Shakespeares Sturm am Volkstheater

Der Letzte räumt die Bühne auf

von Michael Weiser

Der Luftgeist im Kostüm à la Arcimboldo, der Hofstaat verblüfft: "Der Sturm" am Volkstheater. Foto: Arno Declair

Christian Stückl und sein Bühnenbildner Stefan Hageneier richten Kleinholz an: Shakespeares „Sturm“ fegt durchs Volkstheater. Und kommt dem Vorwurf der Harmlosigkeit mit durchaus naheliegender Kolonialismuskritik zuvor.

Als die Geschichte anfängt, ist schon alles hinüber. Ein wirrer Haufen Holzes, ein abgebrochener Mast – es ist ein führerloses Wrack, das sich aus dem Scheinwerfergewitter schält. Darauf: eine disperate Gesellschaft. Das Staatsschiff von Neapel, es ist in Seenöten, und alles Brüllen verhindert nicht die Bruchlandung an unbekannter Küste. Es sind fünf irrwitzige Minuten am Volkstheater, die den Hofstaat an die Grenzen der bewohnten Welt und den Zuschauer an den Rand seiner Nerven bringen. Danach – Stille.

Und die beruhigt einen natürlich nicht wirklich. Man hört die beanspruchten Scheinwerfer knistern und knacken, es klingt, als kühlte da verkokeltes Holz ab. Ein Schlachtfeld. Das wird es auch bleiben.

Wir sitzen ganz schön in der Scheiße: Jean-Luc Bubert und Jakob Geßner. Foto: Arno Declair

Volkstheater-Intendant Christian Stückl und Stefan Hageneier gelingen gleich zu Beginn eindrucksvolle Bilder, von einer Anschaulichkeit, die den Ton des Abends vorgibt. Es wird geholzt werden, im Stück wie in der Inszenierung. Na klar, wie irgendwie immer bei Shakespeare geht es um Macht, um diePole-Position in der Politik, aber auch um Dominanz in den Beziehungen unter den Menschen. Aber beim „Sturm“ geht es eben auch ganz grundsätzlich darum, auf welch schwankenden Grund die Menschen nach Macht streben. Und wie fragwürdig, wie dämlich sie sich dabei mitunter anstellen. Das ist natürlich – siehe das Matrosenduo Trinculo und Stefano – auch sehr lustig anzuschauen.

Stückl, dieser barocke, zuweilen verspielte Bebilderer klassischer Dramenstoffe, nutzt diesen Vorteil wie ein Fußballer mit freiem Schuss aufs Tor: mit voller Wucht. In welcher Ausgiebigkeit sich die beiden Leichtmatrosen am Ende in der Scheiße wälzen, mag den einen oder anderen Zuschauer irritieren. Sollte Shakespeare wirklich so wonnevoll in den Abgründen menschlicher Befindlichkeit gegründelt haben? Hat er, wenn auch nicht unbedingt in dem Wortlaut. Wie sich Truncolo (Jakob Geßner) und Stefano (Jean-Luc Bubert) da witz- und wortreich auf Abwege geraten und mit der bärbeißigen Schicksalsergebenheit geborener Verlierer in das böse Ende fügen, gehört zu den Höhepunkten eines insgesamt kurzweiligen Abends. Der Mensch kann gut in Scheiße schwelgen. Und manchmal, so der böse Eindruck, ist das nicht das Schlechteste, was man mit seiner Zeit anfangen kann.

Nicht alle Konstellationen funktionieren so gut, das sei auch gleich mal bemerkt. Ferdinand (Jonathan Müller) und Miranda (Carolin Hartmann) schaffen es, so gut wie keinen Funken springen zu lassen. Das wirkt dann doch eher wie eine unbedarfte Jugendliebelei. Alonso, König von Neapel (Roman Roth), und der Rest der Hofgesellschaft sehen sich in dieser Inszenierung zu blassen Randfiguren degradiert, sogar der subtilste in dieser Schar: Thomas Kylau als Gonzalo. Enno Haas gibt – Alter und Ausbildungsstand entsprechend – einen weniger souveränen und ätherischen als viel mehr lausbubenhaften Ariel. Matthias Lilienthal, ein paar Kilometer weiter an den Kammerspielen, würde sagen: tolle Street Credibility. Aber leider nicht das richtige Idiom.

Hier spielt die Musik: Zwischen Prospero (Pascal Fligg) und Caliban (Timocin Ziegler) kracht's. Foto: Arno Declair

Das spannendste Paar bilden Prospero (Pascal Fligg) und Caliban (Timocin Ziegler). Der eine ein durchaus machtbewusster Fürst im Exil, der nach Wiedergutmachung dürstet und doch nichts dabei findet, selbst dreist Land zu rauben. Ein Guru mit Stoppelfrisur und Bart, ein bezwingender, nicht unbedingt berückender Prospero.

Der andere: ein Unterworfener aus der Frühzeit des Kolonialismus, dem die eben erlernte Sprache seines Beherrschers auch nur zum Fluchen dienen kann. So bezwingend sieht man Ohnmacht auch nicht immer gespielt wie in seiner Tanzszene: Da ist Wut zu spüren, auch ein bisschen Traumverlorenheit, Unbeholfenheit und Kraft. In all dem Lärmen gelingt da etwas vollkommen Unerwartetes. Kurz: Der so erbitterte wie leise Zweikampf dieser beiden lässt sich mühelos in einen großen Zusammenhang der Weltgeschichte einordnen. Diese beiden bilden das Kraftzentrum, sind so was wie die Intarsienarbeit im grob geschnitzten Holz.

Am Ende glätten sich die Wogen, die Hochwohlgeborenen dürfen sich halbwegs versöhnt auf den Heimweg machen. Nur Caliban muss bleiben und die Trümmer aufräumen. Wie's halt so ist im langen Lauf der großen Geschichte.

Nächste Termine: 3., 8., 28. und 29. November, 9., 14., 15. und 25. Dezember 2016.

 

Veröffentlicht am: 03.11.2016

Über den Autor

Michael Weiser

Redakteur, Gründer

Michael Weiser (1966) ist seit 2010 beim Kulturvollzug.

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