"Spaniens Goldene Zeit" in der Kunsthalle

Velázquez, El Greco, Zurbaran – fulminant bizarre Frömmigkeit

von Christa Sigg

Francisco Ribalta, "Der Hl. Franziskus umarmt den Gekreuzigten", 1620, 208 x 167 cm. Museo des Bellas Artes de Valencia

Der blutjunge Monarch muss einen hellsichtigen Moment gehabt haben. Oder war es die Eingebung von oben, die der Allerkatholischsten Majestät auf die Sprünge half? Dass Philipp IV. von Spanien den noch namenlosen Diego Velázquez spontan und ohne viel von ihm zu kennen, engagiert hat, war jedenfalls der Coup schlechthin: für den künftigen Hofmaler, für das längst marode Reich der Habsburger und erst recht für die Geschichte der Kunst.

Natürlich hätte sich so einer irgendwann durchgesetzt, das Talent des Diego Rodríguez de Silva y Velázquez (1599-1660), wie er in aller Ausführlichkeit genannt wurde, war schwerlich zu übersehen. Aber im royalen Palast und mit einem fürstlichen Salär konnte sich der Künstler aus dem andalusischen Sevilla ganz anders entfalten und war nicht auf die Aufträge der Kirche mit ihren rigiden Vorgaben angewiesen. Gerade die schlichten, umso raffinierteren Porträts der königlichen Familie, der Höflinge und Aufsteiger sind es, die bis heute in ihrer Seelentiefe berühren und die selbst im kühlsten Karrieristen einen Funken menschlicher Wärme aufleuchten lassen.

El Greco, "Unbefleckte Empfängnis", 1608-13, 348 x 174,5 cm, Museo de Santa Cruz, Toledo

Dieses Übermaß an Qualität zeigt sich nach der ersten Station in Berlin nun auch in der Kunsthalle München, wo das „Goldene Zeitalter“ Spaniens noch einmal aufblühen darf. Vereinzelte Highlights wie Velázquez‘ „Mars“ oder Francisco de Zurbaráns Margareta von Antiochien mag man hier zwar vermissen, dafür ist die Schau stimmiger inszeniert und statt in Kunstzentren in die weniger verwirrenden Herrschaftsperioden aufgeteilt – von der Ära des politisch reichlich unbedarften Philipp III. am Ende des 16. Jahrhunderts über den erwähnten Philipp IV. bis zum unglückseligen, von dynastischer Inzucht arg gezeichneten Karl II.

Mit dessen Tod im Jahr 1700 endet die Macht der Habsburger in Spanien. Doch bis zu diesem Abgang tut sich ein äußerst spannendes Spektrum auf, das zunächst noch ganz unter dem Einfluss italienischer Künstler steht, die einst Philipp II. bewusst ins rückständige Reich geholt hatte. Mancher Heilige kommt da noch etwas ungelenk daher, Maler wie Juan Pantoja de la Cruz haben auf Stereotypen gesetzt. Umso fulminanter wirkt wenige Meter daneben das souverän beherrschte Farbgewitter, mit dem El Greco die „unbefleckte“ Gottesmutter (Inmaculada Oballe, 1608-13) in den Himmel auffahren lässt. Vor dem dreieinhalb Meter hohen Altarbild, das Spanien nie zuvor verlassen hat, müssen selbst aufgeklärte Geister kapitulieren.

Wer allerdings nur nach großen Namen sucht, könnte enttäuscht sein. Der außergewöhnliche Reiz dieser Ausstellung sind die unbekannten Meister, das Fremde und Befremdende, manchmal das Absonderliche einer geradezu zwanghaft auf den Glauben fixierten Kunst, die sich ohn‘ Unterlass am Leiden labt, am Sterben und überhaupt am Tod. Da umschlingt der heilige Franziskus den Gekreuzigten so innig, dass er fast aus dessen Seitenwunde trinken kann. Und seine Füße unter der bescheidenen Kutte treten das Böse, das in Gestalt einer leopardenartigen Bestie ums Kreuz drapiert ist, während ein verzücktes Englein die Gambe streicht. Da darf einem dann schon die Luft wegbleiben, bizarr ist für Francisco Ribaltas Komposition von 1620 gar kein Ausdruck.

Aber die Zeiten waren elend und das Land so abgewirtschaftet, dass die zum Dunkel-Depressiven neigende Volksseele scheinbar nur noch mit dem gewaltigen Schmerz des Erlösers und der Märtyrer zu erreichen war. Je realistischer, desto besser.

Gregorio Fernandez. Der tote Christus. 1631-36. Holz. 191 x 75 x 40cm. S.I. (Cabildo Catedral Segovia). Imagen M.A.S.

Hierzulande kaum bekannte Bildhauer wie Juan Martínez Montañéz ließen Ignatius von Loyola, dem schlagkräftigen Kämpfer der Gegenreformation und Gründer des Jesuitenordens, beim Anblick des Kruzifix‘ Tränen über die täuschend echten Wangen laufen. Es geht ums Mitleiden, dafür schienen Skulpturenszenarien geeigneter noch als jedes Gemälde. Wer jemals eine Karfreitagsprozession auf der iberischen Halbinsel erlebt hat, weiß um die theatralische Wucht der zur Schau gestellten Passionsfiguren – das ist mit einem eindringlichen Beispiel Gregorio Fernández‘ und Pedro de la Cuadras in einem verdunkelten Raum samt Filmreportage nachempfunden.

Doch es gibt eine Steigerung, die an Drastik kaum zu überbieten ist: der „Cristo Yacente“, eine liegende Christusfigur. Fernández hat diesem in den Tod geschundenen Leib organisches Leben eingehaucht, das reicht bis zu den blutunterlaufenen Fingernägeln aus Elfenbein.

Nein, in der Kunst dieses gar nicht goldenen Zeitalters haben die weltlichen Vergnügungen keinen rechten Platz. Die unbeschwert spielenden Straßenbuben Bartolomé Esteban Murillos sind in Wirklichkeit armselige Burschen, die sich eben noch eine stibitzte Pastete genehmigen, um bald wieder zu darben. Auch Stillleben sieht man selten, dafür fehlte eine wohlhabende bürgerliche Käuferschicht wie etwa in den Niederlanden. Nur auf den Bodegónes, den Gasthausbildern Velázquez‘ geht es heiter zu. Und zwischendurch darf eine Aristokratin leise lächeln. Wenn es nicht gerade eine Habsburgerin ist.

„Spaniens Goldene Zeit“, bis 26. März 2017, täglich von 10 bis 20 Uhr, Katalog (Hirmer Verlag) 29 Euro in der Kunsthalle, www.kunsthalle-muc.de

Veröffentlicht am: 26.02.2017

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