Der „lange Marsch“ der rebellischen Jugend begann vor 50 Jahren

1967 - Vorspiel einer  Revolution

von Karl Stankiewitz

Erinnerungsarbeit: Plakat zum 50. der Schwabinger Krawalle. Foto: www.gaudiblatt.de

Die als „Studentenrevolte“ bekannte oder berüchtigte soziale Bewegung von 1968  hatte ein Vorspiel. München war eine Hauptbühne. Die dramatischen Szenen, die das spätere Geschehen verständlicher machen, liegen nunmehr ein halbes Jahrhundert zurück. Hier ein Kalendarium...

Am 1. Februar 1967 erlebt Bayerns Metropole eine große Demonstration gegen die vom ehemaligen NSDAP-Mitglied Kurt Georg Kiesinger geführte Große Koalition, welche die seit langem diskutierten Notstandsgesetze für Krisensitationen mit neuer Zweidrittelmehrheit durchboxen will. Am 22. Februar kommt es zu einem von der Gewerkschafts-Jugend und TH-Studenten organisierten Protestzug gegen die vom Stadtrat beschlossenen Preiserhöhungen bei der Straßenbahn  (der U-Bahn-Bau hat 111 Millionen Mark Mehrkosten verschlungen). Am 8. Mai marschieren über tausend überwiegend jüngere Menschen nach einer Kundgebung der „Demokratischen Aktion“ mit blutroten Plakaten zum Generalkonsulat der USA an der Königinstraße. Fortan geht es nicht mehr ums „Trambahn-Zehnerl“, sondern um Weltpolitik.

Der „schmutzige Krieg“ der Amerikaner in  Vietnam und die „antidemokratischen“ Vorhaben in Bonn haben breite Volksmassen mobilisiert und eine „Außerparlamentarische Opposition“ (APO) entstehen lassen. Ein in Berlin uraufgeführtes und bald auch in München gespieltes Stück von Günter Grass, der inzwischen in Wahlkämpfen für die „Espede“ kämpft, liefert ein oft zitiertes Stichwort: „Die Plebejer proben den Aufstand.“ Droht hierzulande tatsächlich ein Aufstand? Sind Stimmung oder Situation in der jungen Republik wirklich „prä-revolutionär“? Dieses Wort wählt jedenfalls Münchens liberaler Polizeipräsident Manfred Schreiber in einem Gespräch mit dem Reporter, der nun diesen Rückblick verfasst.

Noch ist kein wirklicher Aufstand in Sicht. Noch bleibt es bei gewaltfreien Aufmärschen, die sich zu einem „Langen Marsch“ formieren, wie ihn der von der ultralinken deutschen Vorhut verehrte Mao Tse Tung in „Rot-China“ so erfolgreich vorexerziert hat. Noch verzichtet die Münchner Polizei, infolge der„Schwabinger Krawalle“ von 1962 taktisch belehrt und psychologisch gedrillt, auf den Einsatz von Gummiknüppeln, Wasserwerfern oder Pferden. Doch die Protest-Kundgebungen und -Märsche wiederholen sich rasch. Sie entwickeln neue, kalifornischen Happenings nachgemachte Strategien, finden neue Fronten und Angriffsziele. Sie eskalieren.

Ausgerechnet während der deutsch-amerikanischen Freundschaftswoche am 10. und 11. Mai wird – im Beisein von  Ministerpräsident Alfons Goppel und Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel – abermals das US-Konsulat belagert. Das festungsartig umgürtete Gebäude wird regelrecht bombardiert -  mit Mehltüten, Feuerwerkskörpern, Eiern, Steinen. Eine Strohpuppe, die den Präsidenten Johnson darstellt, wird unter „Mörder“-Rufen verbrannt. Ein Sitzstreik blockiert am Altstadtring den Verkehr. Dieses Mal werden zwölf Jugendliche vorläufig festgenommen. Am 12. Mai kommen die inzwischen gut organisierten Demonstranten wieder, diesmal protestieren sie obendrein gegen den geplanten Bau eines Großflughafens im Hofoldinger Forst.

Am 30. Mai sind es schon 1500 junge Leute, die den Schah von Persien vor dem Nationaltheater auspfeifen. Der in Frack gekleidete Polizeichef Schreiber nimmt einen Zuschuer, den er für einen Rädelsführer hält, in den Schwitzkasten und übergibt ihn dem Einsatzkommando, später entschuldigt er sich. Am 1. Juni rufen Demonstranten vor der Alten Pinakothek dem Tross aus Teheran zu: „Lasst die Gefangenen frei!“ Am 5. Juni zieht ein Schweigemarsch mit über 7000 Menschen zum Platz der Opfer des Faschismus, dort wird ein Kranz für den in Berlin von einem Polizisten (und Stasi-Spitzel, wie sich später herausstellt) bei der Schah-Demo totgeschossenen Studenten Benno Ohnesorg niedergelegt. Revolutionäre Töne werden laut.

Abkühlung tot not in diesen heißen Sommertagen. Am 13. Juli sitzen sich sieben westdeutsche Polizeipräsidenten und 20 Studentenvertreter im Polizeipräsidium gegenüber. Mit diesem sogenannten „Teach-in“ will die Gewerkschaft ÖTV – so moderiert deren Vorsitzender Heinz Kluncker – dazu beitragen, „dass die Gegensätze nicht weiter verschärft, sondern vielleicht sogar abgebaut werden“. Man liest sich die Leviten. Die mächtige ÖTV möchte Schutzpatron einer herausgeforderten Schutzmacht sein. Der studentische Vorwurf: die Polizei Westdeutschlands und Westberlins diene nicht mehr der Demokratie, sondern nur dem Establishment. Polizeipräsident Schreiber, noch SPD, gibt den Schwarzen Peter weiter: „Wir stehen nur an der Front, auch das politische Feld dahinter müsste in die Manöverkritik einbezogen werden.“ Vorerst will Münchens Ordnungsmacht bei der sanften „Münchner Linie“ bleiben und nicht der harten Konfrontation wie etwa in Berlin folgen.

Doch an der politischen Front ist kein Waffenstillstand in Sicht. Vielmehr vertiefen die Schah-Krawalle die Kluft zwischen der bayerischen SPD und ihrer akademischen Nachwuchsorganisation. Mitte Juli trennt sich der Sozialdemokratische Hochschulbund von der Mutterpartei. In ihr habe sich „der Geist kleinbürgerlichen Ordnungsdenkens und autoritärer Intoleranz“ verbreitet, klagt der SHB dem Landesvorsitzenden Volkmar Gabert per Presseerklärung.

Die Verbände an den  Hochschulen in München und Erlangen verbünden sich mit dem noch linkeren Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), dem (eher sozialdemokratischen) Liberalen Studentenbund sowie „Unabhängigen“ zu einer „Münchner Wahlgemeinschaft“. Diese sowie der (noch vom späteren Terroristen Rolf Pohle geführte) Allgemeine Studentenausschuss“ (AStA) und eine Gruppe „unabhängiger und sozialistischer Schüler“, die gleich mal den Kultusminister verklagen wollen, werden Kader für den bevorstehenden Kampf. Eine parteipolitische Oppositions- und Kaderrolle übernimmt indes einer der mitgliederstärksten und einflussreichsten Ortsverbände der SPD: der traditionell linke Unterbezirk München mit neuer Führung.

Wissenschaftler warnen: Ebenfalls im Juli 1967 untersucht eine Studie des Deutschen Jugendinstituts mit Sitz in München die Ursachen der Massenaufläufe. Einsamkeit und Eigenbrötelei ziehen bei Teenagern und Twens nicht mehr, sagt der Soziologe Gerhard Wurzbacher. Sie wollen sich viel mehr als früher „gesellen“, solidarisieren. „Wenn jugendliche Selbstbestimmung, Spontaneität und Mitverantwortlichkeit nicht gewährleistet sind, kommt es leicht zum  Ausbruch des jugendlichen Eifers... Notfalls ziehen die Burschen und Mädchen dann auf die Straße, als Zeichen des Interesses. Oder sie kapseln sich ab und gammeln herum, als Zeichen der Interesselosigkeit.“

Auch an der Kulturfront probt man den Aufstand. In einem schäbigen Hinterhaus der Müllerstraße 2 macht der 27jährige Rainer Werner Fassbinder ein „Action Theater“ auf, eine blutjunge Schauspielerin wird auf offener Bühne von einem Kollegen aus der Gammlerszene allzu realistisch niedergestochen. Im Werkraumtheater spielt der 22jährige Martin Sperr einen Strichjungen, nachdem in den letzten 15 Monaten in München fünf Homosexuelle vermutlich von asozialen Jugendlichen ermordet wurden. Auf einer Lesebühne wird das erste Vietnam-Musical aufgeführt. Eine Wanderbühne nennt sich „Rote Grütze“.  Mit roter Tinte stürmen junge „Provos“ in der Kunstszene gegen Autoritäten. In der Katholischen Akademie fordern Professoren „Mut und Wagnis zu Neuem“.

So scheint der Jugend eine neue Rolle in der Gesellschaft zuzuwachsen. Die Welt der Erwachsenen und der Politik aber weiß noch nicht recht, wie diese neuartige Emanzipation zu bewerten und wie ihr zu begegnen ist. Bevor das Wendejahr 1967 endet, hat der Schreiber dieser Zeilen in außerbayerischen Zeitungen die Lage so kommentiert: „Die Große Koalition und das sozialdemokratische Parteipräsidium werden sich im neuen Jahr auf heftiges Störfeuer aus Bayern gefasst machen müssen.“

Karl Stankiewitz, Jahrgang 1928 und Journalist seit 1947, ist Autor des Buches „München 68. Traumstadt in Bewegung“ (Volk Verlag). Der vorliegende Bericht basiert auf einem neuen Projekt mit dem Arbeitstitel „Pimpfe Punker Popper." Geschichten vom Jugendleben in München“.  

Veröffentlicht am: 06.04.2017

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