Zum neuen Alphaville-Album "Strange Attractor"

Sounds like a Disco-Melody

von Isabel Winklbauer

Marian Gold, Sänger aus Leidenschaft. Foto: Universal Music

Alphaville haben ein neues Album veröffentlicht. Manches daran ist forever young. Doch das Projekt des gebürtigen Münsteraners, Wahlberliners und Universalbürgers Marian Gold ist auch reifer geworden – es sinkt langsam dem Boden der Tatsachen entgegen.

„Nichts Lebendiges bleibt für immer jung“, sagte Marian Gold Anfang der Nullerjahre einmal in einem Interview, „in unserem Lied überleben schließlich auch nur die Diamanten“. Bereits zur Jahrtausendwende, als Karel Gott „Forever Young“ auf Deutsch  nachsang, wurde dem Sänger bewusst, dass sein größter Feind der Zahn der Zeit ist. Da ging er auf die 50 zu und sah, wie viele Künstler der 80er Jahre sich gemeinsam mit Madonna in die Gegenwart morphten, wie Prince oder die plötzlich erblondeten Sisters of Mercy. Wer aber bleiben wollte, wie er war, weil er einen Weg gefunden hatte mit Synthesizern das Universum zu erklären, musste immer leiser und zum Exoten werden. Wie Alphaville. Die Reise der Band war mit ihrem letzten Hit „Dance with me“ mitnichten zu Ende, sie begann dort im Grunde genommen erst. Nur weiß davon kaum jemand etwas.

Neue Musiker, neue Beats. Foto: Universal Music

Nun ist das siebte Studioalbum von Alphaville erschienen. „Strange Attractor“ versammelt 13 Songs, in denen sich Marian Gold wie immer nicht an seine eigene These zur schwindenden Jugend hält. Ob da wohl Material von früher eingebaut sein könnte, fährt es dem Hörer spätestens beim Gospel „Around the Univers“ durch den Sinn. Doch alles ist echt: Golds Stimme ist immer noch 18. Wenn er nicht im düsteren Bass schwelgt, singt er glockenhell und glasklar. Die Jahre haben sein Organ nicht brüchig werden lassen, sondern vielseitiger. Im Ernsten schwingt nun ein voluminöses Grollen mit, eine existentielle Ungeduld, in den leichteren Stücken die Hoffnung des jungen Rebellen. Es gibt doch Lebendiges, das nicht altert!

Der nicht nur akustische, sondern auch inhaltliche Beweis dafür steckt in der Single-Auskopplung „Heartbreak City“ – bei Alphaville gibt es das noch – wo sich funky Falsettstrophen mit einem poppigen Tenor-Refrain abwechseln. So viele 70er-Einflüsse in höchsten Tönen sind neu, das Repertoire der sowieso experimentierfreudigen Band wächst damit weiter. Ewige Erneuerung steckt aber auch im Eröffnungsstück „Giants“, das das klassische Alphaville-Thema aufgreift, den Traum als edelste Disziplin im Kampf gegen das Absurde. Ein düsteres, depressives Stück voller Energie, das aus früheren Werken hervorgegangen zu sein scheint, darunter mindestens das ebenfalls dem Traum gewidmete „Cosmopolititian“ aus den 90ern. „Strange Attractor“ ist gewachsen wie ein Wald.

Auf der Erde. Foto: Universal Music

Es ist aber auch das erste Alphaville-Album ohne einen starken Keyboarder. Man erinnere sich: Frank Mertens ging bereits 1984, Ricky Echolette, mit dem 1994 das bislang kreativste Album „Prostitute“ entstand, setzte sich 1998 ab, das dritte Gründungsmitglied Bernhard Lloyd, Meister der Drum-Machines, verabschiedete sich 2003. Seither war der Brite Martin Lister ein unverzichtbarer Partner an der Seite von Marian Gold. Er starb 2014, ein herber Schlag. Beats und Effekte sind elementar für eine 80er-Jahre-Synthie-Band, die mit starkem künstlerischen Selbstverständnis ins neue Jahrtausend geht.

Die neuen Männer Andreas Schwarz-Ruszczynski und David Goodes liefern freilich nach Kräften. Dank ihrer Künste, aber auch dank eines neuen Seventies-Spleens von Gold, breiten sich die schnelleren Stücke „Nevermore“ und „Fever“ auf einem dicken Teppich aus Punk und Disco aus. Das gibt Antrieb, fügt sich aber oft banal hüpfend noch nicht so schön weder zu Marian Golds Stimme noch zur fantasievollen Szenerie der Texte. Auch diesen mangelt es hie und da an emotionaler Höhe. „Strange Attractor“ führt den Hörer nicht ins Universum, zum Mars oder nach Utopia, sondern verbreitet irdische Resignation. Das gefühlvolle „A Handful of Darkness“, geschrieben von Gold und Lister, dreht sich um die Flüchtlingsproblematik und Krisengebiete – so unverhohlen hat Alphaville noch nie das politische Weltgeschehen reflektiert. Das fühlt sich ein wenig an wie der Absturz des Phönix. Marian Gold und seine Musiker flogen immer souverän über dem Weltgeschehen, jetzt sind sie auf dem Boden der Tatsachen gelandet.

Menschen altern, Themen altern. Der Zahn der Zeit ist nicht nur der größte Feind von 80er-Jahre-Bands, sondern auch von Ideen und Überzeugungen. Nur wer sich mit der Kunst verbündet, gewinnt ein kleines Stück ewige Jugend. Auf dieses sollte man während des letzten Drittels der Reise besonders gut aufpassen. Nicht dass es durch Ernüchterung verschwindet.

 

Alphaville spielen live am 20.5. in Bayreuth und am 28.5. 2017 in Freising.

Veröffentlicht am: 23.04.2017

Über den Autor

Isabel Winklbauer

Redakteurin

Isabel Winklbauer ist seit 2011 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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