das ist mutig, denn nicht immer ist die Katze im Sack die passende. Bei Richard Siegal ging es gut, in anderen Fällen weniger. Man darf gespannt sein, ob Dance 2019 seinen Performern wieder so viel Vertrauenvorschuss gibt. Für die Zuschauer ist es allemal spannend.

Veröffentlicht am: 26.05.2017

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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