Die "Keramikschule Landshut" in der Galerie Handwerk München

Angelnde Fische und fliehende Kannen

von Christa Sigg

Claudia Kutsche, Anglerfisch. Galerie Handwerk München

Lockvögel? Sind von gestern. Die Landshuter haben in München einen veritablen Lockfisch aufgestellt. Der fletscht zwar die langen, greislichen Zähne, aber sein hübsches Glühbirnchen leuchtet schon aus der Ferne und zieht hoffentlich reihenweise Passanten an. Verdient hätte es nicht nur der skurrile Tiefseebewohner, sondern auch seine gebrannte Entourage. Denn die Keramikschule Landshut hat in der Galerie Handwerk, zwischen Karolinen- und Maximiliansplatz, einen beachtlichen Auftritt.

Auf zwei Etagen ist alles verteilt und fein in Szene gesetzt, was das Renommée der Ausbildungsstätte ausmacht. Und das sind nicht nur die Skulpturen, Schüsseln und Service der Lehrer und Meister von Otto Hufnagel nach dem Krieg bis zur aktuellen Schulleiterin Annette Ody, sondern genauso die Arbeiten der Schüler, die zum Teil so erstaunlich ausfallen, dass man sie locker in die Profi-Ausstellungen des Metiers stecken könnte. Verwunderlich ist das kaum. Wer die Biografien bekannter Keramikkünstler durchsieht, trifft häufig auf eine ausgedehnte Episode in Landshut. Das Institut bildet umfassend aus, das heißt, die Grundlagen werden ausführlich vermittelt – um die Drehscheibe kommt keiner herum. Ebenso legt man in den Werkstätten aber auch großen Wert auf die künstlerische Entfaltung. Man pendelt also ganz zeitgemäß zwischen Handwerk, Design und Kunst.

Wenn die Ergebnisse im Geschirrschrank landen, ist das schön – und meistens Basis für die Existenz –, doch partout nicht Voraussetzung. Wobei ein traditioneller Schwerpunkt tatsächlich in keinen Schrank passt: Kachelöfen. Mit deren Herstellung konnte sich die 1873 als Königlich Bayerische Töpferschule gegründete Institution bis in die ersten Jahre nach 1900 selbst finanzieren. Und auch die Schüler haben ein bissl was verdient, ganze 69 Pfennig waren es nach einem mühsamen Zehnstundentag. Dafür durften sie wenigstens in der Schule wohnen.

Dass die „Keramische“ seinerzeit in Landshut aufgebaut wurde, hat mit der Hafner-Tradition im nahen Kröning zu tun. Dort wollte man den Töpfern helfen, ihre Produkte technisch weiter zu entwickeln, um damit im Wettbewerb zu bestehen. Durch das neue Bleigesetz waren die Hafner zwar nicht mehr den gesundheitsschädlichen Brennvorgängen und Glasuren ausgesetzt, doch um das Handwerk weiter betreiben zu können, mussten qualitätssteigernde Alternativen her. Schließlich gab es mehr als 50 Werkstätten, die oft neben der Landwirtschaft betrieben wurden und den Leuten in einer nicht gerade reichen Gegend ein ordentliches Auskommen gesichert haben.

Diese Zeiten mögen lange vorbei sein, solide handwerkliche Fähigkeiten sind dagegen immer en vogue und in Sachen Keramik auch wieder stärker gefragt. Zumal das durch Selbstfindungstöpferkurse und dergleichen in Mitleidenschaft gezogene Image längst passé ist. Wer sich in der Galerie umschaut, entdeckt elegante rotierende Schüsseln (Susanne Körmendy, 2016), Seeigel-Dosen mit Stacheln (Leila Rosemann, 2016) und sogar fliehende Teekannen (Anne Winkler, 2014).

 

Elisabeth Schweiker, Sommerliebe. Galerie Handwerk München

Außerirdisch Anmutendes gibt’s genauso, denn Elisabeth Schweikers „Sommerliebe“ (2015/16) kann eigentlich nur einer Kreuzung aus Qualle, Duschkopf und Ufo entsprungen sein. Überhaupt hat der Humor seinen Platz, das demonstrieren Pauline Peters fantasievolle Schiffsmenagerie und Sebastian Pertls Servierplatten, auf die er Fahrräder oder einen vergnügt walzernden Wal im luftig leichten Illustrationsstil der 50er und 60er Jahre gemalt hat.

Wobei gerade auch die tierische Seite ihren besonderen Reiz hat. Schon vom Eingang aus fällt der Blick auf einen täuschend echten Windhund (Maximiliane Kumpf, 2014/15), der sich behaglich zum Schlafen eingerollt hat. Der minutiös geformte Tierschädel (1984) von Sigrid Barrett, ehemals Schulleiterin, wird von den Museen der Stadt Landshut gehegt. Und die eingangs beschriebene Anglerfisch-Lampe (Claudia Kutsche) ist sowieso der Hingucker schlechthin.

„Keramikschule Landshut“ in der Galerie Handwerk München, Max-Joseph-Straße 4 (Eingang Ottostraße), bis 18. Februar 2017, Di bis Fr von 10 bis 18, Do bis 20, Sa 10 bis 13 Uhr, Telefon 089 / 5119296

Veröffentlicht am: 08.02.2017

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