Thomas Bayrle im Kunstbau des Lenbachhauses

Ein Prophet predigt seinen Sound

von Roberta De Righi

Autobahn, 2016. Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau. Rechte beim Künstler und Johann Widauer, VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Wahnsinn, die Mechanik im Motor eines 911er-Porsches kann nicht nur ziemlich viele PS, sondern auch eine quasi spirituelle Faszination erzeugen: Wie reibungslos die Kolben in den Zylindern auf- und abgleiten. Der Frankfurter Künstler Thomas Bayrle (geboren 1937) ließ für seine kinetische Klang-Skulptur „Rosenkranz“ (2010) einen Sechszylinder aufschneiden und so wieder zusammenbauen, dass man nun mitten ins pulsierende Herz der Maschine blicken kann. Dazu hört man nicht nur Motorenlärm, sondern auch ein Gemurmel, dessen Text man erst nach einer Weile versteht: „Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes“. Und nochmal Wahnsinn, da feiern Technik und Religion gemeinsam Messe, und ausgerechnet das „Ave Maria“ begleitet eine Ausgeburt des männlichen Prinzip an sich.

Aber man sollte die Metaphern nicht überstrapazieren. Thomas Bayrle mag einfach Motoren, alle: Citroën, Moto Guzzi, Vespa  – und besonders toll sind natürlich die kreisenden Sternmotoren aus dem Flugzeugbau. Und er mag den monotonen Singsang von Rosenkranzgebeten. „Bitt‘ für uns“ ertönt es in „Hochamt“ mit Sternmotor in Endlosschleife. Falls Gott doch ein DJ sein sollte, dann ist Bayrle sein Prophet.

Das Münchner Lenbachhaus richtet dem Avantgardisten und langjährigen Lehrer an der Frankfurter Städelschule jetzt eine große Ausstellung im Kunstbau aus. Thomas Bayrle generierte schon Bilder am Computer, als die Kollegen noch im Setzkasten saßen. Und er ist berühmt für seine Prints, in denen sich die ikonische Superform aus einer Masse von lauter kleinen zusammensetzt. Zuletzt kam er 2012 auf der documenta 13 zu hohen Ehren.

Vom Kunstbau war Bayrle sofort begeistert, diesem brutal langgestreckten Schacht über dem U-Bahnhof Königsplatz, der seit 1994 dem Lenbachhaus als zusätzliche Ausstellungshalle dient und für Funktionalität und Massenmobilität steht. Er erkannte darin sofort die passende „Maschinenhalle“ für seine Artefakte. Nun wurden hier erstmals in einer Präsentation alle seine Motor-Installationen und alle seine Filme zusammengetragen. Den „typischen Bayrle“, so Kuratorin Eva Huttenlauch, sieht man – abgesehen von den Filmen – allerdings nicht.

Scheibenwischer: Bitt für uns, 2010. Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau. Vehbi  Koç Foundation, VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Und da zeigt sich dann auch, dass Künstler tatsächlich nicht zugleich gute Kuratoren für ihre Arbeiten sind. Eva Huttenlauch konnte ihn von der nur im ersten Moment zwingenden Idee einer Maschinenhalle leider nicht abbringen. Der Kunstbau ohne Einbauten hat jedoch derart aberwitzige Raumproportionen, dass sogar diese vielen Maschinen darin winzig wirken. Eine Wucht wie auf der documenta 13 bekommen sie hier jedenfalls nicht, da bräuchte es andere Dimensionen.

Da ja auch alle ziemlich laut sind, müssen die neun Motoren- und außerdem noch sechs Scheibenwischer-Skulpturen abwechselnd laufen: Denn zum Vespa-Motor singt die Callas, bei Citroën die Piaf und zum Ford-Scheibenwischer hört man Velvet Underground & Nico. Schon so erzeugen sie zwar ein enormes Grundrauschen im Kunstbau, so dass einem die mit Kopfhörern ausgestatteten Wärter leidtun. Dennoch steht man stets vor mehr als der Hälfte der Exponate ohne Ton und Action – und irrt suchend weiter.

Wenn es aus Experten-Sicht auch nachvollziehbar sein mag, den „typischen Bayrle“ wegzulassen: Im Sinne des Publikums ist das nicht. Denn nicht jeder kennt ihn so gut, und die Aneinanderreihung der Motoren sorgt dafür, dass ihre Wirkung nachlässt. Die Mechanik hätte den graphischen Gegenpart bitter nötig gehabt – gerne auch im Großformat wie auf der documenta 13.

Zwar sind drei Film-Projektionen (darunter „Autobahnkopf“ und „Gummibaum“) in die „Maschinenhalle“ integriert; die „typischen Bayrle“-Videos auf Monitoren wiederum aber laufen in dem einzigen Extra-Raum des Kunstbaues. So fällt vor allem die 30 Meter lange Wand-Installation der „Autobahn“ formal aus dem Rahmen: Ein gewaltiges Relief in Grau, eine Art entschleunigte Carrera-Bahn. Bayrle, der schon viele solche Bahnen gebaut hat, sagt dazu, diesmal sei es wirklich die letzte.

Monstranz, 2010. Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau. Rechte beim Künstler und Museum Ludwig, Köln. VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Tatsächlich steckt darin einiges: Die Autobahn verweist auf uneingeschränkte Mobilität als Grundlage des so genannten Fortschritts. Als Netzwerk, das den Warenverkehr ermöglicht und alle verbindet. Begonnen wurde mit den ersten Trassen bereits in der Weimarer Republik, aber erst in der NS-Zeit wurden die „Reichsautobahnen“ ideologisch überhöht und ihr Bau – bald mit Tausenden von Zwangsarbeitern – systematisch vorangetrieben. Ja, das erwähnt Bayrle auch. Dennoch übertönt in seinem Werk die Faszination den „Alptraum Auto“.

Das legendäre „Autobahn“-Album von „Kraftwerk“ erschien übrigens 1974, ein Jahr nach den Sonntagsfahrverboten der ersten Ölkrise. Da hatte Thomas Bayrle noch kein Autobahn-Relief gebaut. Diese Ausstellung, mitten im digitalen Zeitalter – und mitten in der BMW-Stadt München – lässt sich allzu leicht als Abgesang auf die Ära des Verbrennungsmotors interpretieren. Doch es scheint, als ginge diese doch noch gar nicht so schnell vorüber, wie wir Weltretter es gerne haben würden.

Lenbachhaus Kunstbau, bis 5. März 2017, Di – So 10 bis 18 Uhr

Veröffentlicht am: 28.12.2016

Über den Autor

Roberta De Righi

Roberta De Righi ist seit 2010 Mitarbeiterin des Kulturvollzug.

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