Karl Stankiewitz über die rote Schwabinger Geschichte

Auf den Spuren von Lenin und anderen Russen

von Karl Stankiewitz

Lenin-Haus. Foto: Karl Stankiewitz

Die Weltrevolution wurde in Schwabinger Mietwohnungen und Kneipen vorbereitet. Erste Etappe war der Sturz des Zarenregimes vor genau 100 Jahren, im März 1917. Bezug dazu hat eine Steintafel, die seit einem Anschlag in einem Depot in Freimann verwahrt ist. Eine wilde Geschichte, die derzeit in der Seidl-Villa dokumentiert wird. Motto ist ein Wort des (aus Posen zugezogenen) Revolutionärs Ernst Toller: „Wir Bayern sind keine Russen“. Allerdings zeigt die von Münchner und Regensburger Studenten organisierte Doppel-Ausstellung nur einen kleinen Teil jener Vorgänge, die nicht zuletzt das Münchner Räteregime und die KPD befeuert haben. Zur weiteren historischen Aufhellung wird wohl eine große, mit einer Filmreihe verbundene Kurt-Eisner-Ausstellung im Stadtmuseum beitragen (ab Mai 2017).

Am 7. September des Wendejahres 1900 bezieht ein gedrungen wirkender Herr mit schütterem Haar und Spitzbart, der gut Deutsch mit russischem Akzent spricht, ein möbliertes Hinterhofzimmer in der vornehmen Münchner Kaiserstraße, damals noch Nummer 53. Es gehört seinem sozialdemokratischen Genossen Georg Rittmeyer, der unten das Wirtshaus „Zum Goldenen Onkel“ betreibt. Der neue Untermieter nennt sich Meyer, sein Vorname wurde nicht bekannt. Tatsächlich heißt er Wladimir Iljitsch Uljanow, geboren in Simbirsk. Nach Beendigung einer dreijährigen Verbannung in Sibirien ist der promovierte Jurist auf Umwegen über die Schweiz in München angekommen.

In der aufgeblühten Stadt des Prinzregenten erwartet den Anti-Monarchisten ein liberales Klima, das – nach Recherchen des Stadthistorikers Willibald Karl, der in Verbindungen mit der aktuellen Ausstellung auch Führungen macht – bereits Tausende seiner Landsleute an die Isar gelockt hat: reiche Dauertouristen, geniale Künstler wie Wassilij Kandinski, Literaten, Verbannte, Ex-Häftlinge, Revolutionäre, etwa 600 Studenten, Spitzel der zaristischen Geheimpolizei Ochrana. Dieser Migrant, den das neue Jahrhundert nach München geführt hat, fühlt sich hier auch gleich heimisch.

Er ärgert sich zwar ein bisschen über das „Schmutzwetter“ und über die häufigen Mehlspeisen, die ihm sein fürsorglicher Wirt zubereiten lässt, doch freut er sich  – in Briefen an die Mutter - über die Münchner, die sich „öffentlich auf den Straßen amüsieren“. Selber amüsiert er sich über die „ungewöhnliche Umgangssprache“, die er nicht mal bei öffentlichen Reden versteht. Lieber büffelt er Englisch als Bayerisch. Jeden Tag sitzt er in der Staatsbibliothek. Außerdem arbeitet Herr Meyer an der Weltrevolution. Deshalb legt er sich einen weiteren Tarnnamen zu: N. Lenin.

Am 14. April 1901 kommt seine Lebensgefährtin und spätere Ehefrau aus Petrograd (später Petersburg, noch später Leningrad) verabredungsgemäß nach. Nadeshda Krupskaja, der Tochter eines adligen Zarenoffiziers, gefällt es aber in der Kaiserstraße mit dem „ärmlichen Tisch“ und dem Fenster zum Hinterhof ganz und gar nicht. Das Paar bezieht daher eine Dreizimmerwohnung in der Siegfriedstraße 14. Der bislang illegale Flüchtling rasiert seinen inzwischen polizeibekannten Spitzbart ab und meldet sich, nachdem beiden Russen die Abschiebung droht, endlich bei der Polizei an: als Dr. Jordan Jordannoff, gebürtig in „Sophia“.

Eingang zum Lenin-Haus. Foto: Karl Stankiewitz

In der neuen Wohnung wird ein Zimmer – im dritten wohnt Lenins Schwiegermutter – als Redaktionsbüro einer neuen Exil-Zeitung eingerichtet. Deren Titel: „Iskra“. Das heißt: Funke. Dieser soll nach Russland hinein zündeln und das Zarentum in Asche legen. Lenin, inzwischen Wortführer eines russisch-deutschen Verschwörerkreises, ist Chefredakteur und Chefideologe. Sein engster Mitarbeiter ist Julius Martow, der eine eher gemäßigte Umsturz-Politik vertritt und so in die Minderheit („Menschewiki“) driftet. Lenin indes erkämpft mit seinen radikalen Ideen die Mehrheit („Bolschewiki“): Kader-Herrschaft, Berufsrevolutionäre,  Avantgarde des Proletariats, Arbeiter-und-Bauern-Paradies. Immerhin scheibt er in dieser Bibel der Revolution auch: „Man muss  träumen können.“ Dergleichen propagiert der Wahlbürger von „Wahnmoching“ (Schwabing) insbesondere in seinem Hauptwerk, das ebenfalls in München entsteht: „Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung“.

Zum Sechser-Kollektiv gehört auch Wera Sassulitsch, die durch ein Attentat auf den Petersburger Stadtkommandanten zum Idol der jungen Berufsrevolutionäre wurde. Ein paar Mal kommt Rosa Luxemburg zum Gespräch in einen Münchner Bierkeller. Anfangs wird das aufrührerische Blatt in der Occamstraße 1 redigiert, wo Alexander Helphand-Parvus seine Wohnung zur Verfügung stellt. Als Erfinder der „permanenten Revolution“ gilt der jüdische Journalist aus Minsk ebenfalls als Profi. Er berät den türkischen Reformator Kemal Atatürk und organisiert 1917, nunmehr Chef des SPD-Organs „Münchner Post“, dank guter Kontakte zum Auswärtigen Amt die alles entscheidende Ausreise Lenins im plombierten Zug der Reichsbahn nach Petersburg.

Gedruckt wird zunächst  in Leipzig, weil sich nur dort Bleisätze mit kyrillischer Schrift finden. Diese werden später nach München gebracht, so dass der hiesige Sozialdemokrat Maximus Ernst den Druck übernehmen kann, in einer Straße, die nach einem Revolutionär der Drucktechnik, Alois Senefelder, benannt ist. Für den Vertrieb sorgt der Arzt Dr. Carl Lehmann, ein Freund August Bebels. Der gefährliche Schmuggel über etliche Grenzen erfolgt in doppelbödigen Koffern oder eingenäht in Mänteln.

Bei langen Spaziergängen im Englischen Garten und in den Isarauen oder bei Opernbesuchen erholen sich die „Jordanoffs“ von der aufregenden, konfliktreichen und sicher nicht ungefährlichen Untergrund-Arbeit. Unterwegs darf, so bestimmt der Naturfreund Lenin, keinesfalls über Politik geredet werden. Als in München erneut ein Zugriff der Politischen Polizei droht, wechselt der Kader im April 1901 komplett nach London. Das Mobiliar wird für zwölf Reichsmark verhökert. Und die Krupskaja, die dann noch eine Theorie für die Bildungspolitik im neuen Sowjetstaat entwirft, behält München „stets in angenehmer Erinnerung“.

Der Mann, der sich Lenin nennt, erinnert sich nur noch einmal an die Hauptstadt seiner frühen Bewegung, von der er schon früher gemeint hat: „Wer die Mariensäule in München hat, der hat Europa.“ Als ihn die Anarchisten der bayerischen Räteregierung im April 1919 telegrafisch begrüßen und Kontakt-Wünsche telegrafisch mitteilen, grüßt er zwar „von ganzem Herzen“ zurück, bittet aber kategorisch: „Sie mögen uns häufiger und konkreter mitteilen, welche Maßnahmen zwecks Bekämpfung der Henker, der Scheidemänner und Kompagnie Sie durchgeführt haben“. Folgt eine lange Liste von zutreffenden „Maßnahmen“, bis hin zur Enteignung und Geiselnahme von Angehörigen der Bourgeoisie. Lenin, jetzt Vorsitzender des Rats der Volkskommissare und mithin unumschränkter Herrscher Russlands, hat kurz zuvor zwei Schüsse einer Attentäterin überlebt.

In der Stadt München erinnert man sich an den einstigen Wahlmünchner, der die Weltgeschichte mitbestimmt hat, erst wieder im Februar 1968, als überall und besonders an den Hochschulen allerlei marxistische, maoistische, trotzkistische und erst recht leninistische Oppositions- und Rebellengrüppchen hochaktiv werden. Es ist jedoch kein Exponent einer lautstarken Kommune, sondern ein Konzertagent, der plötzlich eine Gedenktafel für den längst einbalsamierten und ausgestellten Urvater der roten Revolution spendieren möchte. Dieser Lothar Bock macht nämlich gute Geschäfte mit Tourneen sowjetischer Künstler durch die BRD.

Ausersehen hat er das Iskra-Haus in der Siegfriedstraße. Doch der Hausbesitzer befürchtet vielleicht die von Karl Marx vorgeschlagene Expropriation, jedenfalls widersetzt er sich „aus politischen Gründen“. Die Pschorrbrauerei, die ihre Bierfilze aus der DDR bezieht, schiebt die Berliner Mauer vor. Viel Kopfschütteln darob. Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel findet, eine Tafel für Lenin könnte durchaus „der Verständigung dienen“. Sogar ein CSU-Bundestagsabgeordneter, Prinz Konstantin von Bayern, macht sich „selbstverständlich“ für den Zar-Bezwinger stark, es gäbe ja viele solche Hinweise auf Leute, die ganze Länder „verwüstet“ haben.

Die Tafel. Foto: Karl Stankiewitz

Bock lässt die vom Bildhauer Karl Oppenrieder gefertigte Tafel daher in der Kaiserstraße, jetzt Haus Nr. 56, anbringen. Löwenbräu hat nichts dagegen. Der Schreiber dieser Zeilen meldet am 12.April 1968: „Sozialisten aller Couleur fanden sich zur Enthüllung ein. Altkommunisten mit roten Fahnen und bunten Orden (einer trug eine mit Hammer und Sichel geschmückte Toga) und junge Rotgardisten neuester Prägung. Botschafter Zarapkin begrüßte die „lieben Genossen und Freunde“ vor einem rotverkleideten, blumengeschmückten Podest im Vorgarten des historischen Hauses. In der Flamme der Revolution, die von Lenins Münchner Exil ausgegangen sei, sei eine neue Gesellschaftsordnung geboren worden.“

Während 70 Mitglieder des berühmten Balalaika-Orchesters aus Moskau sowie die Roaga Buam aus Ismaning noch aufspielen, wird rundum heftig protestiert: „Lenins Werk ruht auf den Gebeinen von 48 Millionen hingeschlachteten Opfern“ und „Kaliningrad wird wieder Königsberg“. Schon im August versuchen Unbekannte, die mannshoch angebrachte Tafel wegzusprengen. Später wird sie immer wieder beschmiert. Weil zum 100. Geburtstag des Ex-Untermieters am 22. April 1970 wiederum Störungen erwartet werden, feiern Abordnungen von Zentralkomitees aus aller Welt ihren Schutzheiligen schon ein paar Tage früher mit Glaubenssprüchen, Gesängen und Girlanden.

Kein Wunder, dass die Stadt München das Lenin-Haus zu den Olympischen Spielen 1972 als ähnliche touristische Attraktion anbieten will wie das eigentlich illegale Klösterchen vom Väterchen Timofej. Doch dazu kommt es nicht: Am 7. Dezember 1970 fällt die Steinplatte dem nächsten Sprengstoffanschlag zum Opfer. Die NPD jubiliert, die Ermittler gehen von einem Einzeltäter aus. Die stark beschädigte Platte verwahrt der Hausbesitzer im Keller. Für eine neuerliche Kennzeichnung findet sich in der Eigentümerschaft keine Mehrheit.

In der Stadtverwaltung bleibt die Tafel tabu. Auch dann noch, als die vom Sowjetbotschafter gemeinte Gesellschaftsordnung doch noch zersplittert und Leningrad wieder Petersburg heißt. Ein Teil des Relikts, der modellierte Lenin-Kopf, ist ohnehin verschwunden. Der Rest des Stein gewordenen Gedenkens an den Weltrevolutionär verschwindet in einem städtischen Wertstoffhof und 2011 im neuen Museumsdepot im Freimanner Hölzl, zusammen etwa mit einem historischen Kostüm des Münchner Kindls und  2,5 Millionen anderen Objekten.

Eigentlich wäre es an der Zeit, meint nicht nur die junge, zugewanderte Dame im hübschen Schreibwarenladen von Nr. 46, wenn das Haus wieder erkennbar in seinen historischen Kontext käme.

Die Ausstellungen „Wir Bayern sind keine Russen“ und „Der Kommunismus in seinem Zeitalter“ sind in der Seidlvilla noch bis 23. April 2017 zu sehen. Präsentiert wird das studentische Projekt am 28. März um 19 Uhr, eine Lesung zu Lenins Revolutionsregierung findet am 31. März um 19 Uhr statt.

Veröffentlicht am: 14.03.2017

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