Christopher Rüpings "Hamlet" an den Kammerspielen

Rüping in the Slaughterhouse

von Jan Stöpel

Das mit dem Sterben hat Hamlet schon mal hinter sich. Sein Geist oder die kollektive Erinnerung aber schweigen nicht. Foto: Thomas Aurin

Ein Fall für den Tatortreiniger: Christopher Rüping lässt seinen "Hamlet" endlich mal von Horatio zu Ende erzählen. Und richtet mit rekordverdächtigen Mengen an Kunstblut ein fürchterliches Massaker an. Wichtiger als die neue Bestmarke an Blutvergießen: Rüpings Geschichte ist spannend. Und sie geht auf.

"Der Rest ist Schweigen". So lauten Hamlets berühmte letzte Worte, die allerdings nicht die letzten des Dramas sind. Und dann ist da noch Horatio, der die ganze Geschichte zu bewahren verspricht: "Hievon werd ich Grund zu reden haben,

und zwar aus dessen Mund, des Stimme mehre wird nach sich ziehen." Das kann man wohl sagen. Von Schweigen ist also gar keine Rede, wenn schon Hamlet selbst verstummt ist, so hat doch das Gerede über ihn gar nicht mehr aufgehört. Vor allem an den Theatern. "Hamlet" war, ist und wird sein - Pflichtstoff.

Warum eigentlich?

Das ist die Frage, die sich Christopher Rüping stellt, in seinem "Hamlet" an den Kammerspielen. Er hat Horatio beim Wort genommen. Und lässt ihn berichten. Wie war das eigentlich mit Hamlet. Ein Botenbericht, aufgeteilt auf drei Akteure - Katja Bürkle, Walter Hess und Nils Kahnwald. Hamlets Körper mag hinüber sein, sein Gedächtnis ist bruchstückhaft noch da. Die Technik macht es möglich, über eine LED-Tafel gibt der Verblichene Anweisungen (Bühne: Ramona Rauchbach). Die Namen der eben Gemeuchelten tauchen auch auf dem Band auf und werden durchgestrichen - so lange wie ein letzter Atemzug ungefähr dauert es, bis der Pixelbalken den Namen getilgt hat.

Dunkler Herrscher im Empörer-Hoodie: Nils Kahnwald und Katja Bürkle. Foto: Thomas Aurin

Die drei Horatios erzählen von Hamlet, reagieren auf die Schrift, schlüpfen im Reenactment in verschiedene Rollen, stricken eine Geschichte mit Widersprüchen, die doch nur einen Schluss übriglässt: Hamlet ist ein Fanatiker. Ein Manipulator, der die angebliche Erscheinung seines toten Vaters fingiert, um seine Gefolgsleute auf Kurs zu bringen und Claudius aus dem Weg räumen zu können. Diese alte Geschichte, heute erzählt, gehört von uns Heutigen: Sie kündet von einem Amokläufer.

Die Zeit ist aus den Fugen, nur er kann sie wieder einrenken. Behauptet er. Unter "einrenken" versteht er allerdings Vernichtung.

Rüpings Deutung der Geschichte ist stimmig. "Sein oder Nichtsein" - das ist kein Abwägen mehr, es ist eine rhetorische Frage: Sein will Hamlet, bevor das "Bewußtsein Feige aus uns allen" macht. Er wird es angehen, mit aller Tatkraft. den berühmten Monolog hört man über Lautsprecher, in Aufnahmen historischer Inszenierungen. Bis das Trio selber einsetzt, euphorisch der eine, nachdenklich der andere, beschwören, anfeuernd Katja Bürkle. Ein Aufrührer, der die Fackel der Empörung entzündet - zum allgemeinen Aufstand.

Wir sind Hamlet: Walter Hess, Katja Bürkle, Nils Kahnwald. Foto: Thomas Aurin

Das Trio auf der Bühne: Allesamt feine Schauspieler, die den Zuschauer fesseln, hochkonzentriert teilhaben lassen an der Rekonstruktion des wüsten Geschehens. Es geht ja zusammen, in bester Kammerspiele-Tradition: das souverän beherrschte Handwerk des Sprechttheaters und radikal performativer Ansatz. Performativ ist die Inszenierung in den ersten Auflagen auch unfreiwillig: Nils Kahnwald hatte sich bei den Proben verletzt, anstatt zu verschieben, hatte man sich dazu entschieden, Kahnwald im Rollstuhl über die Bühne zu karren. Der malträtierte Akteur, gefesselt an sein Gestänge, von der Kunst gezeichnet, ein Sonderfall, nicht wiederholbar. Andererseits: Das passt so gut, dass man sich womöglich auch nach der Genesung an diese Variante hält. Schon am Anfang wird die Bühne in ein Schlachthaus verwandelt (wie's der Text wortwörtlich nahelegt). Wie sollten die Akteure unversehrt daraus hervorgehen?

 

Schlagzeilen hatte die Inszenierung Rüpings schon vor der Premiere gemacht. Wegen der rund 250 Liter Kunstblut, die die Akteure übereinander und über sich ausgießen. Kübelweise schwappt der rote Saft, gekleckert wird wahrlich nicht. Sensationsheischend? Ein Blutbad ist ein Blutbad ist ein Blutbad. Rüping hat den Text wörtlich genommen.

Am Ende ist Chaos. Kunstblut vermischt mit Konfetti, umgestürzte Stühle. Ein Tatortreiniger reicht da nicht mehr, für diesen Augiasstall bräuchte es einen neuen Herkules. Einen, der die aus den Fugen geratene Zeit wieder einrenkt. Andererseits: Das hatten wir schon mal. Mit keinem guten Ende.

 

 

Veröffentlicht am: 21.02.2017

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