Zweimal das Maxim-Gorki-Theater und ein Rückblick bei Radikal Jung

Der Fledermausmann als Weichei

von Michael Weiser

Till Wonka, Mareike Beykirch, Stella Hilb, Eva Bay in "The Making-of". Foto: Ute Langkafel

Double Feature mit dem Maxim-Gorki-Theater aus Berlin: Mit Suna Gürlers Stück "Stören" und Nora Abdel-Maksouds Stück "The Making-of" widmen sich zwei Produktionen Klischees und Rollenbildern. Das eine mit einem belehrenden Unterton, der nicht bei jedem, aber dafür offenbar bei fast jeder gut ankam. Das andere mit viel Tempo und Spaß. Das witzigste Stück der Festivalgeschichte gab's bereits am Montag (1.5.17): Eine ziemlich abgefahrene Anglerstory.

Körperlichkeit spielt an beiden Berliner Abenden eine wichtige Rolle. In Suna Gürlers "Stören" bewegen sich die Akteure teilweise choreographiert als Gruppe über die Bühne, zudem steht da die schwarze Wand im Hintergrund, die die Schauspielerinnen immer wieder in Angriff nehmen müssen: um Überblick zu gewinnen, aber auch um - wie an einer Eskalierwand  - die fitteren von den weniger fitten zu trennen oder die Spreu vom Weizen oder wie man das sonst immer so im alltäglichen Karriere- und Überlebenskampf bezeichnen will.

Erzählen, bewusstwerden, zurückschlagen: Was sich die Akteure von "Stören" so überlegen. Foto: Ute Langkafel

In "The Making-of" macht sich Abdel-Maksoud bitterböse und sehr witzig über den Aberwitz im Filmbusiness im speziellen und in der Kunst im Allgemeinen witzig. Ihre vier Akteure - Eva Bay, Mareike Beykirch, Stela Hilb und Till Wonks - liefern in hohem Tempo und sehr präzise Pointe auf Pointe ab, und das mit vollem Körpereinsatz. DerSchrecken, wie er etwa den Akteuren in die Glieder fährt, als ihnen die zynische Regisseurin Gordon beichtet, dass sie ihre Karriere im Theater begonnen habe,  erfordert da schon mal einen Hechtsprung hinter die Kulissen.

Das Thema ist in beiden Fällen ernst. Es geht um Rollen, die man annimmt, Rollen, die einem aufgedrängt werden. In "Stören" geht es vor allem um die Gewalt, die einem widerfährt, wenn man nun einmal - Frau ist. Oder in keine der gängigen Geschlechterschemata passt. Die Frauen berichten, mal einzeln, mal im Chor von den Gewalterfahrungen, den Zumutungen und Übergriffigkeiten, denen sie sich tagtäglich ausgeliefert sehen. Nathalie Seiß etwa, die über ihre Erfahrungen als überschweres Baby und Kleinkind berichtet: "Ich krabbelte nicht, ich rollte." Macht einen Übergewicht zu einem verletzlicheren Menschen? Ziemlich sicher. Zu einem Menschen, der weniger wert ist? Das sollte nun nicht sein. Ist aber offenbar so.

Man konnte den Eindruck gewinnen, da würden offene Türen eingerannt, und das mit großem Elan und vielen Worten. Gehen ins Theater nicht reflektierte Menschen, nachdenkliche Typen, die nie auf die Idee kämen, das Fahrrad ihrer Nachbarin anzupinkeln? Andererseits standen danach ein gutes Dutzen Frauen auf und spendeten Ovationen. Für einen Abend, der ihren Nerv getroffen hatte. Der Kampf gegen die Hierarchisierung setzte sich nach dem Stück bei der Diskussionsrunde im Zelt fort. Moderator Sven Ricklefs stellte sich ein wenig zu sehr in den Mittelpunkt und tappte in die Typisierungsfalle. So viel Aggression auf einen an sich sanftmütigen Moderator ist einmalig in der Festivalgeschichte.

Agressionspotenzial war nun in "The Making-of" nicht vorhanden, dafür jede Menge Spaß. Wie die Filmindustrie Klischees schafft und verewigt, das zeigte Abdel-Maksouds Stück höchst unterhaltsam und witzig. Wie man von diesen Klischees profitieren und gleichzeitig Markenbildung betreiben kann, zeigen die vier sehr guten Darsteller sehr unterhaltsam. Dabei nimmt die Regie den Affenzirkus des Films wie auch die Attitüden des Theater aufs Korn. Sie scheut vor Vorhersehbarem nicht zurück. Dass der Darsteller des Actionhelden "Fledermausmann" in Wirklichkeit nicht hart ist, konnte man sich denken. Dass er eine so hohe Stimme hat, dass er einen Stimmodulator benötigt, ist dann aber schon sehr lustig. Sehr kurzweilig. Eva Bay spielt diesen Actionhelden, der sich jedes Mal unwillkürlich duckt, wenn sein Gegenspieler, der böse Schakal, zu einem Schlag ausholt. Schauspielerisch viel überzeugender als "Stören", unterhaltsamer auch, weil ganz und gar nicht verbissen, sehr selbstironisch - einer der Festivalfavoriten.

Die wollen doch nur angeln: Thomas Niehaus und Paul Schröder. Foto: Johanna Louise Witt

Das witzigeste Stück der Festivalgeschichte

Wie auch "Wenn die Rolle singt". Was Johanna Louise Witt mit ihrer Produktion vom Thalia Theater aus Hamburg in München auf die Bühne brachte, gehörte zum Witzigsten der bisherigen Festivalgeschichte. Zwei Angler halten einen Vortrag übers Angeln: Das ist die Ausgangssituation für einen abstrusen  Abend, der den Machtkampf zweier trauriger Gestalten erzählt und in die Untiefen des deutschen Vereinswesens entführt. Thomas Niehaus und Paul Schröder sind zwei einander belauernde Funktionärsgestalten, die in ihrer Verschrobenheit aber schon wieder sehr liebenswürdig sind. Ein Pointenparcours, der in einer rückwärts und zweistimmig gesungenen "Forelle" von Schubert seinen Höhepunkt hatte, der sogar Thomas Niehaus' Anmoderation dieser Gesangseinlage übertraf. Zwei Typen, die sich übers Angeln, über Leidenschaft, die richtige Art zu angeln und zu leben unterhalten, über Bühnenpräsenz und englische Dichter: Ein Info-Abend, der sehr abenteuerlich aus der Rolle fällt. Total albern, sehr lustig , nicht unbedingt sehr jung, schon gar nicht radikal, eher subversiv angehauchtes Lustspielhaus - aber ganz sicher kein verschwendeter Abend.

Veröffentlicht am: 04.05.2017

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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