"Francis Kéré. Radically Simple" in der Pinakothek der Moderne

"Hier ist man verwöhnt, hier hat man alles"

von Christa Sigg

"Lycée Schorge" Qugadougou, Burkina Faso, 2016. Daniel Schwartz / Gran Horizonte Media

Der Architekt Francis Kéré (51) aus Burkina Faso, der sein Studium an der TU Berlin mit dem Bau einer Grundschule in seinem Heimatdorf Gando abgeschlossen hat, steht wie kaum ein anderer für den Wandel in der Architektur. In der Hauptstadt Ougadougou baut er gerade das Parlament. In der Pinakothek der Moderne wird seine Arbeit der letzten 15 Jahre vorgestellt.

Er weiß, wie aus dem Nichts etwas entsteht. Francis Kéré hat das in seiner afrikanischen Heimat mit Schulen und Krankenhäusern bewiesen. Gute Ideen und die Gemeinschaft ersetzen dort das Geld. Damit wäre Kéré für das finanziell gebeutelte Berlin eigentlich der richtige Mann. Jetzt soll er auf einem Hangar des Flughafens Tempelhof erst einmal ein mobiles Theater für die Volksbühne entwickeln. Kéré hat schon Ambitionierteres wie etwa Christoph Schlingensiefs Operndorf-Projekt in Burkina Faso gestemmt. Unter dem vielsagenden Titel „Radically Simple“ richtet ihm das Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne eine umfassende Werkschau aus.

Herr Kéré, jetzt geht’s in Deutschland richtig los. Sie werden in Mannheim und Münster ehemalige US-Kasernen umbauen, und in Berlin folgt gleich der nächste Coup.

FRANCIS KÉRÉ: Na, ich bin ja auch ein deutscher Architekt, hier wurde ich ausgebildet, mein Büro ist in Berlin – übrigens keine zehn Minuten vom Flughafen entfernt. Und dass nun Chris Dercon, der künftige Intendant, mit mir ein temporäres Theater machen will, ist doch eine wunderbare Sache. Die Volksbühne hat eine so traditionsreiche Geschichte, da will man gerne dabei sein.

Wo sind die Bauherren schwieriger zufrieden zu stellen, in Afrika oder Europa?

In Europa. Die Sache ist simpel: In Burkina Faso überlebt eine Lehmwand keine Regenzeit. Wenn Sie es schaffen, dort ein Gebäude zu bauen, das über Jahre unverändert steht, machen Sie einen Bauherren sehr, sehr glücklich. Hier ist man verwöhnt, hier hat man alles.

Und entsprechend steigen die Ansprüche.

Vielleicht haben die Menschen vergessen, was ihnen alles zur Verfügung steht. Hier gibt es Ressourcen, Zugang zu Informationen, Bildungschancen, Kreativität… für mich ist Deutschland ein Paradies.

Ihre Dächer schweben und Sie haben ein Faible für leichte, bunte Materialien. Hier wird Grau in Grau gebaut, viel weiß, manchmal schwarz. Sind wir zu ernst? 

Grundschule, Operndorf in Laongo, Burkina Faso, 2016. Foto: Daniel Schwartz / Gran Horizonte Media

Ich glaube, wir sollten uns endlich klar machen, dass unsere Lebensdauer begrenzt ist. Wir müssen nicht für die Ewigkeit bauen. Die Nachfrage nach Wohnraum steigt, alles ist im Wandel. Wenn jedes Gebäude ewig halten soll, werden wir diesen Aufgaben nicht gerecht.

Auf der anderen Seite wird hier oft sehr teuer gebaut, und nach zehn Jahren muss man schon wieder sanieren.

Es muss schon gut gebaut werden, aber nicht schwerfällig. Man sollte Architektur sowieso als etwas Freudvolles betrachten. Und dazu gehören auch Farben und eine gewisse Leichtigkeit.

Sie waren der Erste im Dorf, der eine Schule besuchen durfte. Dann konnten Sie über ein Stipendium in Deutschland studieren. Lastet da nicht viel Druck auf den Schultern?

Als ich zur Schule ging, haben das viele Leute als Verlust betrachtet. Mein Vater wurde belächelt: „Der Häuptling lässt seinen Erstgeborenen lesen und schreiben lernen, anstatt ihn auf die Felder zu schicken.“ Aber mein Vater hatte sich mehr dabei gedacht. Wenn er Post von der Regierung bekam, musste er oft monatelang warten, bis ein Beamter ins Dorf kam, um den Brief vorzulesen. Der Druck stieg dann vor allem, als ich zum Studieren ging. „Er muss zurückkommen, um zu heiraten“, hieß es dauernd. Im Dorf hat ja keiner gesehen, was ich mache. In Burkina ist das Wichtigste, Kinder groß zu ziehen. Erst als ich mit den Bauprojekten in Gando begann, hat man verstanden, weshalb ich weg war.

Wie kam Ihnen Deutschland Anfang der 90er Jahre vor?

Kalt! Sehr kalt! Fürchterlich kalt!

Sie meinen aber nicht nur die Temperaturen?

Nein, die Leute hatten alle keine Zeit. München war ja meine erste Station in Europa, hier habe ich im Carl Duisberg Centrum sechs Monate lang Deutsch gelernt. Damals bin ich immer in die Innenstadt gefahren, wo ein riesiges Thermometer an einer Hauswand hing. Ich war völlig begeistert, wie tief die Temperaturen hier sinken können!

Machen die Menschen bei niedrigen Temperaturen eher dicht?

Wohl schon, aber die größte menschliche Distanz löst sich irgendwann auf, und dann haben die Leute doch Zeit, und dann sind sie doch warm. In Bayern waren sie sogar besonders liebenswürdig.

Stimmt es, dass die Bewohner Ihres Dorfes enttäuscht waren, als Sie mit ihnen zusammen die erste Grundschule aus Lehm bauen wollten?

O ja! Die Menschen meiner Heimat sehnen sich nach Modernität, sie dachten, dass ihr traditionelles Material nicht lange hält. Deshalb wollten sie eine westliche Schule. Aber ein Bau muss ja zum Land passen und auf lange Sicht finanzierbar sein.

Zur Stabilisierung setzen Sie aber Stahlträger ein.

Genau, wir haben das Alltägliche mit neuer Technologie weiterentwickelt. Jetzt wird der Lehm in Formen gepresst, damit kann man schneller und stabiler bauen. Doch es wäre unsinnig, in Burkina ein Haus zu errichten, das mit Klimaanlagen gekühlt wird. Das verschlingt Unmengen an Strom. Also habe ich einen Kühlungskreislauf entwickelt, der sich selbst trägt.

In Deutschland wurden Sie durch die Arbeit mit Christoph Schlingensief bekannt. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?

Viele! Wahnsinn! Ich erinnere mich an einen umtriebigen Künstler, der nie aufgehört hat, das Gewohnte in Frage zu stellen, auch sich selbst. Christoph war immer auf der Suche, in ihm steckte eine unglaubliche Energie, die er auch auf andere übertragen hat. Er war ein Visionär.

In Burkina Faso ein Opernhaus zu bauen, haben viele kritisiert.

Und zu Recht.

Also sind Sie erst einmal auf die Bedürfnisse der Bevölkerung eingegangen und haben eine Schule gebaut. Ein bisschen subversiv war das schon.

Wohnanlage im Operndorf, Laongo. Burkina Faso, 2016. Foto: Daniel Schwartz / Gran Horizonte Media

Sagen Sie das aber nicht laut. Doch im Ernst, Christoph hat mir einmal gesagt, er teilt gerne und mag sich auch in die Arbeit anderer einbringen. Insofern war das ein Angebot zu einer ganz offenen Kooperation. Dass ein Opernhaus im europäischen Sinne nicht akzeptiert würde, war völlig klar. Wir hatten in Burkina niemals das Geld für so etwas. Für Christoph war aber der Prozess, das gemeinsame Entwickeln ganz entscheidend. Er sah in meiner Arbeit eine soziale Plastik, weil alle eingebunden waren, und das fand er gut.

Was passiert zurzeit?

Es werden Künstlerhäuser gebaut. Wir wollen, dass Künstler zu uns kommen und dort leben. Lehrer wohnen schon vor Ort, es gibt eine Krankenstation, die Schule platzt bereits aus allen Nähten, also werden wir sie erweitern. Sie sehen, es hört nicht auf.

Gehen Sie eigentlich in die Oper?

Aber ja, Oper ist etwas Wunderbares! Und wenn Sie mit einem Künstler wie Christoph gearbeitet haben, verstehen Sie auch den Sinn dieser Einrichtung. Ich liebe die schönen Künste, meine Kultur schätze ich aber genauso. Ich mag die Gegensätze, sie helfen mir, meine Position in der Mitte zu stärken.

 

„Francis Kéré. Radically Simple“, bis 26. 2. 2017, Di bis So 10 bis 18, Do bis 20 Uhr, Pinakothek der Moderne, Katalog (Hatje-Cantz) 34,80 Euro

Veröffentlicht am: 30.12.2016

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